Kultur und Klimawandel – Kultur- und Sozialwissenschaften

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„Klimakriege“ – das Ende der Aufklärung?

Harald Welzer: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. S. Fischer, Frankfurt/Main. 336 Seiten, 19,90 EUR.Harald Welzer: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. S. Fischer, Frankfurt/Main. 336 Seiten, 19,90 EUR.Seit seinen Büchern Opa war kein Nazi und Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden gilt Harald Welzer als einer der führenden Täterforscher in Deutschland. In seinem viel diskutierten Buch Klimakriege hat sich der Kulturwissenschaftler und Sozialpsychologe unserer Zukunft angenommen und zeigt sich wenig optimistisch. Auch das 21. Jahrhundert werde von Gewalt geprägt sein. Mehr noch: Klima- und Ressourcenkriege drohten die Fundamente und zentralen Werte der westlichen Kultur zu erschüttern - Humanität, Vernunft und Recht.

Es gehört zu den großen Ungerechtigkeiten dieser Welt, dass die Hauptverantwortlichen für den Klimawandel unter seinen Folgen am wenigsten zu leiden haben. In den frühindustrialisierten Ländern des Nordens könnte manche Region vordergründig sogar einen Nutzen aus ihm ziehen. Eine gewiss zynische Sichtweise, doch wenn man die globalen sozialen Folgen des Klimawandels außer Acht lässt, kann man solche Schlüsse durchaus ziehen. Doch genau darin liegt nach Welzers Überzeugung einer der größten Mängel der gegenwärtigen Klimadebatte: dass man den sozialen Verwerfungen zu wenig Beachtung schenkt, die in den vom Klimawandel besonders betroffenen Regionen der Welt bereits heute wirksam sind, von denen aber auch wir nicht verschont bleiben werden.

Die Zukunft der Klimakriege hat schon begonnen

Bereits heute ist mancher „ethnische Konflikt“ bei genauer Betrachtung Folge des ökologischen Drucks, der einzelne Gesellschaften in eine Ressourcenkonkurrenz zwingt, die über kurz oder lang gewaltsam ausgetragen wird. Welzer zeigt dies nicht nur sehr anschaulich am Beispiel des Krieges im Sudan, sondern anhand einer ganzen Reihe vergangener und gegenwärtiger Konflikte überall in der Welt. Doch die heutigen Umweltkonflikte erscheinen fast harmlos im Vergleich zu dem, was uns erst noch bevorsteht.

Die gegen die südeuropäischen Küsten anbrandenden Flüchtlingswellen haben längst zu immer rigideren Abwehrmaßnahmen geführt. Auch die Landgrenzen der EU im Osten werden immer aufwendiger gegen illegale Einwanderer abgeriegelt. Mit der weiteren Zunahme des Migrationsdrucks durch Menschen, denen Umweltkatastrophen das Leben in ihrer Heimat immer schwerer machen, werden die Abwehrmaßnahmen mehr und mehr die Gestalt „indirekter Grenzkriege“ annehmen. Gleiches gilt für die Grenzregime Kanadas und der USA.

Umweltkrisen verstärken den Migrationsdruck

Harald Welzer; Copyright: S. Fischer Verlage/Foto: Siegrun Appelt„Anscheinend“, so Welzer, „denkt gegenwärtig niemand darüber nach, ob es Kontingentierungsmöglichkeiten für Klimaflüchtlinge geben könnte, was damit zu rechtfertigen wäre, dass die Einschränkungen der Überlebensbedingungen in Afrika von den frühindustrialisierten Ländern verursacht worden sind“. Der häufig zu hörende Hinweis, dass Klimapolitik auch Sicherheitspolitik sei, könne ebenso als Votum für eine effizientere Klimapolitik wie für eine schärfere Sicherheitspolitik interpretiert werden. Sozialpsychologisch stelle sich hier die Frage, „inwieweit der wachsende Migrationsdruck Bedrohungsgefühle und Sicherheitsbedürfnisse auf Seiten der europäischen Bevölkerung erzeugt, die dann Forderungen nach einer rigoroseren Sicherheitspolitik nach sich ziehen würden“.

Daran, wie schnell sich das soziale Klima ändern kann und radikale gesellschaftliche Umwälzungen sich vollziehen, erinnert er mit Rekurs auf die „rapiden gesellschaftlichen Veränderungsprozesse“ des 20. Jahrhunderts: die russische Revolution 1917, den Nationalsozialismus, die südamerikanischen Revolutionen der 1960er- und 1970er-Jahre, den Kollaps des Ostblocks 1989/90 oder den Zerfall und die „Ethnisierung“ Jugoslawiens.

Klimatod der Aufklärung?

Auch im Zuge immer schneller aufeinander folgender Umweltkatastrophen sind rapide gesellschaftliche Umbrüche nicht nur denkbar, sondern wahrscheinlich. Welzer entwirft zwei Szenarien, in welche Richtung sie in globaler Perspektive führen könnten.

In der optimistischen Variante vollzöge sich ein grundlegender kultureller Wandel, „der einen Auszug aus der tödlichen Logik von unaufhörlichem Wachstum erlaubt, ohne dass man das als Verzicht empfinden müsste“. Doch dies erscheint außerordentlich unwahrscheinlich: Weil die Natur träge ist, ist mit einer „Belohnung“ für den nötigen Verzicht erst jenseits des eigenen Zeithorizonts zu rechnen. Diejenigen aber, die so weiter machen wie bisher, haben ihre Belohnung unmittelbar vor Augen. Weshalb also sollten sie Verzicht üben?

Für Welzer sind es denn auch die „in internationaler Perspektive völlig disparaten Interessenlagen, die ein entschlossenes gemeinsames Abbremsen des Erwärmungsanstiegs auch mittelfristig verhindern werden“. Wahrscheinlicher erscheint ihm deshalb, „dass Menschen, die den Status von Überflüssigen bekommen und die Wohlstands- und Sicherheitsbedürfnisse von Etablierten zu bedrohen scheinen, in großer Zahl zu Tode kommen werden; (…) Menschen nehmen Probleme wahr, und wenn sie diese als bedrohlich für die eigene Existenz interpretieren, neigen sie zu radikalen Lösungen, an die sie vorher nie gedacht hätten.“

Den westlichen Kulturen müsse man attestieren, diese Lektion des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gelernt zu haben. Dort hielte man sich auf Humanität, Vernunft und Recht viel zugute, obwohl doch „diese drei Regulierungen menschlichen Handelns historisch jedem Angriff erlegen sind, wenn er nur heftig genug ausfiel“. Und wenn sie an den gewohnten Strategien des Problemlösens festhielten, der Klimaerwärmung also wieder nur mit verbesserter Technik beikommen wollten, würden sie nicht mehr lange existieren – „vielleicht noch zwei, drei Generationen“.

Ein niederschmetterndes Fazit, von dem man sich als von der Lektüre bedrückter Leser wünschen würde, dass man ihm mit guten Gründen widersprechen könnte. Wie mancher Rezensent des deutschsprachigen Feuilletons täte man das Ganze nur zu gern als übertriebene Schwarzmalerei ab. Doch Welzers sozialpsychologische Analyse ist dazu einfach zu überzeugend.

Andreas Vierecke
ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke und Chefredakteur der Zeitschrift für Politik.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion

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