Kultur und Klimawandel – Kultur- und Sozialwissenschaften

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Von der sozialwissenschaftlichen KlimaKultur zur interdisziplinären Transformationsforschung

Claus Leggewie, Direktor des KWI, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Gießen, Mitglied im WBGU; Foto: Volker Wiciok, © Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI)Heute scheint es fast selbstverständlich, wenn in der Bearbeitung der „planetary boundaries“ – der Grenzen des Erdsystems, die durch Klimawandel, Artensterben und andere Umweltschädigungen erreicht oder schon überschritten sind – nach dem Beitrag jener Wissenschaften gefragt wird, die sich nicht ausdrücklich mit Naturphänomenen befassen.

Claus Leggewie, Direktor des KWI, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Gießen, Mitglied im WBGU; Foto: Volker Wiciok, © Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI)

Prof. Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen; Foto: Volker Wiciok

Umwelt und Ökologie waren jahrzehntelang eine Domäne der hochspezialisierten naturwissenschaftlichen Fächer und Fachverbünde wie der Klimaforschung respektive der Erdsystem-Analyse, zu denen andere Fächer keinen Zugang hatten. Nun ist gerade im Hinblick auf die Bewältigung menschengemachter Risiken und Katastrophen der „Natur“ der Ruf nach dem Input der Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften lauter geworden.

Beide Seiten hatten eine Bringschuld: Naturforscher erkennen, dass es nicht mit der Akkumulation von Wissen und der Bereitstellung von Expertise getan ist, wenn es um die Wahrnehmungen und um die Folgenbearbeitung des Klimawandels geht. Sozialforscher und Kulturwissenschaftler wiederum müssen einsehen, dass ihre Konzentration auf die symbolische Ebene und Texte respektive Zeichen „über“ die Natur und vor allem ihre Einstufung als „Konstrukt“ einer Verweigerung der Wirklichkeit nahekommt. Und beiden ist angesichts der Bedrohung des Planeten die soziale Verantwortung der Wissenschaft aufgetragen, einen Beitrag zur Vermeidung und Minderung der Überbelastung zu leisten.

Ein Ort, an dem sie zusammenwirken können, ist die wissenschaftliche Beratung der Politik und der Ausrichtung der Forschungsförderung, in der sich ebenfalls ein bemerkenswerter Wandel eingestellt hat. Beispielsweise in der Energieforschung bleiben Techniker und Ökonomen nicht länger unter sich, natur- wie kulturwissenschaftliche Aspekte werden in diese (nach wie vor technologisch beherrschten und technokratisch ausgerichteten) Domänen stärker einbezogen. Aber auch in der kulturellen Bildung gibt es jetzt eine zunehmend transdisziplinäre Ausrichtung, die von vornherein auch sogenannte „Laien“ einbezieht.

Klimawandel bedeutet Kulturwandel

KWI-Logo; © KWIDie Formel, auf die wir am Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) unsere Intuition eines fälligen Paradigmenwandels vor einigen Jahren gebracht haben, hieß: Klimawandel bedeutet Kulturwandel. Was bedeutet: eine Erwärmung der Erde, der Anstieg des Meeresspiegels, die Zunahme von Extremwetterereignissen signalisieren nicht nur eine Veränderung des Klimas, sie werden auch tief in kulturelle Gewohnheiten, Vorstellungswelten und Institutionen einschneiden. So wie das Klima die Gesellschaft beeinflusst, verändern soziale Praxen das Klima. Dies kann eine sehr langfristige Entwicklung sein, aber sozialer Wandel kann bei Migrationsfolgen und Gewaltausbrüchen auch sehr abrupt erfolgen. Wenn man die Rede vom Anthropzän, der menschengemachten Naturentwicklung, ernst nimmt, dann wirft der durch fossilen Energieverbrauch vorangetriebene Industrialisierungsprozess auch rückblickend ein neues Licht auf die Vergesellschaftungsformen und Kulturbildungen der letzten zwei Jahrhunderte.

Zwar lernen Menschen nicht direkt aus der Geschichte, die sich bekanntlich nicht wiederholt, aber sie können, geschichtlich informiert, ein Zäsur-Bewusstsein und Transformations-Sensitivität entwickeln. Ganz ähnlich reagierte jüngst Mike Hulme in „Meet the Humanities“, und zwar in einer Zeitschrift (Nature Climate Change), die sich bereits ausdrücklich einer transdisziplinären Klimaforschung verschrieben hat. Davon gibt es mittlerweile mehrere, und man darf behaupten, dass die sozialen Perzeptionen und Folgen von Klimawandel nicht nur bei den Geografen angesiedelt sind, sondern der Themenkreis auch in der Anthropologie, in der Bildwissenschaft, in der Geschichtswissenschaft, in den Literaturwissenschaften, in den Medien- und Kommunikationswissenschaften, in der Psychologie und Philosophie, in den Religionswissenschaften, in den Sozialwissenschaften und in der Wissenschaftstheorie und -geschichte erheblich breiter verankert ist.

Was wir tun

Cover des Buches „Mut statt Wut“; © edition Körber StiftungMit der Einrichtung des zusätzlichen Forschungsgebiets „KlimaKultur“ wollen wir einen Beitrag leisten, in diese Kerngebiete sozial-, kultur- und geisteswissenschaftlicher Forschung vorzudringen. Die von öffentlichen und privaten Stiftungen geförderten Projekte können nicht im Einzelnen skizziert werden, hier seien nur einige gemeinsame Charakteristika herausgestrichen. Zum einen ist die Befassung mit den Deutungen und Folgen von Klimawandel im oben angedeuteten Sinne Grundlagenforschung, indem sie nämlich die Fundamente unserer modernen Zivilisation auf der Grundlage einer „high carbon economy“ tangiert. Technik- und Sozialformen sind gewiss nicht deterministisch aufeinander bezogen, sehr wohl aber können wir annehmen, dass der Übergang in eine „low carbon economy“ eine ähnliche Zäsur darstellen könnte wie die Industrielle Revolution.

Ein anderes verbindendes Element der Forschungsprojekte am KWI ist ihre Praxisnähe und Anwendungsorientierung: Dazu trägt nicht nur das Thema bei, sondern auch unsere Lage in einem geografischen Kerngebiet der industriellen Moderne, das seit langem schon einem zum Teil brutalen Strukturwandel unterworfen ist und insofern als Laboratorium und Experimentierfeld wirkt. Von daher ist es nur konsequent, wenn die Resultate unserer Forschung in wissenschaftliche Politikberatung einfließen und wenn das KWI in der aktuellen Zeitdiagnose präsent ist (Claus Leggewie/Harald Welzer: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie, S. Fischer, 5. Auflage, Frankfurt/Main 2009 und Claus Leggewie Mut statt Wut, edition koerber, Hamburg 2011). Hinzufügen muss man hier eine große Zahl von Dialogen mit interessierten Zielgruppen aus Unternehmen und Banken, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Konsumentenverbänden, die in der Summe auf eine intensive Gesellschaftsberatung in diskursiven und deliberativen Formaten hinauslaufen.

Ein weiteres Merkmal ist die gezielte Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Für Doktorandinnen und Doktoranden sowie Postdocs ist es bekanntlich nicht ohne Risiko, sich in einem noch ganz unstrukturierten Feld wissenschaftlicher Analyse zu betätigen, da inter- und transdisziplinäre Arbeit von Fachgemeinschaften und Förderungseinrichtungen zwar stets postuliert, bei Evaluationen und Bewerbungen aber nicht wirklich honoriert wird. Gleichwohl gehen sie dieses Wagnis ein, da sie inhaltlich wie methodologisch Neuland betreten und den Stand der Wissenschaft ebenso wie unseres Weltwissens entschieden vorantreiben. Am KWI arbeiten zwei kleine Graduiertenkollegs „KlimaWelten. Eine globale (Medien)Ethnografie“, das zusammen mit der Berlin Graduate School in History and Sociology (BGHS) durchgeführt wird, und „Herausforderung der Demokratie durch den Klimawandel“, finanziert durch die Hans Böckler Stiftung (HBS). Nachwuchswissenschaftler und -wissdenschaftlerinnen arbeiten in den Forschungsprojekten „Shifting Baselines“ und „Katastrophenerinnerung“, einschlägig war auch die im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr2010 veranstaltete geisteswissenschaftliche Summer School „Prometheus 2010: Woher kommen die Energien der Zukunft?“


Claus Leggewie über die Herausforderungen für die Politik im 21. Jahrhundert

Bürgerbeteiligung und globale Kooperation

Zu erwähnen sind schließlich neuere Arbeiten zu den Change Agents, zu neuen Formen der Bürgerbeteiligung und zu Erfordernissen globaler Kooperation, die im Rahmen der (von uns übrigens schon 2008 geforderten) „Energiewende“ eine besondere Bedeutung erlangen. Als Change Agents bezeichnet man Personen und Organisationen, die direkt oder indirekt als Pioniere des Wandels auftreten; man kann solche sowohl in den engeren Feldern der Nachhaltigkeitspolitik selbst wie in umliegenden Feldern bürgerschaftlichen Engagements identifizieren. Eine wichtige Erkenntnis der neueren, auf nicht-fossile, erneuerbare Energien setzenden Politik ist, dass eine breite sozio-ökonomische Transformation nicht ohne Einbezug des Consumer Citizens, also des politisch bewussten Verbrauchers, und eine entsprechende Infrastrukturpolitik nicht ohne geeignete Formen der Bürgerbeteiligung vonstattengehen kann. Schließlich erlaubt eine Transformation dieses Ausmaßes keine nationalen Alleingänge, sie erfordert vielmehr ein ungewöhnlich hohes Maß an globaler, grenzüberschreitender Kooperation in Wissenschaft, Technologie, Ökonomie, Kultur und Politik. Diesen Problemstellungen widmen sich Mitarbeiter des KWI als Mitglieder und Referenten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), in diversen vom Bundeministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekten, darunter in dem ab 2012 für zunächst sechs Jahre an der Universität Duisburg-Essen eingerichteten Käte-Hamburger-Kolleg „Globale Kooperation im 21. Jahrhundert“ (GC21).

Die kultur- und sozialwissenschaftliche Analyse des Klimawandels erweitert sich damit bereits konsequent in eine breitere Transformationsforschung, die eine per se transdisziplinäre Fragestellung des natürlichen, kulturellen und sozialen Wandels aufgreift und ins Zentrum verschiedener Fächer und Methodologien stellt. Dieser Typ von Forschung hat systemische, reflexive und prognostische Dimensionen, er berücksichtigt auch von vornherein die partizipative Dimension der Gewinnung und Anwendung relevanten Transformationswissens. Ein paralleler Strang ist die Transformative Forschung, die Transformation aktiv vorantreibt, indem sie Innovationen etwa im Bereich neuer Finanzierungsmodelle, Konsumstile, Produktdesigns und wiederum systemischer Lösungen hervorbringt und unterstützt.

Claus Leggewie
ist Professor für Politikwissenschaft und seit 2007 Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2012

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