Warschau 2013

„Warschau geht jeden etwas an“ – ein Gespräch mit Karsten Sach über die Klimakonferenz in Polen

Der Veranstaltungsort der Klimakonferenz war ein Stadion in Warschau. (Foto: © Nicole Scharfschwerdt)

Gleich der Start der Klimakonferenz 2013 in Warschau war turbulent: Japan kippte seine bisherigen Reduktionsziele, der philippinische Delegierte Naderev Saño kündigte einen Hungerstreik an, um ein Ergebnis zu erzwingen, und die polnische Kohleindustrie veranstaltete einen Gegengipfel. Zum ersten Mal verließen auch einige Mitglieder von Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) die Tagung frühzeitig. Sind wir dem weltweiten Klimaschutzabkommen überhaupt einen Schritt näher gekommen? Ein Gespräch mit Karsten Sach, Ministerialdirigent im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, der die deutsche Delegation vor Ort geleitet hat.

Herr Sach, mit welchen Erwartungen ist die deutsche Delegation nach Warschau gefahren?

Wir wollten einen klaren Zeitplan für die weiteren Verhandlungen über ein globales Klimaabkommen, das 2015 auf der Konferenz in Paris beschlossen werden soll. Den haben wir bekommen. Die Beratungen haben außerdem gezeigt, dass die Vorstellungen der Staaten hinsichtlich des Designs dieses Abkommens gar nicht so weit auseinander liegen. Nur wenn es darum geht, wer welche konkreten Beiträge erfüllen muss und was als Beitrag einzelner Staaten gerecht und angemessen ist, gibt es Unterschiede. Immerhin haben sich die Gewichte der Länder in den letzten 20 Jahren bedeutend verschoben: Deutschlands Anteil am Weltsozialprodukt wird immer kleiner, der Anteil der Schwellenländer größer. In China beispielsweise wird viel für den Klimaschutz getan, aber man ist noch nicht bereit, den Status als Entwicklungsland in Frage zu stellen und sich auf ein rechtsgültiges Abkommen einzulassen.

Deutschlands Rolle in Warschau

Dennoch – Deutschland bleibt ein wichtiger Geldgeber …

Deutschland ist nach wie vor der zweitgrößte Klimafinanzier der Welt. Dieses Jahr haben wir 1,8 Milliarden Dollar für Projekte zur Verfügung gestellt, die vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, von der Förderbank KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau), der Weltbank oder dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP umgesetzt werden. Eines der innovativsten Projekte ist der Anpassungsfonds, der Mittel für Staaten zur Verfügung stellen soll, die besonders vom Klimawandel betroffen sind. Diese Staaten sollen damit Strategien entwickeln, wie sie sich besser gegen extreme Bedingungen schützen können. Dieser Fonds speist sich hauptsächlich aus einer Abgabe auf die Emissionszertifikate des Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung (Clean Development Mechanism, CDM), die die Reduktion von Treibhausgasemissionen unterstützen sollen, für die der Markt jedoch eingebrochen ist. Um das Finanzierungsziel dennoch zu gewährleisten, waren 100 Millionen US-Dollar nötig, 40 Millionen davon kamen aus Deutschland.

Bei der Klimakonferenz fand auch eine Nebenveranstaltung zur deutschen Energiewende statt, die Sie mitbestritten haben. Wie groß ist das internationale Interesse an diesem Thema?

Bei den Veranstaltungen, die rund um die Hauptkonferenz stattfanden, hat man gesehen, dass ein großes Interesse an konkreten Strategien und Emissionsprojekten besteht – es geht nicht nur ums Geld. Viel wichtiger ist, voneinander zu lernen und sich gegenseitig ernst zu nehmen. Mit den Projekten soll der Inhalt der Verhandlungen „anfassbar“ und wiederholbar gemacht werden. Bei unserem Vortrag zur Energiewende war der Raum brechend voll. Es ging dabei nicht nur um politische Dimensionen. Der Vorstandsvorsitzende der Höchstspannungsnetz-Betreiberfirma 50Hertz, Boris Schucht, hat zusätzlich die unternehmerische Seite und Konflikte dargestellt. Wir haben große Anerkennung dafür erfahren, dass wir den Suchprozess der Energiewende mit anderen teilen. Die Hoffnung: Wenn es bei uns klappt, werden dem auch andere folgen – mit Mut, Zuversicht und ökonomischer Weisheit.

Hoffnung statt Verdruss

Ihre Eindrücke von der Klimakonferenz klingen viel hoffnungsvoller als alles, was wir in den Medien gehört haben. Woran liegt das?

Warschau war eine Vorbereitungskonferenz für Paris, und sie fand in einem schwierigen Umfeld statt. Die Auswirkungen dieser Konferenz sind vor allem im Kleinen sichtbar, so hat sie zum Beispiel die innenpolitische Debatte in Polen hinsichtlich der Kohleabhängigkeit in Gang gebracht. Ich bin seit 15 Jahren dabei und sehe, dass es noch ein weiter Weg ist. Aber wir wissen: Zukunft ist nur mit Klimaverträglichkeit möglich, deshalb ist es die Mühe wert. Sowohl technologisch als auch was das soziale Lernen angeht, haben sich schon enorme Veränderungen abgezeichnet.

Abstrakte Dokumente, Zahlen und Beschlüsse kommen als Ergebnis aber nicht beim Verbraucher an. Mit Kritik wurde deshalb auch dieses Jahr nicht gespart. Warum brauchen wir die Klimakonferenz trotzdem, auch wenn sie auf den ersten Blick gar keinen direkten Einfluss auf uns hat?

Jede Form eines globalen Abkommens, ob es um Menschenrechte, Abrüstung oder Klima geht, hat verschiedene Ebenen. Einerseits braucht es ein Gremium, das international festlegt, welche Grundprinzipien gelten. Zum Beispiel das Ziel, dass sich die globale Temperatur um maximal zwei Grad Celsius erhöht. Wir schaffen Medienaufmerksamkeit und ein Völkerrecht, das dann in den einzelnen Staaten umgesetzt werden muss. Völkerrecht bindet nur Staaten, nicht Sie oder mich als Person. Aber in der Umsetzung geht es um die Verpflichtung des einzelnen Bürgers – durch Preissignale oder das konkrete Verbot von Produkten. Und dann geht Warschau jeden etwas an.
Rita Orschiedt
ist Redakteurin und freie Journalistin. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2014

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