Klima und Kultur – Künste

Die Kunst nimmt Abschied vom Automobil

Motokalypse Now (2008); © Tea MäkipääMotokalypse Now (2008); © Tea MäkipääLange Zeit war das Automobil eine Ikone westlichen Lebensstils. Doch der Verbrennungsmotor ist ein Auslaufmodell. Und der Abschied vom benzingetriebenen Auto ein drängendes Thema – auch für die Kunst.

In seinem Spielfilm Smog inszenierte Wolfgang Petersen 1972, kurz vor der Ölkrise, überzeugend eine massive Umweltkatastrophe im Ruhrgebiet. Mit der simulierten Dokumentation, für die der Filmemacher diverse Stilmittel der Berichterstattung wie Umfrage bei Autofahrern oder Studiokommentare einsetzte, überrumpelte er das Publikum: Während der Film ausgestrahlt wurde, riefen zahlreiche besorgte Zuschauer im Sender an, die wissen wollten, ob es wirklich wahr sei, was sie da gerade sähen. Petersen war ein eindringlicher Weckruf gelungen.

Zur Zeit der Ölkrise 1973 mit ihren konkreten Auswirkungen – kein Benzin an den Tankstellen – reagierten Architekten, Designer und Künstler mit aus der Not geborenen Do-it-yourself-Anleitungen. Der Klimawandel indes ist im Alltag der meisten Menschen bisher noch nicht so recht angekommen. Deshalb versuchen Künstler, die sich mit dem Thema beschäftigen, bekannte Ursachen wie Autoabgase so konkret wie möglich zu fassen. Damit leisten sie stellvertretend für uns alle Abschiedsarbeit vom Auto, der liebgewonnen Ikone westlichen Lebensstils.

„Motocalypse Now“

Motokalypse Now (2008); © Tea MäkipääTea Mäkipää mit ihrer Auto-Installation Motocalypse Now (2007) die Zukunft vorweg: Auf einem Grabstein steht „Petroleum fuelled car, 1885 – 2010, Rest in Peace“ und über eine ältere Mercedes Benz-Limousine ist Efeu gewachsen – die Botschaft ist unmissverständlich.

In Microclimate (2008), einer anderen Arbeit Mäkipääs, wird die Autofahrt zum Horror: Autoinsassen scheinen nicht mehr aus einer Abgaswolke herauszukommen, als säßen sie in einer Installation von Gustav Metzger. 1970 hatte der schon ein Auto durch London fahren lassen, auf dessen Dach eine durchsichtige Plastikbox befestigt war. In der Box sammelten sich die durch einen Schlauch hineingeleiteten Abgase des Autos und perlten als dunkle Tropfen ab.

„Kunst muss Gefahren zeigen, die man nicht wahrnehmen will“

White Trash (2008); © Folke Köbberling und Martin Kaltwasser1972 hatte Metzger eine Installation geplant, bei der er die Abgase von Autos in einen Plastikkubus leiten wollte. Dieses Konzept konnte er weder bei der ersten UN-Umweltkonferenz in Stockholm 1972, bei der documenta 5 im selben Jahr, noch bei der UN-Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992 realisieren. Der Kubus hätte durchlöchert werden sollen, sodass die Luft extrem schädlich geworden wäre. Für Metzger ein selbstverständlicher Effekt: „Ich habe Kunst immer so verstanden, dass sie Gefahren zeigt, die man nicht wahrnehmen will.“

Michel de Broin führt den ideologischen Streit zwischen Auto und Fahrrad humorvoll ad absurdum: In einem als Tretauto adaptierten Auto rollen in dem Video Shared propulsion car seine Fahrer durch die Stadt, ein Fahrrad hat er in dem Video Keep on smoking mit einem rauchenden Auspuff ausgestattet – in de Broins verkehrter Welt geht es um die richtige Nutzung, nicht das richtige Fortbewegungsmittel.

Unter dem Titel White Trash haben Folke Köbberling und Martin Kaltwasser im Winter 2008/2009 einen 1:1 SUV-Nachbau aus Holz einige Wochen quer auf dem Parkstreifen einer vielbefahrenen Berliner Straße abgestellt – auch wenn es nicht der Stadtteil war, in der diese globalisierte Luxusklasse, die das Image des Autofahrens neu definiert hat, eigentlich gefahren werden. Über Wochen hinweg vergammelte die Oberfläche des sonst so glänzenden Produkts.

„Art Cars“ – Abschied von gestern

Bestrafe einen, erziehe hundert; Beitrag von Christoph Sefera zum Plakatprojekt Seinesgleichen geschieht / The Like Of It Now Happens Excess and Sustainability, 2008; © Starship MagazinIn Die Revolution der Städte hat der Soziologe Henri Lefebvre vorausgesehen: „Der Tag rückt näher, da man die Rechte und die Macht des Autos wird einschränken müssen, was nicht ohne Mühe und Scherben abgehen wird.“ Wie dies in der Praxis aussehen könnte, zeigt mit radikalen Mitteln das Mao zitierende Plakat „Bestrafe einen, erziehe hundert“. Den aktionistischen Appell könnte man als metaphorischen Ruf nach unmittelbaren und effektiven Lösungen lesen.

Der Fluxus-Künstler Wolf Vostell prognostizierte bereits 1987 das Ende der Autokultur mit zwei stürzend einbetonierten Cadillacs am Berliner Kurfürstendamm. Er war aber eine Ausnahme, genauso wie Gustav Metzger. Bis in die jüngste Vergangenheit spiegelte der künstlerische Mainstream den in der Gesellschaft prägenden Mythos vom Auto als Symbol der Feiheit, wurde das Auto als begehrtes Wertobjekt thematisiert. Der Wiener Franz West übergoss etwa noch 2001 seinen Zweit-Maserati mit rosafarbener Ölfarbe. Danach war das Auto noch mehr wert. In den Americana-Fotos von Richard Prince wurde das Auto als wilder, sexualisierter Gegenstand vorgeführt. Und von BMW gab es eine ganze Serie von Art Cars, auch Andy Warhol bemalte eigenhändig einen M1: „I tried to portray speed pictorially.“ Das Auto wurde zum bewegten Bild. Doch die Zeiten, in denen die Kunst das Automobil feiern konnte, sind wohl erstmal vorbei!

Vera Tollmann
arbeitet als freie Autorin und Kuratorin in Berlin. Zum Thema Klimawandel kuratierte sie im Frühjahr 2008 zusammen mit Sophie Goltz, Christine Heidemann und Anne Kersten die Ausstellung „Katastrophenalarm“ (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin).

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Juli 2009

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