Kultur und Klimawandel – Kultur- und Sozialwissenschaften

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Die Verantwortung der Kulturwissenschaften im Klimawandel

© Surrender - Fotolia.com© Surrender - Fotolia.comLange Zeit schien es, als sei die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Klimawandel den Natur- und Ingenieurswissenschaften vorbehalten. Von ihnen erhoffte man zu erfahren, wie der Klimawandel vielleicht doch noch abzuwenden sei, besser noch: dass er in Wahrheit gar nicht stattfände. Diese Hoffnung wird man wohl fahren lassen müssen. An die Kultur- und Sozialwissenschaften stellt sich umso dringender die Frage, wie die soziokulturellen Folgen bewältigt werden können.

Der Klimawandel ist kein Schreckgespenst, das uns vor Augen führt, was auf uns zukommen könnte, wenn wir so weitermachen wie bisher. Der Klimawandel ist längst in vollem Gange! Wenn wir Glück haben, dann lassen sich seine Folgen mit großer Anstrengung vielleicht noch ein wenig abmildern. Ihn zu verhindern ist es zu spät, uns auf ihn einzustellen das Gebot der Stunde.

Vermessene Zukunft

© jerome DELAHAYE - Fotolia.comZu spät war es wohl auch schon, als der Naturphilosoph Klaus Michael Meyer-Abich in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in der Jahresschrift mit dem schönen Titel Scheidewege seinen immer wieder gern zitierten Dreisatz formulierte „(1) So wie bisher darf es nicht weitergehen. / (2) Was stattdessen geschehen müsste ist längst bekannt. / (3) Trotzdem geschieht nichts.“

Geschehen ist seitdem eine ganze Menge. Die Naturwissenschaften haben immer präziser erfasst, welche Dimensionen der Klimawandel in welchen Regionen der Welt bereits hat und in Zukunft noch haben wird. Die Ingenieurswissenschaften haben immer energieeffizientere Technologien bereitgestellt, mit denen sich an der Utopie eines unbegrenzten Wachstums festhalten zu lassen schien. Doch solche Hoffnungen, das beginnen wir immer noch erst langsam zu begreifen, sind müßig.

Eben hier liegt der folgenschwere Irrtum unserer Zivilisation: dass wir nämlich nicht nur um des technischen, sondern auch des gesellschaftlichen Fortschritts willen der Zuarbeit vor allem der Natur- und Ingenieurswissenschaften bedürften, denen wir deshalb allzu lange bereitwillig die Vermessung unserer Zukunft überließen. Den Kultur-, Sozial- und Geisteswissenschaften schrieb man derweil die Zuständigkeit für das Erbauliche zu, weshalb sie, so der immer mitschwingende Subtext, in Krisenzeiten denn auch am ehesten entbehrlich seien. Heute beginnt man wenigstens zu ahnen: das Gegenteil ist der Fall!

Kultur- und sozialwissenschaftliche Klimafolgenforschung

© colourboxDie Klimaveränderungen, die uns erwarten, sind einschneidend. Und die negativen, wie mancherorts auch positiven Folgen werden ein weiteres Mal ungerecht verteilt sein. Wir brauchen Antworten auf die Fragen, wie wir mit diesen Veränderungen fertig werden, wie sich abzeichnende Klimakonflikte einhegen lassen, welche Anpassungsstrategien lokal und global nötig und möglich sind, und wie sich langfristig eine globale Kultur der Nachhaltigkeit etablieren lassen könnte. Und diese Fragen sind keine naturwissenschaftlichen Fragen! Diese Fragen müssen die Kultur- und Sozialwissenschaften beantworten!

Doch die Kultur- und Sozialwissenschaften müssen sich vorhalten lassen, dass sich ihre Beschäftigung mit der ökologischen Frage allzu lange in bloßen Umkehrappellen erschöpfte. Zum Teil tun sie dies auch heute noch. Erst langsam reift die Erkenntnis, dass ihr Auftrag ein sehr viel weiterer ist. So haben Claus Leggewie, Harald Welzer und Ludger Heidbrink zu Recht darauf hingewiesen, dass es sich bei den Folgen der immer häufiger zu erwartenden extremen Naturereignisse um keine Natur-, sondern um soziale Katastrophen handelt.

Um diese sozialen Katastrophen, ihre Einhegung beziehungsweise – wo noch möglich – ihre Verhinderung durch die rechtzeitige Anpassung von Lebensstilen, Wirtschaftsweisen und ähnlichem mehr soll sich denn auch die transdisziplinäre kultur- und sozialwissenschaftliche Klimafolgenforschung am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen in Zukunft vor allem kümmern. Mögen andere dem Beispiel folgen und möglichst bald Ergebnisse liefern, die in der politischen und gesellschaftlichen Praxis dann auch Gehör finden!

Ein bisschen Hoffnung, dass in der Gefahr vielleicht doch auch etwas Rettendes wächst, macht der Professor für „Umweltsystemanalyse“ an der Universität Kassel und Psychologe Andreas Ernst im Interview mit goethe.de: Zwar änderten sich die Menschen nicht gerne, auch wenn sie einsähen, dass sie es „sollten“. Doch vollzögen sich gesellschaftlich relevante Verhaltensänderungen meist schleichend, ohne dass wir es bemerkten. Was für das alltägliche Leben gilt, gilt ganz offensichtlich auch für die Kulturwissenschaft(ler). Ein Blick in die Liste der Forschungsarbeiten an Ernsts Institut zeigt, dass man hier die kulturwissenschaftliche Herausforderung durch die ökologische Frage angenommen hat.

Andreas Vierecke,
Dr. phil., ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke und Chefredakteur der Zeitschrift für Politik. Von 1993 bis 2000 war er Mitarbeiter der Forschungsstelle für Politische Ökologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und beklagte schon früh die technizistische Ausrichtung des politisch-ökologischen Mainstreams ("Die Technik- und Umwelt-Enquêten des Deutschen Bundestages: Vermessene Zukunft – vertane Zeit"; in Günter Altner et al. (Hrsg.): Jahrbuch Ökologie 1996, München 1995) und plädierte für eine „Politische Ökologie als Handlungswissenschaft" (so in Armin Adam et al. (Hrsg.): Perspektiven der Politischen Ökologie, Würzburg 2003).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2009

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