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„Geo Engineering liefert nur einen Vorwand“ – Joachim Radkau im Interview

© Sergey Tokarev - Fotolia.com© Sergey Tokarev - Fotolia.comWährend einerseits befürchtet wird, der Mensch könne des Klimawandels nicht mehr Herr werden, glauben andere, nun schlage die Stunde des „Geo Engineering“. Goethe.de sprach darüber mit dem Umwelthistoriker Joachim Radkau.

Die Warnungen vor dem Klimawandel genießen in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit. Wie verlässlich sind diese Warnungen?

Dass die Annahme einer fortschreitenden Erwärmung als Folge des zunehmenden CO2-Gehalts der Atmosphäre eine plausible Interpretation der Befunde darstellt, ist vernünftigerweise nicht zu bezweifeln. Das einzig triftige Gegenargument ist der Hinweis auf den chaotischen Charakter der Klimaentwicklung, der sich nicht in Modellen einfangen lässt. Bis heute steht der These vom global warming keine ernstzunehmende Antithese gegenüber, die glaubhaft macht, auf welche Weise unsere Erde den immens gewachsenen CO2-Ausstoß auf eine für den Menschen unschädliche Art bewältigt; die Gegenposition besteht vielmehr in ihrer Essenz in Skepsis oder Ablenkung. Allerdings kann auch das Bekenntnis zum Nichtwissen wissenschaftlich respektabel sein.

Braucht man dann diese Skeptiker gar nicht ernst zu nehmen?

Joachim Radkau; © Gruppe 5 Filmproduktion KölnIn den USA bildete sich in den 1990er-Jahren eine förmliche Anti-Klimaschutz-Lobby, die Global Climate Coalition (GCC). Führenden Ölkonzernen wie BP und Shell gingen zur GCC auf Distanz. Wenn man bedenkt, dass die größten Wirtschaftsmächte unserer Zeit – die Öl- und die Automobilindustrie – die geborenen Gegner der Global-Warming-Alarmisten waren und deren Gegenspielern einen üppigen finanziellen Rückhalt versprachen, ist es bemerkenswert, wie wenig überzeugende Gegenentwürfe bislang bekannt geworden sind.

Gibt es keine Alternativen zur Senkung der CO2-Emissionen?

Richard S. Lindzen vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) schrieb dem mit wachsender Erwärmung zunehmendem Wasserdampf, der die Sonneneinstrahlung verminderte, eine das Klima regulierende Funktion zu. Aber wieweit dies in sich plausible Modell tatsächlich für den Großteil der Erdatmosphäre bedeutsam war, blieb unsicher. Fred Singer bestritt nicht die Möglichkeit, dass die Global-Warming-Hypothese zutreffen könnte; aber es sei eine Hypothese, mehr nicht, und es sei ein Riesenskandal, wenn die USA und andere Industriestaaten ihre Wirtschaft in den Ruin treiben würden, nur um eine Klima-„Katastrophe“ zu mildern. Wenn man partout etwas tun wolle, dann möge man die Ozeane düngen, damit die vermehrten Mikroorganismen mehr CO2 absorbierten: Das sei unendlich viel billiger und auch wirksamer als die Bekämpfung der Industrie- und Automobil-Emissionen. Da taucht die Idee des „Geo-Engineering“ auf!

Wilde technokratische Phantasien

Aber sollte man sich angesichts der politisch schwierig durchzusetzenden globalen Senkung der CO2-Emissionen nicht doch um andere Antworten auf die Erderwärmung bemühen?

Björn Lomborg, ein Wirtschaftsstatist, bestritt nicht die Realität und den anthropogenen Ursprung der globalen Erwärmung, suchte jedoch vorzurechnen, dass man die zu deren Bekämpfung aufgewandten Mittel wirkungsvoller anderweitig zum Nutzen der Menschheit verwenden könnte: ein Allround-Argument, das man gegen so gut wie alle Projekte ins Feld führen kann. Schon gibt es vor allem in den USA wilde technokratische Phantasien von Geo Engineering, wobei die von Vulkanausbrüchen inspirierte Idee besonders animierend zu sein scheint, Schwefeldioxid in die Stratosphäre zu sprühen und dadurch die Sonneneinstrahlung zu vermindern. Freilich muss man da mit gewissen Restrisiken rechnen: nicht nur, dass der strahlend blaue Himmel der Vergangenheit angehört und das Blau künftig einen Stich ins Schwefelgelbe bekommt, sondern auch, dass die asiatischen Monsune gestört werden, an denen die Ernährung Hunderter Millionen Menschen hängt.

Das Fatale liegt vor allem darin, dass derartige Science-Fiction-Konzepte, auch wenn sie nie realisiert werden, der amerikanischen Politik doch einen Vorwand liefern, die Reduzierung der CO2-Emissionen nicht mehr für dringlich zu erklären. Auch wenn der Historiker aus Erfahrung mit Prophezeiungen so vorsichtig wie nur möglich ist, spricht doch einiges dafür, dass der Weg zu einem weltweit nachhaltigen und umweltverträglichen Klimaschutz mehr durch Aufforstung, Fahrrad und Antibabypille markiert ist als durch Geo-Engineering, unterirdische CO2-Sequestrierung oder gigantische Windkraftparks, von den als Klimaretter angepriesenen Kernkraftwerken ganz zu schweigen!

„Verzweifelter Schrei nach politischer Aktion“

Cover des Buches „Die Ära der Ökologie“; © C.H.BeckWenn also auch diese Perspektiven des Geo Engineering fragwürdig erscheinen, ist dann um so mehr Alarmismus angesagt?

Der international hochangesehene Gründervater des IPCC (International Panel for Climate Change), Bert Bolin gibt im Rückblick offen zu erkennen, dass auch in den 1980er-Jahren und danach von einer Sicherheit der Klimaprognosen keine Rede war. Sarkastisch kommentierte er den Anfang 1989 von einer internationalen Klimakonferenz in Delhi geschlagenen Alarm, die globale Erwärmung bedeute die größte Krise, mit der die Menschheit je konfrontiert gewesen sei: Das – so Bolin – sei ein „verzweifelter Schrei nach politischer Aktion ohne adäquate wissenschaftliche Analyse“ gewesen.

Aber schwächt das nicht die Kräfte, die sich um eine erfolgreiche Klimapolitik bemühen?

Warum nicht offen zugeben, dass Klimaprognosen ihre Unsicherheiten enthalten und auch dann, wenn die Wahrscheinlichkeit auf lange Sicht für eine stetig zunehmende Erwärmung spricht, eine Katastrophe in allernächster Zeit doch keineswegs gesichert ist? Dieses Eingeständnis muss nicht zur Tatenlosigkeit führen; es kann sogar einen unüberlegten Aktivismus verhindern. Glaubte man ernsthaft an die bevorstehende Katastrophe, müsste man zu gigantischen wie überstürzten Gegenmaßnahmen schreiten, bei denen sich ähnlich wie bei dem „friedlichen Atom“ am Ende herausstellen könnte, dass sie selbst ein größeres Problem sind als der Klimawandel. Es ist bemerkenswert, dass sich Bert Bolin in seiner Altersweisheit von dem Alarmismus eines Al Gore und dessen Inconvenient Truth distanziert; die nicht sehr beeindruckende umweltpolitische Bilanz jener Zeit, in der Al Gore amerikanischer Vizepräsident war, lässt erkennen, dass Alarmismus keineswegs identisch ist mit wirkungsvollem Aktivismus.

Hans-Martin Schönherr-Mann
stellte die Fragen. Er ist Essayist und Professor für politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und für Wissenschaftstheorie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2011

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