Klima und Kultur – Künste

Klimawandel in der Popmusik

Mellow & Pyro beim Dreh zum 1. klimaneutralen Videoclip; Foto: Moritz SchmidPopmusiker entdecken ihr Umweltbewusstsein. Sie sammeln Geld für den Regenwald, gehen klimaneutral auf Tournee und agitieren gegen die Konsumgesellschaft. Das neue Öko-Bewusstsein verändert die Unterhaltungsindustrie.

An diesem Wintertag bot sich im Tresor ein ungewöhnlicher Anblick. Sonst ist es Techno-Musik, die in dem legendären Berliner Club unter zuckenden Stroboskop-Licht die Körper der Tanzenden ins Schwitzen bringt. Doch diesmal floss der Schweiß auf Fahrrädern, die Strom für Scheinwerfer und Kameras produzierten: Der Techno-Tempel hatte sich in ein Öko-Labor verwandelt.

Die Idee: Die Reggaekünstler Mellow & Pyro wollten einen Videoclip drehen, aber das möglichst klimaneutral. Dazu erstrampelten Freiwillige auf umgebauten Drahteseln die Energie. Der zusätzlich nötige, konventionell aus der Steckdose abgezapfte Stromverbrauch betrug am Ende nur eine einzige Kilowattstunde. Insgesamt fielen beim Dreh so nur 0,93 Tonnen Kohlendioxid an, die auch noch mit einer Spende an eine Stiftung neutralisiert wurden. Mellow & Pyro hatten den ersten klimafreundlichen Videoclip der Popgeschichte gedreht.

Debbie Harry, Lady Gaga, Elton John und Dame Shirley Bassey unterstützten im Mai 2010 das Projekt „Green For All“ der Rainforest Found in New York, Foto: gettyimagesEine symbolische Aktion, die aber eines beleuchtet: Auch in der Popindustrie setzt sich, wenn auch immer noch vergleichsweise langsam, ein ökologisches Bewusstsein durch. Indizien dafür finden sich nicht nur in schummrigen Berliner Techno-Katakomben, sondern auch im hellen Licht der großen Bühnen: Die Black Eyed Peas unterstützen das Projekt „Green For All“ und als im Mai in der New Yorker Carnegie Hall der „Rainforest Fund“ zur Spenden-Gala lud, kamen Lady Gaga, Elton John, Bruce Springsteen, Sting und viele andere, um Geld für den Regenwald zu sammeln.

Auch deutsche Musiker beschäftigt das Thema: Schon 2008 schickte die von der Partei Die Grünen unterstützte Heinrich-Böll-Stiftung einige der bekanntesten deutschen Bands auf eine sogenannte „Klimatour“. Wir sind Helden, Mia und Polarkreis 18 sollten mit ihrer Popularität gut Wetter machen unter ihren Anhängern für ökologische Ideen.

Monsters of Liedermaching bei den Geraer Songtagen im April 2010 unter dem Motto „Gutes Klima für gute Musik“; Foto: VeranstalterDass die Unterhaltungsindustrie selbst aber gewaltige Mengen an Kohlendioxid in die Atmosphäre bläst, wenn bei Tourneen oft mehrere Dutzend LKW die Bühnenaufbauten durchs Land karren, die Entourage der Stars durch die Welt jettet oder bei Open-Air-Festivals Zehntausende im eigenen Auto anreisen und kampieren, rückt erst in letzter Zeit zunehmend ins Bewusstsein. Weshalb die spektakulären Werbe-Aktionen und Image-Kampagnen zunehmend ergänzt werden durch ganz konkrete Maßnahmen, die dafür sorgen sollen, dass die Scheinwelt Pop umweltverträglicher glitzert. So standen die Geraer Songtage in diesem April unter dem Motto „Gutes Klima für gute Musik“. Das Festival in der thüringischen Stadt bot der Kampagne „Klima sucht Schutz“ eine Plattform und mühte sich, die anfallenden CO2-Emissionen möglichst gering zu halten: Die Werbeflyer werden auf Recyclingpapier gedruckt, die Besucher angehalten mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen.

Öko-Pop wird institutionalisiert

Das Bemühen der Popmusik, ihren Beitrag zum Klima- und Umweltschutz zu leisten, wird in Deutschland bereits institutionalisiert: 2009 gründete sich die Green Music Initiative „als nationale Plattform zur Förderung einer klimafreundlichen Musik- und Entertainmentbranche“. Die aktuellste Aktionen: Im Vorfeld der Verleihung des deutschen Musikpreises Echo lud man die Musikwirtschaft zum „Green Music Dinner“ und zusammen mit dem „Melt!“, dem renommiertesten deutschen Festival für Indie-Rock, startet man eine Umwelt-Offensive, um den CO2-Ausstoß von Fans und Festival möglichst gering zu halten. Selbst die an eher weltabgewandten Themen interessierte Gothik-Szene hat schon ihre eigene Öko-Initiative: Während des letzten Wave-Gotik-Treffens in Leipzig, dem größten seiner Art, veranstaltete „Goth for Earth“ einen Roundtable. Auf dem Werbeflyer reckte ein in Lack und Leder gekleidetes Model einen mit Muttererde verschmierten Spaten.

Die ökologisch korrekten Ärzte; Foto: bademeister.comAber auch auf der anderen Seite eines von Ölpesten bedrohten großen Teiches ist das Thema längst angekommen. Pearl Jam spendeten 210.000 US-Dollars, um die 5.474 Tonnen Kohlendioxid auszugleichen, die während ihrer Welttournee 2009 anfielen. Mit dem Geld wurden außerhalb von Seattle, der Heimatstadt der Band, Bäume gepflanzt. Doch dass es hier vor allem darum geht, ein Zeichen zu setzen, wissen auch Pearl Jam: Der Klimaexperte, der für die Band den CO2-Ausstoß berechnete, wies auch darauf hin, dass es zumindest fünfzig Jahre dauern wird, bis die neu gepflanzten Bäume dieselbe Schadstoffmenge absorbiert haben würden. Ein grünes Bewusstsein hatten zuvor bereits Dave Matthews, Coldplay, Radiohead und sogar die Rolling Stones nach Konzertreisen mit vergleichbaren Aktionen demonstriert. Auch eine von Deutschlands bekanntesten Rockgruppen, Die Ärzte, gingen ökologisch korrekt auf Tour und die Berliner Reggae-Band Seeed spielt nur noch in Hallen, die mit Öko-Strom betrieben werden.

Dass die getroffenen Maßnahmen bisweilen kaum zielgerichtet sind, ihr Nutzen für die Umwelt bisweilen zweifelhaft, tut da kaum etwas zur Sache. Geht es doch vor allem darum, Künstlern und Konsumenten ein gutes Gewissen zu verschaffen, und bei manchem Musiker mag es sich auch um einen Teil der Imagepflege handeln. Sich um die Welt zu sorgen, so scheint es, gehört mittlerweile zum guten Ton in der Szene.

Kein Wunder, dass dieses neue Problembewusstsein zunehmend auch in der Pop-Musik selbst einen Ausdruck findet. Selbst eine Band aus Comic-Figuren sorgt sich um den Planeten: Die Gorillaz veröffentlichten mit „Plastic Beach“ zuletzt ein Konzeptalbum, das aufmerksam machen soll auf die mittlerweile fast kontinentgroßen Inseln aus Zivilisationsmüll, die durch unsere Ozeane treiben.

Gesinnungswandel im deutschen Pop

Auch in der deutschen Popmusik ist ein Gesinnungswandel festzustellen: In den frühen 1980er-Jahren konnte ein gewisser Markus mit dem Refrain „Gib Gas, ich will Spaß“ noch einen großen Hit landen und die legendären Elektro-Pioniere Kraftwerk der „Autobahn“ huldigen. Heute schafft es eine Band wie Wir sind Helden mit dezidierter Konsumkritik an die Chartspitze und der Singer/Songwriter mahnt in „Alle in einem Boot“ ökologische Selbstverantwortung an.

Außerdem kann sich Deutschland rühmen, den weltweit ersten und einzigen Öko-Rapper hervorgebracht zu haben: Meyah Don schickt in seinen Reimen den Superhelden „Plantman“ aus, um gegen Umweltverschmutzung und Klimawandel vorzugehen. Doch trotz dieses Alleinstellungsmerkmals ging der in Deutschland grassierende Bio-Boom an dem in Berlin lebenden Rapper bislang vorüber. Der 34-jährige Tim Hirschfeld, der sich hinter dem Pseudonym verbirgt, verkauft nur wenige Tausend CDs und bastelt parallel an seiner bürgerlichen Existenz. Als Agrar-Ingenieur kann er vielleicht auch mehr für die Umwelt erreichen als als Rapper. Denn im Alleingang wird die Popmusik unseren Planeten wohl kaum retten können.

Thomas Winkler
schreibt über Pop und seine Phänomene für die taz, Die Zeit, Frankfurter Rundschau und andere Tageszeitungen.

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Juni 2010

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