Klima und Kultur – Künste

Kunst in Zeiten des Klimawandels: Warum sollte man bleiben lassen, was am Himmel so gut aussieht?

Eine der „Atlantis“-Installationen von Tea Mäkipää, Reykjavik 2008; © Tea MäkipääEine der „Atlantis“-Installationen von Tea Mäkipää, Reykjavik 2008; © Tea MäkipääDer Klimawandel verändert nicht nur die Welt. Er verändert auch unseren Blick auf diese Welt. Das zeigen die Arbeiten zeitgenössischer Künstler in einer ganzen Reihe von Ausstellungen überall in der Welt.

Künstler sind sensible Wesen mit einem feinen Gespür für die drängenden Fragen ihrer Zeit. Wie sehr die ökologische Frage und der Klimawandel die Kunstszene beschäftigen, lässt sich immer öfter in Museen und Galerien rund um den Globus besichtigen. In den Vereinigten Arabischen Emiraten stand 2007 die Sharjah Biennale unter dem Motto Art, Ecology and the Politics Of Change. Explizit um den Klimawandel ging es der Ausstellung Moralische Fantasien. Kunst und Klimawandel in diesem Frühjahr in Leverkusen, Something from Nothing in New Orleans (2008) reagierte auf die Auswirkungen von Hurricane Katrina. Die Londoner Ausstellung Radical Nature im Sommer 2009 stellt Entwürfe für ein harmonisches Zusammenleben von Natur und Mensch aus und holt dazu Siebzigerjahre-Utopien von Architekten und Künstlern hervor.

„Reduce Artists Flights“

Tue Greenfort: „Producing 1 kilogram of PET PL requires 17,5 kilograms of water and results an air emission of 40 grams of hydrocarbons“, 2004, PET-Wasserflasche, Berliner Leitungswasser, Format variabel; courtesy Galerie Johann König, Berlin2006 verfasste die Künstlerin Tea Mäkipää 10 Commandments for the 21st Century: „1. Fliege nicht, 2. Recycle…“ Die Liste vor einem Schönwetter-Bildhintergrund wirkt schon heute beinahe trivial: Gebotslisten dieser Art veröffentlichen inzwischen auch das Bundesumweltministerium, die EU-Kommission oder der Umweltverband BUND. Sehr anschaulich sind Mäkipääs Atlantis-Installationen, mit denen sie 2008 in Reykjavík die zunehmende Hochwassergefahr in Küstenregionen ins Bild oder besser: in die Landschaft gesetzt hat.

Auf eine einzige Forderung konzentriert sich Gustav Metzger: „Reduce Artists Flights (RAF)“ (2007) steht auf einem Faltblatt, das er anlässlich der Skulptur.Projekte Münster (2007) entworfen hat. Die modernistische Typo zitiert die Grafik von Royal-Air-Force-Postern aus dem Zweiten Weltkrieg. Wie destruktiv die Menschheit sein kann, macht Metzger in seiner künstlerischen Arbeit immer wieder aufs Neue deutlich.

Dass für die Herstellung einer einzigen PET-Flasche mehr Wasser verbraucht wird als sich in ihr abfüllen lässt, reflektiert Tue Greenfort mit seiner Arbeit Producing 1 kilogram of PET plastic requires 17.5 kilograms of water and results in air emissions of 40 grams of hydrocarbons (2004). Die unter Einfluss von Hitze auf ein Volumen von ungefähr 0,5 Liter geschmolzene Plastikflasche symbolisiert die energieaufwendige Herstellung banalster Alltagsprodukte.

Exzess und Hedonismus

Standbild aus dem Video „Sary Schagan / Balschach See“, 18.04.2008, 16:14–17:16, Jahr 2008, Zeit 62 Minunten; courtesy Galerie Eigen + Art Leipzig/BerlinMeditativ dokumentarisch geht Olaf Nicolai in seiner Videoarbeit Sary Schagan vor. Letztes Jahr fuhr er mit dem Zug um den Balschach-See, der in Kasachstan liegt und wie der bekanntere Aralsee versteppt und versalzt. Der Grund dafür ist in beiden Fällen derselbe: die exzessive Landwirtschaft. Vom Zugfenster aus filmt Nicolai eine Stunde lang die reduzierte Landschaft mit Trafostationen und verlassenenen Siedlungen. Die kommentarlosen Bilder laufen auf einem futuristischen Brionvega-Monitor ab, einer italienischen Stilikone aus den Sechzigerjahren. Ein gealtertes Symbol der genauso technologieversessenen Moderne des Ostens ist die Raketenstation in Sary Schagan. Bei der unkommentierten Videoarbeit bleibt viel Zeit für das Nachdenken über Exzess und Hedonismus in der Industriekultur.

Die Herausgeber des Berliner Kunstmagazins Starship haben 2008 befreundete Künstler und Künstlerinnen eingeladen, ein Plakat zur Dialektik von Nachhaltigkeit und Exzess zu gestalten. Nils Norman setzt entschieden auf Nachhaltigkeit: In der nüchternen Form einer Checkliste führt er wichtige Vorkehrungsmaßnahmen auf, die vor Eintritt einer Flut ratsam sind. Informationen also, wie sie sonst vom Bürgermeister oder der Feuerwehr in die Briefkästen verteilt werden sollten. Ein wesentlicher Unterschied besteht aber in der Gestaltung: Den Hintergrund ziert eine Zeichnung im Comicstil, es fließt hellgrüne Farbe ins Bild. Nils Norman ist Brite und hat im Juli 2007 die Flutkatastrophe im Süden und Westen Englands verfolgt.

Zeichen der Zeit

Martin Ebners Beitrag zur Plakataktion des Kunstmagazins Starship 2008: „reduce art flights“; © StarshipMit seinem Starship-Plakat für weniger Künstlerflüge grüßt Martin Ebner den Konzeptkünstler der älteren Generation, Hello to Gustav Metzger. Doch das Motiv ist ein anderes: Vor einem strahlend blauen Himmel zeichnet sich im Gegenlicht messerscharf ein steiler Kondenzstreifen ab – warum sollte man bleiben lassen, was am Himmel so gut aussieht?

Die Kunst befindet sich in einer ständigen Orientierungsphase, ist Ergebnis von fortlaufenden Lern- und Lehrprozessen. So unterschiedlich die hier angesprochenen künstlerischen Arbeiten sein mögen, eines haben sie gemeinsam: sie alle spiegeln das Gefühl der Ambivalenz, das sich einstellt, wenn man Dinge genießt, um deren schädliche Folgen man weiß. Sie bewegen sich dabei zwischen Sehnsucht und Ohnmacht, prononciertem Aktivismus und leiser Kritik. Eines sind sie ganz gewiss, Zeichen ihrer Zeit.

Vera Tollmann
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin. Zum Thema Klimawandel kuratierte sie im Frühjahr 2008 zusammen mit Sophie Goltz, Christine Heidemann und Anne Kersten die Ausstellung „Katastrophenalarm“ (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin).

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Mai 2009

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