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Biodiversität – das Wunder von Nagoya

Logo zum Jahr der Biodiversität 2010; © UNOLogo zum Jahr der Biodiversität 2010; © UNOEin Entscheidungsjahr für den Schutz der weltweiten Artenvielfalt sollte es werden, und Deutschland wollte mit seiner zweieinhalbjährigen Präsidentenschaft zur Vorbereitung einer Biodiversitätskonvention (Convention on Biodiversity, CBD) auf der 10. Vertragsstaatenkonferenz (Conference of the Parties, COP10) im Oktober 2010 im japanischen Nagoya die Weichen dafür stellen. Am Ende waren die Bemühungen von Erfolg und einer Vielzahl wegweisender Entscheidungen gekrönt.

Den Ernst der Lage hatte Jochen Flasberth in seiner Eröffnungsrede den Teilnehmern der Konferenz noch einmal unmisstverständlich deutlich gemacht:

Am Ende des zweiwöchigen Verhandlungsmarathons indes hätte wohl kaum noch jemand einen Erfolg der Konferenz für möglich gehalten. Am wenigsten Christian Schwarzer, der als Beobachter für den Naturschutzbund (NABU) vor Ort war. Die Situation an jenem denkwürdigen Freitag, den 29. Oktober 2010, schien verfahren. Schwarzer stand bereits das sichere Aus des gesamten UN-Umweltprozesses vor Augen, als er begeistert das „Wunder von Nagoya“ vermelden konnte: „Jubel bricht aus, die brasilianische Delegation liegt sich mit Tränen in den Augen in den Armen, der EU-Umweltkommissar Janez Potocnik fällt seinen Mitarbeitern um den Hals. Auf dem Podium gibt es Freudensprünge. Es ist tatsächlich geschafft.“

20-Punkte-Programm

© Colourbox.comZwar kann Schwarzer trotz aller Euphorie Kritik nicht ganz verhehlen – zu viele Interpretations- und Zeitspielräume, Schlupflöcher und Unverbindlichkeiten –, doch insgesamt fällt seine Bilanz positiv aus. „Das ist so ziemlich das Beste, was unter diesem Umständen zu erreichen war!“ So sollen etwa bis 2020 nicht einfach nur das Artensterben und die Umweltzerstörung gestoppt, die Land- und Forstwirtschaft sowie die Aquakultur oder der Fischfang nachhaltig gestaltet sein. Es soll generell Schluss gemacht werden mit einer Ökonomie, die die Ausbeutung des Planeten lukrativer macht als seinen Schutz. „Biodiversität ist die Grundlage unserer Wirtschaft, und sie kann nicht länger isoliert vom Rest der Ökonomie betrachtet werden“, brachte es Schwedens Umweltminister Andreas Carlgren auf den Punkt. Künftig sollen die letzten Wildnisrefugien einen monetären Wert zugewiesen bekommen, der ihren Erhalt lohnend macht – mit dem Ziel, 17 Prozent der globalen Landfläche und zehn Prozent der Meere unter Schutz gestellt zu bekommen.

Und das ist längst noch nicht alles. Unter der Devise Access and Benefit Sharing (ABS) wurde erfolgreich darum gerungen, die indigene Bevölkerung der zumeist armen Ursprungsländer angemessen an den Gewinnen aus der Nutzung genetischer Ressourcen zu beteiligen. Und sogar Fragen des Klimawandels und des daraus resultierenden Migrationsdrucks wurden ebenso kritisch erörtert wie die möglicherweise fatalen Auswirkungen des Geo-Engineerings, welche sich in einem Moratorium niederschlugen.

„Rettungsstunde des Multilateralismus“

© Colourbox.comKathrin Vohland vom Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland (NeFo) erwartet sich wertvolle politische Impulse von der zu schaffenden Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBS). „Und“ – was für sie am wichtigsten ist – „bei dem Ergebnis der Vertragsstaatenverhandlungen handelt es sich um ein politisches Ziel, welches vertraglich bindend ist und auf allen Ebenen umgesetzt werden soll. Staaten haben sich dazu verpflichtet, und die Zivilgesellschaft kann es einfordern. Nicht umsonst lautet das erste der 20 strategischen Ziele bis 2020: Alle Menschen sollen den Wert der Biodiversität für das menschliche Leben kennen und wissen, wie man sie schützt und nachhaltig nutzt.“

So ähnlich sieht es auch das Forum Umwelt und Entwicklung, das Nagoya einen „Meilenstein“ bezeichnete und mit Blick auf Kopenhagen von einer „Rettungsstunde des Multilateralismus“ sprach. Die Vereinigung, die seit der UN-Konferenz in Rio 1992 die Aktivitäten deutscher Nichtregierungsorganisationen in internationalen Politikprozessen zu nachhaltiger Entwicklung koordiniert, gehörte zu den lautstärksten Mahnern und Skeptikern der deutschen CBD-Präsidentschaft. So hatte sie etwa in einer Pressemitteilung zum „Tag der biologischen Vielfalt“ am 22. Mai im „Internationalen Jahr der Biodiversität 2010“ die Lage und Aussichten angesichts der gescheiterten Bemühungen der EU, den Verlust der biologischen Vielfalt in der Vergangenheit in den Griff zu bekommen, noch in den düstersten Farben gemalt.

„Chancen nutzen“

Pos4: Meeresschildkröte; © Olga Khoroshunova - Fotolia.comUm zu verhindern, dass wir uns dem gefährlichen „Punkt ohne Wiederkehr“ nähern, der unwiderrufliche und katastrophale Folgen für die Ökosysteme und damit unsere Lebensgrundlage hätten, müsse nun gehandelt werden, hieß es dort angesichts biologischer Verlustziffern, die 100 bis 1.000 Mal über der Norm liegen, und unter Verweis auf aktuelle UN-Studien, wonach über ein Drittel aller bekannten Arten vom Aussterben bedroht sind, 60 Prozent der Erdökosysteme in den letzten 40 Jahren Qualitätseinbußen hinzunehmen hatten und neun von elf Biodiversitätsindikatoren eine negative Prognose zeigen.

„Wir fordern die Politik auf, sofort die volle Umsetzung bereits existierender Gesetze, Konventionen und Richtlinien sicherzustellen und sich für weit reichende und ambitionierte Ziele und Maßnahmen auf globaler und europäischer Ebene einzusetzen. Biodiversität muss in alle Entscheidungsbereiche und wirtschaftliche Sektoren integriert und zur Priorität weden“, wird Jürgen Maier, Geschäftsführer des Forum Umwelt und Entwicklung zitiert. Assistiert von Friedrich Wulf, dem Koordinator der AG Biodiversität des Forums, der mit Blick auf die anstehenden weitreichenden Entscheidungen auf europäischer und globaler Ebene appelliert: „Wir müssen im eigenen Interesse diese Chancen nutzen, um dem Schutz unserer Lebensgrundlagen mehr Kraft zu verleihen.“

Roland Detsch
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2010

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