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Der Klimawandel: Top-Chance für die Weltwirtschaft?

Eine grüne Konjunkturbelebung kann sofortige und langfristige ökonomische Vorteile bringen.  Copyright: iStockphoto - John Keith"Eine grüne Konjunkturbelebung kann sofortige und langfristige ökonomische Vorteile bringen."  Copyright: iStockphoto - John KeithDie Welt stöhnt unter der Wirtschaftskrise, die aber auch Chancen bietet. Laut einer Studie könnte gerade der Kampf gegen den Klimawandel einen wichtigen Beitrag zur volkswirtschaftlichen Erholung leisten.

Klimawandel und Wirtschaftswachstum – wie geht das zusammen? Das Potsdam-Institut für Klimafoschung (PIK) hat gemeinsam mit dem britischen Grantham Research Institute untersucht, wie Konjunkturpakete der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) nachhaltige Entwicklung und Klimaschutz fördern könnten. Ottmar Edenhofer, Chefökonom des PIK und einer der Vorsitzenden des Weltklimarats, versichert: „Eine 'grüne' Konjunkturbelebung kann sofortige und langfristige ökonomische Vorteile bringen und zugleich die Risiken des Klimawandels und den Wettbewerb um natürliche Ressourcen mindern. Versäumt man es, etwa ein CO2-armes globales Energiesystem zu schaffen, ist – neben den unabsehbaren Folgen für die Umwelt – die nächste Wirtschaftskrise vorprogrammiert.“

750 Milliarden Dollar reichen

"Eine nicht wiederkehrende Chance." Copyright: iStockphoto - David JoyneUm kurzfristig Nachfrage und Beschäftigung zu erhöhen, sollten laut der Studie zunächst alle Energieeffizienzpotenziale ausgeschöpft und die öffentlichen Verkehrs- und Energienetze modernisiert werden. Außerdem könnten Finanzierungsprogramme für „saubere“ Technologien Unternehmen gezielt über die allgemeine Kreditknappheit hinweg helfen. Mittelfristig sollten die G20 zudem Vorzeigeprojekte vorantreiben, etwa Demonstrationsanlagen zur Kohlendioxid-Abscheidung und -Speicherung. Insgesamt müssten die Staaten ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung mindestens verdreifachen, um das „tief greifende Marktversagen bei der Energienutzung sowie bei Forschung und Entwicklung“ schnell zu korrigieren.

Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) reichen 750 Milliarden US-Dollar oder ein Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes aus, um einen Wandel zur Zukunftsfähigkeit einzuleiten und gleichzeitig die Wirtschaft zu beleben. Die geplanten Konjunkturprogramme seien daher eine „nicht wiederkehrende Chance für den Wandel zur CO2-armen, ressourceneffizienten Gesellschaft“, so UNEP-Chef Achim Steiner.

Die Krise zeigt, wie anfällig das globale Wirtschaftssystem ist. Insgesamt 2,8 Billionen US-Dollar wollen die Industrienationen und Schwellenländer in konjunkturbelebende Maßnahmen investieren, allein die Konjunkturpakete der Bundesregierung umfassen gut 107 Milliarden Euro. Doch Klimaschützer wenden ein, dass diese kaum nachhaltig und ökologisch ausgerichtet sind. Einer Studie des Berliner Forums für Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft im Auftrag des WWF zufolge dienen nur 13 Prozent einem „grünen“ Strukturwandel. Noch bestehe aber die Chance, die aktuelle Krise für die notwendigen Weichenstellungen zu nutzen, sagt WWF-Deutschland-Geschäftsführer Eberhard Brandes. Bis zu 50 Prozent des Gesamtvolumens der Konjunkturpakete müssten grüner werden. „Vor allem bei Krediten und Investitionen sollte konsequent auf Kriterien wie Energieeffizienz geachtet werden“, so Brandes.

Drittes Konjunkturprogramm im Herbst?

Die Krise zeigt, wie anfällig das globale Wirtschaftssystem ist  Copyright: iStockphoto - art siberiaGreenpeace Deutschland wiederum bereitet einen Vorschlag für ein ökologisch ausgerichtetes „Drittes Konjunkturprogramm“ vor, wie es auch Bundesumweltminister Gabriel fordert. Klimaexperte Tobias Münchmeyer: „Der Bereich der Erneuerbaren Energien ist eine Zukunftsbranche mit vielen Jobs, 2009 sind dort 280.000 Menschen beschäftigt.“ Münchmeyer befürwortet ein globales Vorgehen, um aus der Krise gestärkt und mit „gutem Gewissen“ hervorzugehen: „Dabei muss man aber sicherstellen, dass die ökologisch positiven Teilbereiche der Konjunkturprogramme von allen übernommen werden. Da geht es um Atomausstieg, Kohleausstieg, Verlagerung von Flugzeug und Straße hin zur Schiene sowie die Schaffung von Anreizen, kleinere verbrauchsärmere Fahrzeuge zu produzieren und zu nutzen.“

Die Probleme einer konzertierten Aktion der betroffenen Staaten formuliert Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung: „Jede Nation hat andere Ausgangsbedingungen. Die USA haben einen hohen Energieverbrauch und damit mehr Möglichkeiten, Klimaschutz preisgünstig durch die Steigerung von Energieeffizienz zu erreichen. Europa hingegen verursacht nur halb so viele Treibhausgase wie die USA, und einzelne EU-Länder haben unterschiedliche Vorstellungen, was sie zu den Klimazielen beitragen wollen (...) Allen Nationen gemeinsam ist, dass wir innovative Technologien für die Energieherstellung, -speicherung und Mobilität benötigen. Daher ist es sinnvoll, dass sie sich absprechen und gemeinsam die neuen Technologien fördern.“

Klimaschutz als Job-Motor

Innovationskonferenz des Bundesumweltministeriums zum Thema Green Recovery  Copyright: Thomas Köhler - photothek.netAuch Sigmar Gabriel hofft, „dass die deutsche Klimaschutzpolitik bis zum Jahr 2020 zu 500.000 neuen Jobs führen wird, und bis 2030 sogar 800.000 neue Stellen möglich sind.“ Dabei wirken insbesondere die Bereiche Erneuerbare Energien und Energieeffizienz als Konjunkturprogramme. „Umwelttechnologie ist gerade jetzt ein Stabilitätsanker der deutschen Wirtschaft und der Schlüssel für einen neuen Wirtschaftsaufschwung“, so Gabriel Ende Juni 2009 auf der Konferenz Green Recovery. Die ökologische Industriepolitik ziele nicht nur auf den Aufbau und die Stärkung zukunftsträchtiger Wirtschaftszweige. „Sie hat die Modernisierung unserer gesamten Wirtschaft zum Ziel“, betonte der Umweltminister. Für eine derartige „green recovery“ bedürfe es nicht nur den Stimulus der Konjunkturpakete, sondern einer Strategie für langfristiges kohlenstoffarmes, ressourceneffizientes und faires Wirtschaftswachstum. Seinem SPD-Kanzlerkandidaten, Frank-Walter Steinmeier, dürfte er damit aus der Seele sprechen.

Andreas Förster
ist freier Journalist und Autor und lebt in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2009

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