GPS und Kamera – der Bildband „Verschwindende Landschaften“
Künstler aus zehn Ländern waren in Island, in der Arktis und im Dschungel unterwegs und haben Landschaften fotografiert, die folgende Generationen im Zuge des Klimawandels so vermutlich nicht mehr zu sehen bekommen. Die Luft ist klar, so hoch im Norden dunkelt es nicht, und jemand hat eine imaginäre Sanduhr umgedreht: Die Eisschollen der Arktis schmelzen so leise und erbarmungslos wie die Zeit verrinnt. Einen Anstieg um 2,3 Prozent an Treibhausgasen in den 40 Industrieländern des Kyoto-Protokolls vermeldete jüngst das UN-Klimasekretariat. Um bis zu sechs Grad Celsius könnte die Temperatur am Ende des 21. Jahrhunderts höher liegen als 100 Jahre davor. In dem Fall stiegen die Meeresspiegel um bis zu 60 Zentimeter an. 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten würden in diesen geänderten Klimaverhältnissen aussterben.
Ein Katalog mit großformatigen Fotografien schlägt die Brücke zwischen Klima und Kunst und drückt solch bedrohliche Zahlen in Bildern aus. Insgesamt 21 internationale Künstler haben mit ihrer Kamera „Verschwindende Landschaften“ dokumentiert. Die Fotografen kommen aus Kanada, Dänemark, Japan, Deutschland und den USA. Sie waren in Island, in der Antarktis und im Dschungel unterwegs und haben Landschaften fotografiert, die folgende Generationen im Zuge des Klimawandels so vermutlich nicht mehr zu sehen bekommen.
Wasser, Eis, Pflanzen und Land
Unter den Fotografen des 224 Seiten starken Bildbands sind große Namen vertreten wie Axel Hütte, Walter Niedermayr, Thomas Struth und der Japaner Hiroshi Sugimoto, aber auch weniger bekannte Fotografen der jüngeren Generation. Einige haben ihren Arbeiten einen kurzen einleitenden Text vorangestellt. Unterteilt ist der Band in die Rubriken Wasser, Eis, Pflanzen und Land.
Gleich zu Anfang des Buches stehen die meditativen Seestücke Hiroshi Sugimotos. Er hat auf seinen klaren Bildern Himmel, Horizont und Meer festgehalten. In schwarz-weiß aufgenommen, streng unterteilt, wirken die Seestücke bedrohlich. Gleich könnte etwas Unvorhergesehenes geschehen, vielleicht nähert sich eine Flutwelle dem Strand. Ebenfalls in schwarz-weiß erfasste der Fotograf Josef Hoflehner in China skurrile Felsformationen, die sich in unbewegten Seen spiegeln. Michael Kenna fotografierte einen Hochspannungsmasten in Japan, der wie der Baum im Hintergrund mittlerweile zur alltäglichen Sehgewohnheit gehört.
Neben den Fotografien nähern sich Textbeiträge dem Thema „Verschwindende Landschaften“ an. Eine Landschaft sei immer „Projektionsfläche für Sehnsüchte“, schreibt etwa Nadine Barth. Die Kunsthistorikerin und Herausgeberin des Bildbands bringt die Fotografien in die Nähe zu den romantischen Landschaftsdarstellungen Caspar David Friedrichs. Heute freilich würde Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer nicht mehr über die unendliche Weite des Meeres sinnieren, sondern besorgt über den Anstieg der Meeresspiegel spekulieren.
Der Wissenschaftler und Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung Hans Joachim Schellnhuber macht indes im Interview deutlich, was der Begriff „Verschwindende Landschaften“ für die Umwelt konkret bedeutet. Die Südseeinseln seien kaum noch zu retten, Sylt und die Halligen könnten untergehen, die Schweizer Gletscher abtauen, und ganze Städte wie Hamburg, New York und Venedig könnten in einer Flutwelle untergehen. Schellnhuber fordert darum einen grundlegenden Paradigmenwechsel, den er als „dritte industrielle Revolution“ bezeichnet. Ein radikales Umdenken reklamiert auch Greenpeace-Aktivist Karsten Smid, der als letzter in der Expertenreihe zu Wort kommt.
Der Fotograf auf Expedition in der Arktis
Die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst nimmt im Katalog der Münchener Fotograf Olaf Otto Becker ein. Für seine Fotoreihe Broken Line begab er sich auf Expedition in die Arktis. Von 2003 bis 2007 legte er in einem motorisierten Schlauchboot 4.000 Kilometer an der Westküste Grönlands zurück. Meistens war er auf seiner kalten Reise allein. Ausgestattet mit einer Großbildkamera und einem GPS-Gerät erreichte er auf seinen einsamen Fahrten fast den 75. nördlichen Breitengrad in der Melvillebucht. Jeder kann an den menschenverlassenen Ort der Aufnahmen zurückkehren und untersuchen, wie sich die fotografierte Landschaft im Lauf der Zeit verändert. Wie ein akribischer Forscher nämlich hat Becker seinen Fotografien genaueste GPS-Angaben beigefügt: So heißt eine seiner Aufnahmen etwa „Inlandeis 2, Grönland 07/2007, 69°41′00″ N, 049°53′22″ W, 829 Meter Höhe“.
Bevor Becker zum modernen Entdecker wurde, studierte er Kommunikationsdesign, Philosophie und Religionswissenschaften. Die Bilder des 1959 in Travemünde geborenen Fotografen Becker brauchen viel Zeit. Ein Kraftakt muss das Fotografieren in Eiseskälte sein. Zumal Becker mit der unhandlichen, schweren Großbildkamera hantiert. Die muss er erst auf einem Stativ einrichten, bevor er den Auslöser bedienen kann. Die minutiöse Vorbereitung merkt man den Bildern an. Sie sind nicht zufällig entstanden, sondern sorgfältig komponiert. Neben Ansichten, in die sich scheinbar noch nie ein Mensch verirrt hat, gibt es Fotografien, die menschliche Spuren tragen: Ein Stillleben aus leeren Ölfässern, ein hölzerner Steg, ein roter Schlitten. Beeindruckend sind jedoch vor allem die gänzlich menschenleeren Fotografien: Ein Fjord bahnt sich seinen Weg durchs Eis. Neben dem unglaublichen Kontrast des türkisfarbenen Wassers zum Weiß der umliegenden Landschaft fasziniert die Ruhe, die das Bild ausstrahlt. Die Fotografien sind so gestochen scharf, dass man die feingliedrige Textur des Eises genau erkennen kann. Und man meint es tropfen zu hören. Vielleicht wird die „dritte industrielle Revolution“ auch eine künstlerische sein.
Verschwindende Landschaften. DuMont Buchverlag (Köln 2008); 224 Seiten; 36 Abbildungen; 49,90 Euro.
Online-Redaktion des Goethe-Instituts
Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
Februar 2009
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de




RSS Magazin und Weltweit










