Klima und Kultur – Künste

„Die Arktis ist kein weißer Fleck auf der Landkarte“

Ausstellungsbanner in der PHOENIX Halle; © FernandesAusstellungsbanner in der Phoenix-Halle; © FernandesDie Arktis als Lebenswelt und Ort globaler Konflikte steht im Fokus des mehrjährigen Projekts „Arctic Perspective“. Eine Ausstellung in der Phoenix-Halle in Dortmund macht die künstlerischen und wissenschaftlichen Ergebnisse sichtbar.

Die Polarregion wird auf Landkarten üblicherweise an den Rand gedrängt – völlig zu Unrecht, wie Inke Arns, künstlerische Leiterin des Hartware MedienKunstVereins (HMKV) in Dortmund und Kuratorin der Ausstellung Arctic Perspective, betont: „Die Arktis ist kein weißer Fleck auf der Landkarte, sondern ein Ort, an dem zentrale Interessen verhandelt werden, der im Mittelpunkt ökologischer und territorialer Konflikte steht.“

Die Ausstellung ist das sichtbare Resultat des Projektes Arctic Perspective, das von der Europäischen Union gefördert wird. Beteiligte Künstler sind der Slowene Marko Peljhan und der Kanadier Matthew Biedermann, die seit Jahren interdisziplinäre Feldforschung in der Arktis betreiben und 2007 die Arctic Perspective Initiative (API) mitinitiiert haben – ein internationaler Zusammenschluss von Einzelpersonen und Organisationen, der sich auf die globale kulturelle und ökologische Bedeutung der nördlichen Polarregion fokussiert.

Dias und Filme in der Ausstellung; © FernandesFünf Partnerorganisationen – der HMKV, das Projekt Atol aus Slowenien, The Arts Catalyst aus Großbritannien, C-TASC aus Kanada und Lorna aus Island – wollen mit dem Projekt Arctic Perspective auf die Probleme und Herausforderungen der Arktis und ihrer Bewohner aufmerksam machen: „Das Thema ist sehr wichtig, und wir wollen den Künstlern mit dieser Ausstellung eine Plattform bieten, damit die Problematik an die Öffentlichkeit dringt“, so Arns. Schwerpunkt der Ausstellung, die sich an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft bewege, sind Architektur, Geopolitik und Autonomie, Technologie und Landschaft. Dass Arctic Perspective ausgerechnet in der Dortmunder Phoenix-Halle, die Ersatzteillager eines Stahlwerks war, gezeigt wird, freut Arns besonders. „Dieser Ort ist für die Ausstellung kongenial, denn mit ihr holen wir die Spätfolgen der Industrialisierung an einen ihrer Ausgangspunkte zurück.“

Diashows, Bilder und Filme zeigen das Leben vor Ort

Karte der Arktis; © FernandesGroße Landkarten an den Wänden der Ausstellungshalle verdeutlichen, wie sehr die Polarregion von Öl- und Gas-Pipelines durchzogen ist, und wie durch das Auftauen des Permafrosts Rohstoffe zutage kommen, die Begehrlichkeiten verschiedener Nationen wecken – schließlich gehören Teile der Arktis zu Kanada, Dänemark, Russland, Island, Norwegen, Schweden, Finnland und den USA.

In einem Zelt wiederum sind Geräusche aus dem Alltag der arktischen Ureinwohner, der Inuit, zu hören, Bilder aus einer Druckwerkstatt in der Polarregion veranschaulichen das Leben vor Ort, ebenso Diashows und Filme, die in den einzelnen Räumen der Halle gezeigt werden. Auch Echo of the last howl ist dabei – ein Dokumentarfilm über die Tötung von Schlittenhunden in den 1950er- und 1960er-Jahren auf Anweisung der kanadischen Behörden. Inuits zufolge war dies der Versuch einer systematischen Ausrottung der Tiere, die die Ureinwohner zwingen sollte, sesshaft zu werden. Arns erklärt den Hintergrund: „Überall, wo es feste Siedlungen gab, konnte Kanada territoriale Ansprüche geltend machen.“

Mobile Wohn- und Arbeitsstation für mehr Autonomie

Prototyp der mobilen Wohn- und Arbeitsstation; © FernandesZu den Exponaten der Ausstellung, an der neben Peljhan und Biedermann insgesamt rund 20 Künstler mitwirken, gehört der Prototyp einer mobilen Wohn- und Arbeitsstation für die Arktis. Das umweltfreundliche Gefährt soll zum einen den Inuit einen Teil ihrer nomadischen Tradition und damit mehr Autonomie zurückgeben, zum anderen soll es zur medienbasierten Arbeit eingesetzt werden: Die Ureinwohner sollen wissenschaftliche Daten sammeln und ihre Geschichten und Erlebnisse global kommunizieren. „Ziel der mobilen Station ist“, so Arns, „dauerhaft ein kostengünstiges Kommunikations- und Datennetzwerk zu schaffen, das einen Zugang zu Technologien und Bildungsangeboten schafft sowie die Ureinwohner in der Bewahrung und Weiterentwicklung ihrer Kultur unterstützt.“

Der Hydrokulturgarten; © FernandesDeshalb hatte die Arctic Perspective Initiative (API) im Jahr 2009 einen internationalen Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Aus den 103 Vorschlägen aus mehr als 30 Ländern wurden drei Entwürfe ausgezeichnet, die ebenfalls in Dortmund ausgestellt sind. Gemeinsam mit den Preisträgern und Mitgliedern einer Inuit-Gemeinschaft entwickelten die API-Künstler das Design des Prototypen: Er sieht einem Hundeschlitten mit Aufsatz ähnlich und besteht hauptsächlich aus leichten Kunststoffen. Seine Konstruktionspläne sind als quellenoffene Dateien für jedermann zugänglich, die Künstler wünschen sich, dass die einzelnen Inuit-Gemeinschaften die mobile Wohn- und Arbeitsstation individuell an ihre Wünsche und Bedürfnisse anpassen.

Hydrokulturgarten soll in der Polarregion helfen

Inke Arns, künstlerische Leiterin des Hartware MedienKunstVereins (HMKV) in Dortmund; © FernandesNicht nur dieses Gefährt und Arbeitsgerät soll den Ureinwohnern zugute kommen: Auch ein Hydrokulturgarten tritt nach dem Ende der Ausstellung die weite Reise in die Arktis an. Bis dahin taucht er einen Teil der Ausstellungshalle in rosafarbenes Licht. Im Innern der auseinandergefalteten Tonne sind Regale befestigt, in denen kleine Töpfe stehen, gefüllt mit Hydrokulturgranulat. In ihnen sprießen die ersten Pflanzen – Salat, Spinat, Basilikum und andere verzehrbare Gewächse werden ständig bewässert, mit rosafarbenen LED-Lampen bestrahlt und mit Ventilatoren gekühlt. Das ausschließlich mit erneuerbaren Energien betriebene System soll die Bevölkerung in der kanadischen Polarregion mit frischem Salat, Kräutern und Gemüse versorgen, die sonst über Tausende von Kilometern in die Arktis transportiert werden.

Irina Fernandes
arbeitet als freie Journalistin in Bocholt, Nordrhein-Westfalen, unter anderem für die „Ruhr-Nachrichten“ und den „Westfalenspiegel“. Ihre thematischen Schwerpunkte sind Bildung, Kultur, Politik, Justiz und Gesellschaft.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2010

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