Klima und Kultur – Künste

„Mein Zorn ist geblieben“ – Klaus Staeck im Interview

Klaus Staeck; © StaeckKlaus Staeck; © StaeckSeit über 40 Jahren kämpft Klaus Staeck mit seiner Kunst für die Freiheit der Meinungsäußerung und gegen Ignoranz. Der Umweltzerstörung widmen sich die meisten seiner mehr als 300 Plakatmotive. 40 davon werden in diesem Jahr in einer Ausstellung in über 40 Goethe-Instituten weltweit gezeigt.

Herr Staeck, der Titel der Ausstellung lautet „Nichts ist erledigt!“ – was scheint da mehr durch: Ernüchterung oder Hoffnung?

Mein Verstand sagt mir, dass die Ernüchterung das Grundgefühl ist. Als ich vor 40 Jahren meine ersten Umweltplakate machte, stieß das noch auf allgemeines Unverständnis. Das hat sich inzwischen geändert. Das Bewusstsein ist bei vielen Menschen vorhanden. Die entscheidende Frage bleibt aber: Wie wird daraus nun praktische Politik? Unser Erkenntnisstand über den Zustand der Erde ist umfassend, wir wissen um die Zerstörungskraft vieler Handlungen und ändern uns trotzdem nicht. Wir lassen es zu, dass ein 80-jähriger unverantwortlicher Greis namens Ecclestone einen Formel-1-Parcours nach dem anderen etabliert mit anschließend höchster Einschaltquote im TV. Natürlich ist das Autofahren zu einem Fetisch geworden. Aber wer braucht heute in unseren Breiten wirklich einen Geländewagen? Und wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass wir nun mit Biosprit weiter rasen können wie bisher? Ich könnte die Beispiele endlos fortsetzen. Mein Zorn ist geblieben und verstärkt sich eher, gegen diese Gedankenlosigkeit und Achtlosigkeit, mit der die Menschen ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstören.

Eindringliche Bilder schaffen

Der Ölprinz, 1982; © StaeckDie große Frage scheint ja: Wie sensibilisiert man Leute für eine Zerstörung, die sie nicht oder nur teilweise in ihrem täglichen Lebenswandel erfahren?

Die einzige Chance der Kunst besteht darin, eindringliche Bilder zu schaffen. Etwas in Bildern auszudrücken, was man mit Worten leicht an sich abtropfen lässt. Dafür ist die Collage besonders geeignet. Allerdings glaube ich nicht mehr an die Freiwilligkeit für notwendige Entwicklungen. Zum Beispiel ist es sinnvoll, die Leute daran zu erinnern, dass ein Großteil der Lungenkrebstoten nun mal auf das Rauchen zurückzuführen ist, notfalls auch durch Verbote.

Sprechen wir noch einmal über die Verbindung von Kunst und Politik, die ja in Interviews mit Ihnen nie ausgespart wird. Ich möchte dazu Beuys zitieren: „Ich will nicht Kunst in die Politik hineintragen, sondern die Politik zur Kunst machen.“ Wie stehen Sie dazu?

Eine wunderbare Perspektive. Wenn man sich aber so intensiv mit der Politik beschäftigt hat, wie ich das mit meiner Kunst getan habe, betrachtet man diesen Versuch doch nüchterner. Ich erlebe, dass die Politiker immer mehr zu Getriebenen von den sogenannten Märkten werden, die fast alle Lebensbereiche durchdringen. Einer Finanzwirtschaft, die im Kern unproduktiv ist. Dabei machen wir die Politik immer noch verantwortlich für Dinge, für die sie längst die Verantwortung abgetreten hat. Oft an anonyme Mächte. Wer weiß schon, wer sich tatsächlich hinter einem Konzern verbirgt, wenn eine Erdölfirma ganze Meeresbereiche zerstört.

Ich brauche immer einen realen Adressaten

Tendenz steigend, 1995; © StaeckWenn die wirklich Verantwortlichen nicht mehr genannt werden können, wird es dann auch schwierig für eine Kunst, wie Sie sie verfolgen?

Ich brauche immer einen realen Adressaten. Wir kennen ja das Prinzip der Verursacherhaftung. Wenn der aber nicht mehr oder nur noch mit Mühe ermittelt werden kann und keiner mehr die Macht hat, ihn wirklich haftbar zu machen, dann wird es sehr schwierig. Auch für meine Arbeit. Ich habe natürlich im Laufe der Zeit gelernt, dass man alle auf seiner Seite hat, wenn man abstrakt gegen Umweltzerstörung zu Felde zieht. Wird es aber konkret und man benennt die realen Verursacher, wird es gefährlich.

Warum haben Sie sich eigentlich für das Plakat als Ausdrucksmittel entschieden?

Das Plakat wurde zur Alternative, als ich merkte, dass die Menschen für meine Themen durchaus großes Interesse zeigten, aber sagten, ich brauche keine Unterschrift, keine Nummerierung unter einer Grafik, sondern würde das Motiv sehr gern als Plakat erwerben, wenn es für fünf Mark angeboten würde. Meine Erste Überlegung war, wie kann man die Druckkosten reduzieren. In meinem Freund Gerhard Steidl fand ich schließlich einen Drucker, mit dem das gelang. Am Anfang war es nicht einfach, an das Plakat zu glauben. Der erste Schritt war eine Plakataktion 1971 in Nürnberg, bei der wir nicht als Künstler auftraten, sondern als anonyme Firma parallel zur großen Dürer-Ausstellung mit einer Botschaft: „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten“ mit dem Porträt von Dürers alter Mutter. Die Reaktionen waren damals so überwältigend, dass mir klar wurde, es gibt eine Chance. Die Leute nehmen an der öffentlichen Litfaßsäule etwas wahr, was nicht für ein Produkt oder eine Veranstaltung wirbt, sondern eine Frage aufwirft.

Ölpest, 1978; © StaeckWie wurden die Plakate denn damals hergestellt?

Die allerersten Entwürfe wurden zunächst noch mit Schere, Tesafilm und Leim zusammengeklebt. Später reichte eine Skizze. Von den benötigten Bildteilen und Texten wurden Filme hergestellt, von denen dann die Druckplatten direkt belichtet wurden. Deshalb gibt es für die meisten Plakate keine Entwürfe mit Originalcharakter, die man ausstellen könnte. Der eigentliche Produktionsprozess fand ganz im Benjaminschen Sinne in der Maschine statt: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Davon geredet haben damals viele Künstler. Aber ich bin wohl einer der wenigen, die letztlich aus ihrem Kunstverständnis das Original nicht zum Fetisch erheben. Das hat sich bis heute nicht geändert.

„Es gäbe schon viele Gründe zu resignieren“

Im Zuge dieses Herstellungsverfahren wurden Sie oft mit den Montagekünstlern George Grosz und John Heartfield in einem Atemzug genannt, Sie selbst sagen aber, Sie seien der FLUXUS-Bewegung dankbar für Impulse. Was genau hat Sie an diesen Künstlern angeregt?

Mich haben Kühnheit und Frechheit ihrer öffentlichen Aktionen und das variantenreiche Collagieren fasziniert. Ich glaube ohnehin, dass die Collage das Ausdrucksmittel des letzten Jahrhunderts ist, in dem so viele Ereignisse gleichzeitig und widersprüchlich abliefen, dass man sich ihnen samt Lebensgefühl nur mit der Collage näher kommen konnte.

225 Jahre Goethe, 1974; © StaeckIn den letzten Jahren haben Sie eher wenige Collagen geschaffen, die sich mit dem Thema Umwelt beschäftigen. Worauf ist das zurückzuführen?

Die Arbeit in der Akademie bindet mich doch zeitlich in einer Weise, dass ich generell kaum noch zu neuen Arbeiten komme. Ich beruhige mich dann damit, dass ich ja zu fast allen Umweltthemen etwas gemacht habe. Es gibt Motive, die sind heute leider aktueller als zu der Zeit, in der sie entstanden sind; genau das ist ja auch mein Problem. Bei jedem Tankerunglück brauche ich nur mein Ölpest-Plakat aus dem Schrank zu ziehen und den Namen des Schiffes ändern. Auch zur Atomenergie sind mehrere Plakate entstanden. Dies ist eines der wenigen Beispiele, an dem sich belegen lässt, dass sich nach zähem Ringen vieler Bürger zumindest für Deutschland politisch entscheidend etwas geändert hat. Jedoch noch nicht weltweit. Auch die Atommüllfrage ist bisher in keinem Land gelöst. Es gäbe schon viele Gründe zu resignieren. Das will ich ja gern zugeben. Trotzdem würde mich Untätigkeit möglicherweise dann doch von innen aufzehren. Ich bin nun mal jemand, der seit seiner Kindheit an die Veränderbarkeit und nicht bloß an die Zerstörbarkeit der Welt glaubt.

Klaus Staeck, 1938 im sächsischen Pulsnitz geboren, studierte von 1957 bis 1962 Jura und war zunächst als Rechtsanwalt tätig, verlegte sich aber bald vorwiegend auf seine Arbeit als Verleger und Grafiker. 2006 wurde er zum Präsidenten der Akademie der Künste in Berlin gewählt und 2009 in diesem Amt bestätigt.

Jeannette Neustadt
ist promovierte Literatur- und Kunstwissenschaftlerin und arbeitet beim Goethe-Institut.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2012

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Future Perfect

Das Goethe-Institut und die Stiftung Futurzwei sammeln Geschichten für morgen – schon heute, von überall.

EnergieWendeKunst


KünsterInnen machen bei EnergieWendeKunst ihre Ideen zum Klimawandel ästhetisch erfahrbar. Der Katalog erscheint im November 2015.

Global Ideas

GLOBAL IDEAS zeigt Menschen und Projekte, die gegen die globale Klimaerwärmung mobil machen. Reportagen aus allen Teilen der Welt.

Gletschermusik

Wie klingt es, wenn Gletscher schmelzen? Ein Kunstprojekt und ein offener Wettbewerb für Multimediakünstler aus Zentralasien zum Problem der fortschreitenden Gletscherschmelze