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Das Anthropozän-Projekt

Das Anthropozän-Projekt, Xavier Le Roy, John Law (v.l.n.r.) Insel „Techné“ | Foto: Jakob Hoff, © Haus der Kulturen der Welt

Die Menschheit schreibt sich in die Erdgeschichte ein. Das ist die Prämisse der viel diskutierten Anthropozän-These. Die Folgen für Kunst und Geisteswissenschaften werden im Haus der Kulturen der Welt in einem zweijährigen interdisziplinären Projekt bis Ende 2014 erörtert.

Unsere Vorstellungen von Natur sind überholt. Die Natur lässt sich nicht mehr unabhängig von menschlichem Handeln betrachten. Der Mensch treibt den Klimawandel voran und verändert die Erde in ihrer Substanz. Folglich leben wir in einem neuen Abschnitt der Erdgeschichte – dem  Anthropozän.

Diese These wurde im Jahr 2000 von dem Biologen Eugene Stoermer und dem Chemiker und Nobelpreisträger Paul Crutzen in einem wissenschaftlichen Aufsatz aufgebracht. Seitdem hat das Anthropozän eine steile Begriffs-Karriere gemacht. Die Anthropocene Working Group, die sich um den Geologen Jan Zalasiewicz formiert hat und aktuell aus 27 internationalen Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen besteht, erarbeitet bis 2017 einen Vorschlag zur Erweiterung der geologischen Zeitskala. Diskutiert wird dabei, wo die Zäsur zum jüngsten Abschnitt der Erdgeschichte, dem Holozän, gesetzt werden könnte. Einige plädieren für den Beginn des Ackerbaus, andere für den Bau der ersten U-Bahn in London Ende des 19. Jahrhunderts.

Mensch gegen Natur

Im Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin wird diese wissenschaftliche Debatte seit Januar 2013 in einen öffentlichen Diskurs überführt. Mit einer Reihe von interdisziplinären Veranstaltungen soll nicht zuletzt untersucht werden, welche Konsequenzen die Anthropozän-These für Kunst und Geisteswissenschaften als Ausdruck menschlicher Kreativität hat. Das auf zwei Jahre angelegte Anthropozän-Projekt tritt im Oktober 2014 in die finale Phase ein. Partner sind unter anderem die Max-Planck-Gesellschaft, das Deutsche Museum München sowie das Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam.

„Uns interessiert der Anthropozän-Begriff als Denkfigur“, betont HKW-Kuratorin Katrin Klingan, Bereichsleiterin Literatur, Gesellschaft und Wissenschaft. „Durch ihn verändern sich unsere Vorstellungen von Natur und Kultur, Subjekt und Objekt“. Grundsätzlich sei die Frage nach der Rolle des Menschen aufgeworfen, so Klingan: „Ist er die allumfassende Schöpfungsfigur und hat Gestaltungsmacht über sämtliche Naturprozesse? Oder wird im Gegenteil die menschliche Position ent-privilegiert?“

Modelle neuer Forschung

Zu Projektbeginn wurden Künstler, Naturwissenschaftler und Denker aus verschiedenen Disziplinen zusammengebracht, die ihre jeweilige Perspektive auf die Herausforderungen des „Menschenzeitalters“ einbringen sollten. Im Zentrum dieser Begegnungen unter dem Motto Erzählungen und Diskussionen standen der Gedankenaustausch und kurze Performances. Gegliedert waren sie in Themenkomplexe, die mit dem Anthropozän-Diskurs zusammenhängen: etwa Zeiten, Perspektiven, Gärten oder Techné – ein aus dem Griechischen stammender Begriff, der sowohl Kunst oder Handwerk als auch Technik und Technologie meint. Hierzu entwickelte der Choreograf und Molekularbiologe Xavier Le Roy eine Performance, in der er als Zwitterwesen aus Mensch, Tier und Roboter auftrat. Ein Kommentar zur unvollendeten evolutionären Transformation des Menschen.

Ebenfalls im Rahmen der Eröffnung waren 20 Leiter von Universitäts- und Forschungsinstituten eingeladen zu erörtern, „wie ihrer Ansicht nach alternative Formen der Wissensproduktion unter anthropozänen Vorzeichen gestaltet sein müssten“, so Klingan. Hieraus entwickelte sich das von Klingan verantwortete Projekt Anthropozän-Curriculum. Seit September 2013 tauschen sich 27 internationale Wissenschaftler verschiedener Disziplinen mit Designern, Architekten und Künstlern aus, um Seminarthemen zu erarbeiten, die Ende 2014 umgesetzt werden. Gefragt ist eine neue gedankliche Beweglichkeit in den Wissenschaften.

Der doppelte Blick

Die Veranstaltung A Matter Theater läutet am 16. Oktober 2014 die finale Phase des Anthropozän-Projekts ein. Mit einem Roundtable, Workshops, Screenings und Performances wird nach dem Zusammenspiel von menschlichem Eingreifen und politischen Prozessen geforscht. Als Beispiel nennt Klingan die ökonomische Verwertungskette der Ölförderung. „Es geht um den Doppelblick auf das Erdlich-Prozesshafte – und die Problemlage, die daraus resultiert“. Anlässlich von A Matter Theater wird auch die Anthropocene Working Group zu einer konstituierenden Sitzung zusammenkommen.

Zur Bilanzphase des Projekts erscheint zudem die Publikation Grain/Vapor/Ray. Mit ihr wird die ideengeschichtliche Perspektive eingebracht. Ausgewählt wurden 40 historische Dokumente aus mehreren Jahrtausenden – literarische, geophilosophische, natur- oder geisteswissenschaftliche Zeugnisse. Diese wurden an 40 zeitgenössische Autoren gegeben, die unter der Prämisse des Anthropozäns darauf reagieren sollten.

Erdzeitalter der Zukunft

Das zweijährige Projekt zeichnet sich durch eine enorme thematische Spanne und Veranstaltungsvielfalt aus. Sie reicht vom Dokumentationsvorhaben Das Anthropozän-Observatorium über die diskursive Konzertreihe Doofe Musik bis zum Crossmedia-Wettbewerb Future Storytelling.

Klingan ist überzeugt, dass die Beschäftigung mit dem Anthropozän über das Projekt hinaus fortgeführt wird. So könnten die Teilnehmer des Curriculums das Thema an ihren jeweiligen Institutionen weiter bearbeiten. „Das Anthropozän bleibt als Denkfigur für Prozesse, die einer Neubetrachtung bedürfen, interessant“, so die Kuratorin. „Ob es tatsächlich ein neues Erdzeitalter wird, spielt dabei keine Rolle.“

Patrick Wildermann
arbeitet als freier Kulturjournalist in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2014

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