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Umweltgeschichte als „Große Geschichte“ – Joachim Radkau resümiert die „Ära der Ökologie“

Coverausschnitt des Buches „Die Ära der Ökologie“; © C. H. BeckCover des Buches „Die Ära der Ökologie“; © C. H. BeckNach dem fulminanten Buch über „Natur und Macht“ (2000), nun das Opus Magnum des Historikers Joachim Radkau: Auf 636 Textseiten, mit sage und schreibe 2.289 Quellen und Anmerkungen sowie einem breitgefächerten Register der Hauptakteure, wird eine umfassende Darstellung der globalen Umweltbewegung(en) präsentiert. Eine Geschichte mit vielfachen Szenenwechseln – voller Dramatik und von großer Spannung. Wer sich die Zeit zum Lesen nimmt, wird reich belohnt.

Radkau teilt die Ära der Ökologie in Zeitfenster ein, in Perioden, in denen das Umweltbewusstsein generell geschärft war: die Jahrhundertwende von Naturschutz und Lebensreform, die Jahre der „ökologischen Revolution“, die Umweltkonjunktur von Tschernobyl bis Rio de Janeiro, die Umweltpolitik zwischen Globalisierung und Glocalisierung. Er berichtet von ausschlaggebenden Ereignissen und Erfahrungen, von realen Erlebnissen und medialer Visualisierung, von spiritueller Suche und herausragenden Momenten, von der Institutionalisierung und der Bürokratisierung der Umweltpolitik. Er porträtiert markante ökologische Initiativen, charismatische Vor-Denker und imponierende Vor-Reiter. Er schreibt aus innerer Verbundenheit und eigener Betroffenheit und hält zugleich kritische Distanz. Er setzt auf das integrative Potenzial ökologischer Denkansätze und behält dabei einen kühlen Kopf.

Das Zeitalter der wahren Aufklärung

Joachim Radkau; © Gruppe 5 Filmproduktion GmbHRadkaus Botschaft: Die Umweltbewegung ist die neue, wahre Aufklärung unseres Zeitalters. Die Vielfalt und die Vernetzung ihrer Motive unterscheidet sie von den früheren großen Bewegungen in der Geschichte. Ihre eigentliche Bedeutung entsteht nicht aus spektakulären Gipfelkonferenzen, sondern aus vielfältigen lokalen Aktivitäten. Und nur das Erkennen der Konflikte um Interessen und der Widersprüche im Verhalten führt zum Kern ihrer Dynamik. Eine globale Geschichte der Umweltbewegung kann keine harmonische Geschichte sein, im Gegenteil: durch den internationalen und intertemporären Vergleich erkennt man, in welch unterschiedlichen Situationen viele Umweltinitiativen sich befinden und auch, wie wenig sie oft immer noch voneinander wissen, trotz Internet und digitaler Kommunikation.

Alle, die sich der Globalität der Ökologie bewusst sind, mögen hier einwenden, dass „Global denken – lokal handeln“ doch das Motto war, das sie selbst aktiviert hat, das die inter-nationale und inter-generative Solidarität entstehen ließ, die auch für relevante lokale Lösungsstrategien zentral ist. Gemach, gemach! Radkau ist ein Meister der Provokation, aber auch ein Meister der Pazifizierung. Er nennt es die „Dialektik der grünen Aufklärung“. Die Ära der Ökologie sei nicht nur eine Wissensgeschichte, sondern auch eine Vergessensgeschichte. Einstmals bedeutende Ereignisse und erfolgreiche Akteure wurden wieder vergessen, viele erhellende Werke und Vereinbarungen sind im Ramsch gelandet. Momenten der Erleuchtung und spontanen Begeisterung folgten rigide und unverständliche Umweltverordnungen. Dem Ruf nach Experten und dem Staat folgte der Bedeutungszuwachs der Laien und der Zivilgesellschaft. Dem Einfluss der Naturwissenschaftler in den Entscheidungsprozessen folgte die Einladung zur Mitarbeit an die Human- und Kulturwissenschaftler.

Entzauberung eines Mythos

Die Umweltbewegung hat, so hält der Autor fest, den Mythos des technischen Fortschritts endgültig entzaubert. Zugleich jedoch enthalte der in die Offensive gekommene Naturschutz den Entwurf der Wiederverzauberung der Welt. Und dies geschehe zumeist über das, was vor Ort passiert. Der praktische Nutzen der Umweltgeschichte, des Rückblicks über die vergangenen Jahrzehnte, bestehe auch darin, dass hinter dem Wust an Umweltschutzbestimmungen die einfachen Anliegen und Grundmotive vor Ort wieder erkannt und verfolgt würden, wie das Bedürfnis und das Recht auf sauberes Wasser, auf gute Luft, auf Ruhe, auf gesunde Ernährung.

Es gibt, so schließt Radkau, keinen Grund zu der Einbildung, unser heutiges Umweltbewusstsein sei der höchstmögliche und definitive Stand ökologischer Einsichten. Denn aus der Geschichte erkennt man auch, dass es immer wieder mal den entscheidenden „historischen Augenblick“ gibt, wo das Trägheitsmoment des Bestehenden durchbrochen und manches möglich wird, was zuvor als unmöglich galt. Und gerade weil es schon viele Themenwechsel gegeben hat, sei es wichtig, die Umweltdiskurse in der Welt über längere Zeiträume zu verfolgen – so das verständliche und verstehbare Plädoyer eines Historikers, der Umweltgeschichte zur Großen Geschichte machen will und es mit diesem grandiosen Werk auch geschafft hat.

Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, München: C. H. Beck 2011, 782 Seiten, € 29,95, ISBN: 978-3-406-61372-2.
Udo E. Simonis
ist Professor em. für Umweltpolitikforschung am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und seit 1991 Mitherausgeber des Jahrbuchs Ökologie. Sein wissenschaftliches Hauptinteresse gilt der internationalen Umweltpolitik.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2011

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