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Umweltbedingte Migration – Anpassung an den Klimawandel

Der Rückgang an Wäldern in Amhara und die Erosion der Böden führt zu einer Zunahme an Trockenheiten und Überschwemmungen. (Foto: © Flickr CC BY-SA 2.0 European Commission DG ECHO)

Von unwirtlichen Orten wegzuziehen, ist eine der ältesten Überlebensstrategien der Menschheit. Infolge des Klimawandels wird sich unsere Umwelt schleichend verändern und wetterbedingte Naturkatastrophen deutlich zunehmen. Darauf muss die Migrationspolitik reagieren, fordert der Politikwissenschaftler Steffen Bauer.

Der Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) hat in einem 2012 veröffentlichten Sonderbericht bestätigt, dass infolge des Klimawandels schleichende Umweltveränderungen und wetterbedingte Naturkatastrophen deutlich zunehmen werden. Die Regenfluten, die im Februar 2014 England und Wales heimsuchten, oder der Taifun Haiyan, der im November 2013 Teile der Philippinen verwüstete, sind eindrückliche Beispiele für Ereignisse, die aufgrund der globalen Erwärmung und steigenden Meeresspiegel zukünftig häufiger auftreten können.

Es liegt nahe, dass derartige Extremereignisse auch das Migrationsverhalten der betroffenen Menschen beeinflussen. Dies gilt insbesondere dort, wo der Entwicklungsstand der Region eine wirksame Anpassung an sich wandelnde Gegebenheiten erschwert. So sind etwa dicht besiedelte Küstenstreifen in Entwicklungsländern besonders empfindlich. Dabei ist es vor Ort zweitrangig, ob eine Sturmkatastrophe auf natürliche Wetterextreme oder einen menschengemachten Klimawandel zurückgeht: Wem die Lebensgrundlagen wegzubrechen drohen, der muss zwangsläufig reagieren.

Politisch und völkerrechtlich ist die Frage nach der Migrationsursache gleichwohl brisant, wie die Debatten um sogenannte Klimaflüchtlinge zeigen. Anders als Kriegsflüchtlinge oder politisch und religiös Verfolgte fallen Menschen, die infolge veränderter Umweltbedingungen migrieren, durch das Raster internationaler Schutzrechte und Migrationsregeln. Obwohl diese Problematik mehr und mehr Aufmerksamkeit erfährt, fehlt es nach wie vor an geeigneten politischen und rechtlichen Instrumenten, um damit umzugehen. Die Aufgeregtheit, mit der vermeintliche Millionen von sogenannten Klimaflüchtlingen als internationales Sicherheitsrisiko heraufbeschworen werden, ist dabei wenig hilfreich. Sie verkennt vielmehr die Komplexität von Migrationsprozessen.

Klimaflüchtlinge – ein irreführender Begriff

Die Migrationsforschung zeigt, dass unter Armutsbedingungen vor allem einzelne Mitglieder kleinbäuerlicher Haushalte migrieren, um eine Zeit lang an anderen Orten zu leben und zu arbeiten. Wenn sie es dann trotz widriger Umstände schaffen, dort Geld zu verdienen, unterstützen sie damit in der Regel ihre Familien in der Heimat. Diese sind auf solche Hilfen angewiesen, um die negativen Folgen der Umweltveränderungen zu bewältigen,, etwa nach dürrebedingten Ernteausfällen. So geht es bei umweltbedingter Migration keineswegs automatisch um dauerhaften Wegzug, sondern viel häufiger um pragmatische Anpassungsstrategien.

Eindeutige kausale Zusammenhänge zwischen den Auswirkungen des Klimawandels und dem Migrationsverhalten der Menschen in den entsprechenden Regionen sind daneben schwer zu belegen. Die individuelle Entscheidung zu migrieren hat meist viele Gründe und ist auch im Kontext ökonomischer und sozialer Faktoren zu bewerten. Die Frage, ob nun dieser Wirbelsturm oder jene Dürre eine direkte Folge des Klimawandels sei, ist kaum hinreichend zu beantworten. Schon deshalb ist es nicht sinnvoll, sich nur auf den Klimawandel als Fluchtursache zu fokussieren, wenn man nach Lösungen für die Herausforderungen umweltbedingter Migration sucht. Zudem müsste eine Klimaflüchtlingspolitik konsequenterweise die Migration infolge nicht-klimatischer Naturereignisse, wie beispielsweise Erdbeben, ausklammern. Dies wäre ethisch wie politisch kaum vermittelbar. Hinzu kommt, dass bei umweltbedingter Migration schwer zwischen freiwilliger und erzwungener Migration unterschieden werden kann. In den wenigsten Fällen aber wird Migration infolge von Umweltwandel als Flucht im völkerrechtlichen Sinne beschrieben werden können.

Defensive Migrationspolitik ist nicht problemgerecht

Eine von Norwegen und der Schweiz angestoßene Initiative greift das Thema im Rahmen eines internationalen Konsultationsprozesses auf, um endlich sachgerechte und völkerrechtskompatible Lösungen zu entwickeln. Auch wenn dabei noch viele Fragen offenbleiben, weist die nach dem ersten Flüchtlingskommissar des Völkerbundes benannte Nansen-Initiative in eine ermutigende Richtung. Vor allem sind national wie international migrationsfreundlichere Rahmenbedingungen erforderlich. Die in der Europäischen Union vorherrschenden Abwehrreflexe, nach denen Migration vor allem zu begrenzen und einzudämmen ist, sind angesichts der realen Herausforderungen einer globalisierten Welt nicht mehr zeitgemäß. Erst recht im Zusammenhang mit klimatischen Veränderungen bleibt Migration eine legitime Anpassungsstrategie, deren Bedeutung in den nächsten Jahrzehnten eher zunehmen wird.
Steffen Bauer
ist Politikwissenschaftler am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2014

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