Kultur und Klimawandel – Kultur- und Sozialwissenschaften

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Kultur der ökologischen Verantwortung – Interview mit Ludger Heidbrink

Ludger Heidbrink; © barboraLudger Heidbrink; © barboraKann der Klimawandel zum Stimulus für einen kulturellen Umbau der Industriegesellschaften werden? Mit dieser Frage beschäftigte sich Mitte Oktober eine Veranstaltung im Goethe-Institut Montreal in Kanada. Die Podiumsdiskussion und den Workshop hat der Philosoph Ludger Heidbrink vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen mitorganisiert. Ein Gespräch über Verantwortungskultur.

Lassen Sie uns über einige Themen reden, die Sie schwerpunktmäßig beschäftigen. Beispielsweise über die Idee des „Growing by Shrinking“. Was steckt dahinter?

Angesichts schwindender Ressourcen geht es darum, an die Stelle des herkömmlichen Wachstumsprinzips so etwas wie ein neues „Schrumpfungsprinzip“ zu setzen, das aber positiv besetzt sein muss. Wir sollten die Änderung unseres energie- und ressourcenintensiven Lebensstils nicht als Verzicht, sondern als Befreiung von überflüssigem Ballast, vom Konsum- und Mobilitätsstress erfahren, die unseren Alltag weitestgehend bestimmen.

„Ich bin durchaus Realist“

Das erinnert mich irgendwie an die Ideale der Alternativ- und Ökobewegung der Siebziger- und Achtzigerjahre.

Ja richtig! Ich bin auch skeptisch, ob diese Änderung unserer Lebensweise tatsächlich funktioniert, aber es ist eine notwendige Zielrichtung, weil wir sehen, dass wir mit dem Wachstumsprinzip an Grenzen stoßen. Dass es uns bisher nicht gelungen ist, von der Idee des Wachstums wegzukommen, liegt zu einem erheblichen Teil an der ökonomischen Logik der Marktwirtschaft, die ein bestimmtes Wachstum benötigt, um zu funktionieren.

Ich bin da durchaus Realist. Ich würde sogar sagen, die Industrie- und Wachstumsgesellschaft, die wir gegenwärtig haben, lässt sich ohne ungerechte Konsequenzen und soziale Konflikte gar nicht von heute auf morgen umbauen. Mir geht es erst einmal um eine Abkehr vom Wachstumsprinzip im kulturellen Sinne, von der Überzeugung, dass unser Wohlergehen von Reisen in exotische Länder oder dem Kauf größerer Autos abhängt. Der Mensch hängt sein Herz viel zu sehr an materielle Dinge, er überschätzt häufig den persönlichen Nutzen und Glücksvorteil, den sie versprechen.

Nun gibt es ja durchaus Bewegungen, die sich als Konsumrebellen verstehen, zum Beispiel die Lohas („Lifestyle of Health and Sustainability“). Sie sagten einmal mit Blick auf sie: „Rebellion gegen den Konsum ist letztlich nichts anderes als die Fortsetzung des Konsums mit anderen Mitteln“.

Bei den Lohas handelt es sich überwiegend um bürgerliche Akademiker, die einen hohen Lebensstil mit einer ökologischen Einstellung zu verbinden versuchen. Es sind relativ wohlhabende Leute, die Ökoprodukte einkaufen, Hybridfahrzeuge fahren, in energieoptimierten Altbauwohnungen leben und sich mit dem Konsumkapitalismus, gegen den sie in ihrer Jugend rebellierten, versöhnt haben. Viele von ihnen sind aus der grünen Bewegung hervorgegangen, die ursprünglich eine linksorientierte Gegenkultur zur kapitalistischen Gesellschaft war.

Interessanterweise sind es aber gerade die Verfechter eines alternativen Lebensstils, die das Wirtschaftssystem und die Konsumgesellschaft am Laufen halten. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Globalisierungsgegner, die auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Seattle 1999 das Niketown-Gebäude im Geschäftsviertel stürmten. Auf Videoaufnahmen konnte man sehen, dass eine ganze Reihe von denen, die die Schaufenster einwarfen, Nike-Turnschuhe trugen. Gerade die Konsumrebellen legen Wert auf Lifestyleprodukte oder Szeneartikel und verstärken damit den Wirtschaftskonsum, gegen den sie protestieren.

„Ich verspreche mir einiges von den Möglichkeiten der Technik“

Kommen wir zu den Unternehmen. Bei vielen ist es ja Mode geworden, sich einen grün-blauen Anstrich zu geben. Darf man als verantwortungsbewusster Verbraucher den moralischen Verheißungen, mit denen sie für ihre Produkte werben, überhaupt ungeprüft Glauben schenken? 

Nein, da muss man in der Tat vorsichtig sein. Beim „Greenwashing“ – oder „Bluewashing“, wie das heute genannt wird, weil es um die Rettung des blauen Planeten geht – nutzen Unternehmen den Markttrend zu ökologisch, moralisch und sozial korrekten Produkten bisweilen schamlos aus. Wenn man genauer hinsieht, sind die Produkte häufig alles andere als umwelt- und sozialverträglich oder dienen nur dazu, die Aufmerksamkeit von Missständen in anderen Geschäftssparten abzulenken. Für den Kunden ist das schwierig zu durchschauen, weil die Transparenz fehlt.

Und wie soll man das nachprüfen?

Ich verspreche mir einiges von den Möglichkeiten der Technik. Dank Internet und Medien können wir heute erheblich besser auf Informationen zugreifen. Es wird bereits an entsprechenden Datenbanken gearbeitet. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir beim Einkaufen künftig mit unserem Smartphone die Barcodes einlesen, um wichtige Produktinformationen abzurufen.

„Unsere Umweltbilanz ist alles andere als vorbildlich“

Idealiter sollte bei Ihnen ja der verantwortungsbewusste Konsument durch seine Marktmacht Einfluss auf Angebot und unternehmerisches Handeln ausüben. Realiter ist aber eine gewaltige Kluft zwischen Bewusstsein und Handeln zu beobachten.

Ja, wir wissen im Grunde, was wir tun sollten, aber handeln nur selten danach. Das hat ganz unterschiedliche Ursachen. Wenn wir einkaufen, stehen wir häufig unter Zeitdruck und vergessen dann unsere guten Vorsätze. Vielleicht sollte man das Einkaufen nicht als eine lästige Prozedur, sondern als eine Art rituellen Akt betrachten, bei dem wir uns mit lebensnotwendigen Gütern versorgen, die unser Wohlergehen steigern und zugleich erheblichen Einfluss auf andere Menschen haben. Der Einzelhandel müsste zudem dafür sorgen, dass die sozialen, moralischen und ökologischen Produkte besser greifbar sind und mit leicht verständlichen Labeln und Siegeln gekennzeichnet sind. Die guten Vorsätze scheitern häufig an ganz simplen Hindernissen, weniger übrigens am Preis, weil nachhaltige Produkte nicht mehr viel teurer sind als konventionelle.

Stichwort ökologische Verantwortungskultur. Wie ist es damit in Deutschland bestellt?

Die Deutschen halten sich hier für besonders vorbildlich. Dabei rangieren sie in einer aktuellen Studie von National Geographic nur im unteren Mittelfeld. Spitzenreiter sind wegen ihrer niedrigen Pro-Kopf-Emissionen Schwellenländer wie Indien, Brasilien und China, wo teilweise ein stärkeres Umweltbewusstsein herrscht als bei uns. Die Deutschen meinen, dass sie ihrer Umweltschutzpflicht genüge getan haben, wenn sie ihren Abfall sortieren und Energiesparlampen einschrauben. Unsere Umweltbilanz ist alles andere als vorbildlich: Wir trinken zu viel Mineralwasser aus fernen Ländern, reisen zu viel, fahren zu viel Auto und leben in zu großen Wohnungen und Häusern.

Ludger Heidbrink, Jahrgang 1961, studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Münster und Hamburg. Seit 2007 ist er Direktor des Center for Responsibility Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und Professor für Corporate Responsibility & Citizenship an der Universität Witten-Herdecke. 

Roland Detsch
stellte die Fragen. Er arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2009

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