Klima und Kultur – Künste

„Klimaneutrale Kulturarbeit“ – grün gefärbter Marketinggag oder realistischer Hoffnungsschimmer?

© frank peters - Fotolia.com© frank peters - Fotolia.comAm Vorabend der Vollversammlung der Vereinten Nationen fand im September 2009 in New York die Weltpremiere des Dokudramas „The Age of Stupid“ statt. Der Film zeigt die weltweiten Dramen des Klimawandels, die Premiere wurde von den Veranstaltern als „der größte grüne Film-Event, den die Welt je gesehen hat“ angepriesen und war damit einer der Vorreiter einer klimaneutralen Kulturarbeit. Der Musiker Moby trat mit Gitarre auf und spielte mehrere seiner weltweiten Hits, den Strom für seinen Auftritt erstrampelten seine Fans auf Fahrrädern – emissionsfrei.

Wie war der grüne Event möglich? Eine ganze Reihe inzwischen gut ausgereifter Technologien wurde eingesetzt: Generatoren, die mit Biodiesel aus den Schalen von Sojabohnen angetrieben wurden, Solarlampen in der Lobby, lokal auf Dächern in Brooklyn angebautes Bio-Gemüse und Elektroautos für die Gäste. Regisseurin Franny Armstrong reiste im Ruderboot an. Der wichtigste Aspekt war aber wohl die Satelliten-Verbindung: Statt alle Darsteller und Prominente aus der ganzen Welt einzuladen, wurden Feier und Film in 700 Kinos in mehr als 50 Länder übertragen. So konnte einer der Helden des Films, der 81-jährige Bergführer Fernand Pareau, einer lokalen Premiere in Chamonix am Mont Blanc beiwohnen, in Berlin konnte man in der Astor Film Lounge dabei sein. Nicht nur, dass dies viele Emissionen durch Flugreisen vermied, es verstärkte das Gefühl, Teil eines weltweiten Events zu sein.

Filmplakat „The Age of Stupid“; © Spanner FilmsEs würde zu kurz greifen, wenn man diese öffentliche Abrechnung der Klimabilanz als ein neo-protestantisches Bußritual im postfossilen Zeitalter abtun würde. Die Premiere von Age of Stupid war Teil eines Paradigmenwechsels der globalen Kulturbetriebe. Vor wenigen Jahren konnten sowohl Filmstars und Musiker als auch Künstler noch wohlfeile Kritik an Umweltverschmutzung und Politikern äußern, ohne dass ihr eigenes Verhalten groß beachtet wurde. Die von Al Gore initiierten Live-Earth-Konzerte waren wohl der Höhepunkt dieses vor allem rethorischen Engagements. Die Website ecorazzi.com dokumentiert seit Jahren als Umwelt-Paparazzi diese Art von grünen Geschichten und thematisiert dabei auch ihre Widersprüche. Denn natürlich sollte, wer grün redet, auch so handeln. Und genau diesen Paradigmenwechsel weg vom Reden zum Handeln vollziehen inzwischen nicht nur einzelne Stars wie Moby, sondern große Institutionen und Organisationen, die ganze Kulturindustrien verändern wollen.

Bewusstsein für Widersprüche

Auch beim Publikum ist das Bewusstsein für die Widersprüche deutlich gestiegen. Mit glatter Rhetorik will man sich nicht mehr abspeisen lassen. So musste sich auch die Regisseurin Franny Armstrong gegen die Kritik verteidigen, die Prominenten auf der Premiere seien sicherlich direkt mit dem Privatjet angeflogen und dann in das Elektroauto umgestiegen: „Alle Promis, die unser Event in New York besucht haben, waren schon vorher und aus anderen Gründen in der Stadt. Viele andere haben ihre örtlichen Premieren besucht und sind nicht geflogen.“

Bei allem Hin und Her von Kritik und Engagement: Inzwischen lässt sich unabweisbar ein kollektiver Lernprozess beobachten. Die Ergebnisse sind vielleicht weniger spektakulär als die vollmundigen Aufrufe wie „Gemeinsam retten wir die Welt“. Ihre Glaubwürdigkeit müssen ökologische Apelle in der Praxis erweisen und zeigen, wie klimaneutrales Leben konkret aussehen kann. Regisseur Roland Emmerich kaufte 2004 noch sogenannte Offsets, also Zertifikate über neu gepflanzte Bäume, um die Emissionen von The Day after Tomorrow zu kompensieren. Inzwischen hat sich die Filmindustrie weiter entwickelt und versucht bereits während der Produktion eines Films, den Energieverbrauch spürbar zu senken: Während in der Klimabilanz der Produktion von The Day after Tomorrow noch gute 10.000 Tonnen Kohlendioxid verbucht werden mussten, waren es etwa bei Age of Stupid gerade noch 94 Tonnen. Die Fox Studios haben inzwischen eine komplette Anleitung für „Green Movies“ erstellt, den „Green Guide“.

Logo Green Music Initiative; © greenmusicinitiative.deAuch in der Musikindustrie tut sich was. Im Januar fand im Berliner Hotel de Rome am Bebelplatz das Green Music Dinner statt, zu dem das British Council und die deutsche „Green Music Initiative“ geladen hatten. Künstler, Manager und Journalisten trafen sich, um mehr über Klima-Initiativen der Branche zu erfahren. Thies Schröder, Geschäftsführer von Ferropolis, der Kultur-Arena im ehemaligen Tagebau in Sachsen-Anhalt, referierte darüber, wie er gemeinsam mit den Organisatoren des Melt-Festivals Emissionen senkt. Das Melt-Festival, das auf dem Gelände von Ferropolis stattfindet, ist eines der renommiertesten europäischen Festivals für elektronische Musik. Wenn zehntausende Besucher anreisen, produziert es an einem Wochenende den ökologischen Fußabdruck einer Kleinstadt. Genau hier setzt Schröder dieses Jahr an: Es wird einen eigenen Hotelzug aus dem Rheinland geben, der während des Festivals bewohnt werden kann. Statt Verzicht aufs Auto zu predigen, bietet der Zug mehr Spaß und mehr Komfort, denn das Festival beginnt schon während der Anreise. Außerdem gibt es den Twitter-und-Facebook-Bus: Das Unternehmen Deutsche Bus bietet einen Service, bei dem man mit Freunden unkompliziert und ohne Risiko einen Reisebus buchen kann. Mitreisende können sich direkt übers Internet einchecken.

„Über Lebenskunst“

Vorreiter für diese Ideen ist die britische Non-Profit-Organisation Julie’s Bicycle, die systematisch untersucht, welche Hebel die Musikindustrie bewegen kann. Emissionen entstehen vor allem durch CD-Verpackungen aus Plastik und die Anreisen des Publikums. Es ist abzusehen, dass dieses Thema den ganzen Kulturbetrieb noch stark beschäftigen wird – misst man den Erfolg von Events wie der Documenta oder den Kulturhauptstädten doch vor allem an der Zahl der Besucher. Damit stellt sich zugleich die Frage, wie der Individualverkehr vermieden werden kann. Die Kunstwelt muss deshalb systematisch analysieren, wie und warum Emissionen verursacht werden und wie sie gesenkt werden können.

Vieles ist noch im Experimentierstadium – so etwa, wenn die Berliner Reggae-Band Ruffcats (mit nur einer Kilowattstunde!) gefördert von der Kampagne „Klima sucht Schutz“ das erste CO2-arme Musikvideo produziert. Auch der Kunstkritiker und Kurator Raimar Stange fordert solche Experimente und fordert beispielsweise den Aufruf „Reduce Artist Flights – RAF“ ernst zu nehmen, und Biennalen mit lokalen Künstlern zu bespielen. Durch Globalisierung seien die heute auch in Berlin und Shanghai international, da bräuchte man eigentlich keinen Künstler-Tourismus mehr, schrieb Stange in einem Essay für das Berliner Magazin zitty. Wie sich diese Veränderungen in der Praxis auswirken, kann man zur Zeit sehr gut beim Haus der Kulturen der Welt in Berlin verfolgen. Dort arbeitet man am zweijährigen Leuchtturm-Projekt „Über Lebenskunst“, das Kultur und Nachhaltigkeit verbindet. Während das Haus der Kulturen sonst meist Gäste aus aller Welt einlädt, legt man den Fokus nun auf Berlin. Gerade hat man einen „Call for Future“ ausgeschrieben, einen Wettbewerb zur Förderung von „neuer Formen einer ökologischen Lebenskunst“ für Berlin: „Nachbarschaftsgärten, Stadtimkereien, Carrotmobs, Wikiwoods oder Klimapiratinnen auf der Spree.“

Eins ist aber auch klar: Der Bewusstseinswandel durch die Veränderungen in der Kulturarbeit wird verpuffen, wenn Macher und Publikum nicht auch politisch aktiv werden. So schreibt Regisseurin Franny Armstrong: „War unser Film 150-Tonnen Kohlendioxid wert? Das hängt komplett davon ab, wie viele Menschen den Film sehen und welche Aktionen sie danach starten.“ Denn am Ende geht es immer noch um die Rettung eines bewohnbaren Planeten.

Daniel Boese
ist Redakteur beim Berliner Magazin zitty und schreibt als Korrespondent für das New Yorker Kunstmagazin Artforum.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2010

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Future Perfect

Das Goethe-Institut und die Stiftung Futurzwei sammeln Geschichten für morgen – schon heute, von überall.

EnergieWendeKunst


KünsterInnen machen bei EnergieWendeKunst ihre Ideen zum Klimawandel ästhetisch erfahrbar. Der Katalog erscheint im November 2015.

Global Ideas

GLOBAL IDEAS zeigt Menschen und Projekte, die gegen die globale Klimaerwärmung mobil machen. Reportagen aus allen Teilen der Welt.

Gletschermusik

Wie klingt es, wenn Gletscher schmelzen? Ein Kunstprojekt und ein offener Wettbewerb für Multimediakünstler aus Zentralasien zum Problem der fortschreitenden Gletscherschmelze