Kultur und Klimawandel – Kultur- und Sozialwissenschaften

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Klima, Öko und grüne Technik
Wie sich die Umweltprobleme in der Sprache niederschlagen

Das Bewusstsein für Umweltprobleme seit den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts hat in den Gesellschaften, in denen diese Probleme viel diskutiert werden, auch eine eigene Sprache hervorgebracht. Besonders das Deutsche ist reich an neuen Wörtern, die sich der Umweltproblematik verdanken.

Sprach-Arbeiter sind eine wunderliche Spezies. Wir können einfach die Wörter im Besitz ihrer Bedeutungen nicht ungestört lassen. Wie misstrauische Zuschauer einer Zaubershow sehen wir der Sprache ganz genau auf die Finger. Das hat schon deshalb seine Berechtigung, weil die Sprache wirklich überall ihre Finger drin hat! Und Sprache richtig zu verstehen, kann wichtig, ja überlebenswichtig sein. Das fängt schon damit an, die Gebrauchsanweisungen der vielen elektronischen Helfer im Alltag richtig zu deuten. Wer sich in der Badewanne föhnt, erlebt mit großer Wahrscheinlichkeit unangenehm Elektrisierendes. Auch außerhalb der technisch exakten Fachsprachen wächst die Bedeutung von Sprache und richtigem Verstehen. Die Alltags-, Medien- und Politiksprache, sie beeinflussen mit Macht alle Bereiche des Lebens.

Ein Klima entsteht durch sie, das bestimmten Buchstaben, Worten und Wortzusammensetzungen besonders günstig ist. So schießen plötzlich Begriffe, Schlagwörter, Buchstaben ins Kraut und wuchern fröhlich durch unseren Alltag, was in unserem kollektiven Denken zu vielfältigsten Früchte führt. Ein aktuelles Beispiel ist das höchst fruchtbare Wort „Klima“ selbst: Es lässt sich prima kreuzen mit allerlei anderen Wörtern, von der Klimaanlage über den Geschäftsklimaindex bis hin zum Klimagipfel und zur Weltklimakonferenz. Viele Leute machen sich Sorgen um das Klima – die einen fürchten verregnete Open-Air-Konzerte, die anderen eine dramatisch steigende Erderwärmung.

Doch ursprünglich hat das Wort gar nichts mit Wetterverhältnissen zu tun. Wenn man im Altgriechischen „klima“ sagte, so meinte man nicht einen Mix aus Temperatur, Luftdruck, Windstärke, Luftfeuchtigkeit und Sonnenscheindauer. Man meinte die Erdneigung. „Klima“ hatte sich nämlich aus dem griechischen Wort „klinein“ für „niederlegen, sich neigen“ entwickelt. Wenn man ausdrücken wollte, dass die Erde sich vom Äquator aus gegen die Pole neigt, so sagte man zu diesem Phänomen „die Neigung“, eben „klima“.

Erst in der frühen Neuzeit bekam das griechische Lehnwort eine andere Bedeutung. Man verstand das mit dem Äquator offenbar geografisch. Im 16. Jahrhundert kann man lesen, dass „klima“ etwas mit Wärme und Witterungsverhältnissen zu tun habe. Von da ab fragt man sich, wie die Menschen jemals ohne dieses Wort auskommen konnten. Reisende durften ihre schlechte Laune endlich auf das feuchte, das heiße, das unerträglich wechselhafte Klima schieben. Gärtner hatten eine Entschuldigung dafür, dass ein Zitronenbaum in einem rauen Klima einfach nicht gedeiht. Auch konnten Angestellte endlich ihre Schwierigkeiten in der Firma zusammenfassen: schlechtes Betriebsklima!

Schon in der Goethezeit war man überzeugt, das Klima beeinflusse den Menschen. So schrieb der Dichter E. T. A. Hoffmann: „Klima, Vaterland, Sitten, … wie sind sie es nur, die des Weltbürgers äußere und innere Gestaltung bewirken!“ Sogar die Seelenlage einer Stadtbevölkerung ließ sich so umschreiben, wie Ludwig Börne es 1832 in seinen Briefen aus Paris tat: „Das moralische Klima von Paris that mir immer wohl ... rasch zog ich alle meine Bedenklichkeiten aus und stürzte mich jubelnd in das frische Wellengewühl.“

Die beste Wortschöpfung mit Klima gelang aber zweifellos Friedrich Schiller in seinem Drama Die Räuber. Auf die Frage, wie man denn ein richtiger Gauner werde, antwortet der Gauner Spiegelberg: „… zu einem Spitzbuben wills Grütz ((Gehirn)) – auch gehört darzu ein eigenes Nationalgenie, ein gewisses, daß ich so sage, Spitzbubenklima …“
Ob man in Deutschland tatsächlich „Nationalgenie“ fürs „Spitzbubenklima“ hat? Das lasse ich mal lieber offen. Eine Musikband der „Neuen Deutschen Welle“ (einer Musikströmung in den achtziger Jahren in Deutschland), war jedenfalls überzeugt, dass es ein sehr gutes Klima sei, und nannte sich vor dreißig Jahren: „Prima Klima“. Der eingängige Reim existierte wohl schon zuvor, doch erst seit damals findet man ihn tausendfach in der Alltags- und Geschäftssprache. „Prima Klima!“, das wünschen sich auch heute alle. Doch die verantwortungsferne Lockerheit und Verspieltheit der Achtziger ist aktuell einem Ernst gewichen, einer Dringlichkeit, ja apokalyptischen Tönen.

Energiewende

In den Wochen nach der Atomkraftwerkskatastrophe Fukushimas im Frühjahr 2011 erlebte man etwas Vergleichbares, allerdings in viel rasanterer und gleichzeitig potenzierter Form. Geradezu erschütternd wirkt, wie nach der mehrfachen Kernschmelze samt Explosionen in Japan die Politik, viele Vertreter der Öffentlichkeit und der Medien vor allem in Deutschland fluchtartig umweltpolitische Positionen verließen, die sie jahrelang für wohlfundiert erklärt hatten. Natürlich fordern veränderte Umstände veränderte Handlungsweisen. Ein indianisches Sprichwort der Lakota fordert: „Wenn du erkennst, dass du ein totes Pferd reitest, steige ab!“ Gleichwohl wundert man sich über das, was manche Zeitungen mit beinahe grimmigem Humor „Positionsschmelze“ nannten. Ein Wortwitz, der das Abschmelzen von eisenfest wirkenden Positionen zusammenbringt mit der vor Kurzem zugegebenen Kernschmelze in drei der japanischen Reaktoren.

Wir sind in Deutschland Zeugen einer abrupten „Energiewende“ – wieder einmal. Das Wort „Energiewende“ gelangte nämlich schon 1980 in die Öffentlichkeit, genauer gesagt mit dem Alternativ-Bericht des Öko-Instituts, in dem von „Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran“ im Titel die Rede war. Ab da kam das Schlagwort in immer höherer Frequenz im öffentlichen Sprachgebrauch vor. Wer heute den Begriff „Energiewende“ in eine Internet-Suchmaschine eingibt, erhält fast eineinhalb Millionen Treffer. Das sprachliche und soziale Klima für das Thema „Energiewende“ ist also bestens. Wie sie sich gestalten wird, ist eine andere Frage.

Wenigen wird klar sein, dass diese Wende direkt mit einem anderen Wort zu tun hat, mit der Katastrophe. Wörtlich übersetzt heißt der ebenfalls aus dem alten Griechischen stammende Begriff „Katastrophe“ zuerst „Umwendung, Umkehr, Wende“, dann als Terminus technicus des Theaters „Wendung der Handlung zum Schlechten, zum Untergang des Helden“. Die Klima-Katastrophe, von der viel zu lesen ist, könnte man also auch als „Klima-Wende“ übersetzen, die ebenfalls in aller Munde ist; von der „Stromwende“ zu schweigen. Man könnte statt „-wende“ auch überall von „Revolution“ sprechen, denn auch der aus dem Lateinischen stammende Begriff „Revolution“ heißt wörtlich nur „Umdrehung, Umwälzung“, ist also eine Form von Wende.

Eine Revolution verspricht die globale Hinwendung zur erneuerbaren oder regenerativen Energie, also zum Beispiel Solarenergie oder Windkraftwerke. Als Sprachexperte rümpft man da die Nase, denn der Ausdruck ist ja sprachlich-technischer Nonsens. Der Energie-Erhaltungssatz in der Physik gilt für geschlossene Systeme, und ab einer gewissen Entropie können wir Energie nicht mehr nutzen. In diesem physikalischen Sinne ist sie verbraucht. Der Begriff „erneuerbare Energie“ hat sich aber nun einmal durchgesetzt und wurde eingebürgert. Wer wollte da noch gegen Windmühlenflügel anrennen?

„Erneuerbare Energie“ klingt auch zu schön in der Politik-, Lobby- und Alltagssprache, als gäbe es eine Energie, die unendlich zur Verfügung stehe, die keine zusätzlichen CO2-Emissionen bewirke, Ressourcen schone oder in den nächsten paar tausend Jahren sicher nicht verbraucht werden könne. Das gilt durchaus für die Sonnen-, Erdwärme und Wellen-, Windenergie, für die Wasserkraft aus Stauseen schon nicht mehr ohne Weiteres und ist bei Energie aus Biomasse (Erdöl, Holz, Kohle etc.) Quatsch.

Unzufriedenheit, wie sie in meiner Sprach- und Sachkritik greifbar wird, ist nicht unbedingt etwas Schlechtes. Sie kennzeichnet den Menschen überhaupt, und vielleicht zeichnet sie ihn sogar aus; besonders den Techniker und Handwerker, der aus Unzufriedenheit mit Schwächen bestehender Systeme immer neue Lösungen sucht oder gleich selbst entwickelt.

Elektroauto vor 100 Jahren

Ob deshalb Camille Jenatzy, ein Belgier, sein torpedoförmiges Elektroautomobil (!) „La Jamais Contente“ nannte, also „Die niemals Zufriedene“? Am 29. April 1899 knackte er mit der niemals Zufriedenen als erster Mensch die Hundertstundenkilometer-Marke. 105,882 km/h! 1899! Damals stand keinesfalls fest, dass der Verbrennungsmotor als Antrieb des 20. Jahrhunderts das Rennen machen würde, fuhren doch E-Mobile wesentlich schneller und sauberer, Dampf-Automobile wesentlich zuverlässiger. Nicht auszudenken, wenn sich die E-Wagen damals durchgesetzt hätten! So aber sorgte billiges Öl und vor allem die Erfindung des elektrischen Anlassers für einen Siegeszug der Verbrennungsmotoren.

Dabei erlebte um 1900 die Elektrizität einen Boom sondergleichen, und das weltweit. 1879 wurde die erste elektrische Lokomotive gebaut und wenig später, 1881, fuhren erste elektrische Straßenbahnen, die damals schon bald einen Spitznamen bekamen, den sie bis heute teils noch tragen. Man nannte sie einfach nur „die Elektrische“. Dieser Boom war eigentlich schon der zweite E-Boom, denn er fußte hauptsächlich auf den Erkenntnissen von Forschern aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert. Sie machten so bahnbrechende Entdeckungen, dass wir den Namen dieser Forscher auf Schritt und Tritt begegnen. Ein Autor nannte sie einmal sehr pfiffig „Maßmenschen“, weil nach ihnen Maßeinheiten benannt wurden: André Marie Ampère, Antoine Henri Becquerel, Charles Augustin de Coulomb, Michael Faraday, James Prescott Joule, Isaac Newton, Georg Simon Ohm, Alessandro Graf Volta und natürlich James Watt, um nur einige zu nennen.

Die Karriere des Wortes Öko

Nur eine radikale Ökodiktatur wäre wohl in der Lage, die Klimawende (zur Verhinderung der Klimakatastrophe) schnell genug herbeizuführen. Trotzdem droht uns eine solche Diktatur nicht wirklich. Nur sprachlich hat Öko in westlichen Ländern, vor allem Deutschland, rasant an Bedeutung gewonnen. Was noch vor fünfzehn Jahren ein beliebtes Schimpf- und Spottwort war, ist heute in den Chefetagen, Medien und Supermärkten angekommen. Über den „Ökoterror“ wurde früher in konservativen Kreisen gern geklagt. Heute geschieht das fast nicht mehr. Selbst die konservative Zeitung „Welt“ schreibt von der kommenden „Ökokratie“ ohne Gänsefüßchen. „Ökokratie“ klingt netter als „Ökodiktatur“ und mehr nach Demokratie. Direkt übersetzt, hieße „Ökokratie“ etwa: „Herrschaft der Ökos“ oder „Herrschaft der Ökologie“. Das schreckt heute kaum noch jemanden, weil die ehemals belächelten Grünen und Alternativen, auch genannt „Ökofreaks“ und „Ökorebellen“, geschäftlich reüssieren und in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Besonders wichtig ist dabei, dass sie beweisen konnten: Ein gewisser „Ökotouch“ kann direkt sexy sein. Niemand hat mehr Angst vor dem „Ökomann“ oder der „Ökofrau“. Öko ist in, Öko ist cool und ein Verkaufsargument dazu. Deshalb gibt es neben den paar beschimpften bösen „Ökowichten“ inzwischen die „Ökorepublik“, „Ökowaren“, „Ökotest“, „Ökobauern“ mit „Ökosaat“ und „Ökoware“ sowieso, von Ökowindeln zu schweigen. Über den „Ökofußballer“ und den „Ökozoo“, der vielleicht die aussterbende Rasse der „Öko-Schweine“ aufnehmen sollte, lachen selbst Ökonomen nicht mehr, die einen „Ökoökonomen“ hervorgebracht haben: Er heißt Ottmar Edenhofer und ist der weltweit erste Professor für „Ökonomie des Klimawandels“ an der TU Berlin und wurde von den Potsdamer Neuesten Nachrichten tatsächlich als „Öko-Ökonom“ tituliert. Wenn er über das „Öko-Haus“ nachdenkt, beißt sich freilich die Sprachkatze in den Schwanz, denn „Öko“ kommt vom altgriechischen Wort „oikos“, und das heißt „Haus“. Ein Öko-Haus ist also ein Haus-Haus. Die Ökonomie war also erst einmal eine „Haus-Wirtschaft“, woraus sich dann ein Fachbegriff für Landwirtschaft und dann erst für die Wirtschaftswissenschaften entwickelte. Die ganze fesche Öko-Mode bezieht sich dagegen auf das Grundwort „Ökologie“, das der Biologe Ernst Haeckel vor 135 Jahren erfand. „Oikos“ kann ja nicht nur Haus, sondern auch Heimat bedeuten, so dass die Ökologie eine Heimat-, dann eine Umweltkunde wurde, die sich wissenschaftlich mit den Wechselbeziehungen der dort existierenden Wesen und deren Lebensumständen beschäftigte.

Und noch eine Wende zeigt sich in Sprache und Realität gleichermaßen, die im allgemeinen Bewusstsein noch gar nicht so richtig angekommen ist. Wer in den siebziger Jahren der ökologiebewussten Grünen Partei beitrat, bewies im Lebensstil Rückwärtsgewandtheit. Man trug selbstgestrickte Pullover, pazifizierte Bundeswehrparkas und sogenannte Jesuslatschen oder Turnschuhe, wohnte auf dem Land, wo man alternative Lebensformen in Kommunen ausprobierte. Ein Kraftfahrzeug zu besitzen, glich fast schon einem Sündenfall, wenn es sich nicht um Autos handelte, die nach Tieren benannt waren: einen alten Käfer, eine alte Ente oder einen alten Bully. So verständlich und sinnvoll diese Haltung als Opposition einer besinnungslosen Technokratie gegenüber war, so vernünftig und begrüßenswert ist die heutige Hinwendung zur grünen Technologie. Die sogenannte Grüne Technik begeistert nicht nur grüne Politiker und grüne Wähler, ja die meisten Bürger, die sich vorstellen können, demnächst sogar in „Greencitys“ zu leben. Ein Grüner der ersten Stunde verstünde viele heutige Grün-Vokabeln gar nicht, was wiederum beweist, wie das Klima einer Gesellschaft und der tatsächliche Klimawandel die Sprache binnen weniger Jahrzehnte ändern können.

Was der Naturphilosoph Heraklit vor 2.500 Jahren sagte, stimmt eben immer noch und sogar potenziert: „Alles fließt.“ Der Strom fließt, die Informationen fließen besonders schnell und effizient, aber auch die Sprache fließt munter; jedenfalls, wenn man keine lange Leitung hat, sondern auf Draht ist und unter Hochspannung steht. Nicht jeder Schlag, der einen trifft, ist ja hinderlich. Der plötzliche Stromfluss kann einem ein Licht aufgehen lassen und zu einer plötzlichen Erleuchtung verhelfen. Dann feuern die Neuronen wild ihre kleinsten, doch höchst förderlichen Stromimpulse, und es funkt sehr produktiv zwischen den Arealen des immer noch komplexesten Gegenstands im Universum: dem menschlichen Hirn.
Rolf-Bernhard Essig
ist freier Autor und Publizist und lebt in Bamberg. Besonders bekannt sind seine Bücher zur Geschichte deutscher Redensarten.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
Juni 2013

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