Das dritte Heritage Film Festival des Goethe-Instituts

Wahrscheinlich liegen Welten zwischen den Erfahrungen von Frauen in der arabischen Welt und in Deutschland. Aber das hat Filmemacher beider Gesellschaften nicht davon abgehalten, im Rahmen des Heritage Film Festivals ihre Vorstellungen von starken Frauen zu teilen. Letztes Wochenende ist das Heritage Film Festival zurückgekehrt auf den kulturellen Kalender Abu Dhabis. Drei Nächte lang haben lokale und internationale Filmemacher ihre Filme zum Thema „Starke Frauen” gezeigt und diskutiert.
Obwohl die Eröffnungsnacht auf Grund eines Gewitters abgebrochen werden musste, war das Festival gut besucht: eine interessante Mischung aus Filmfachleuten, Filmschaffenden, Studenten und Filmliebhaber fand den Weg zum neuen Standort des Festivals in Manarat al Saadiyat auf Saadiyat Island.
Jede Nacht wurde eine Auswahl an Kurzfilmen, Dokumentarfilmen und einem Spielfilm gezeigt. Im Anschluss fanden Diskussionen mit Filmemachern statt. Durch die Filme und Diskussionen führten junge Berufstätige mit Interesse an Kino, die das Goethe-Institut eigens für diesen Anlass trainiert hatte. Damit geht das Festival einher mit der breiter angelegten Initiative des Instituts, die Filmkultur und die Filmschaffenden in der Region zu unterstützen.

Jedes Jahr werden Kuratoren aus Deutschland und den Emiraten gebeten, das Programm aus neuen Kurz-, Dokumentar- und Spielfilmen zusammen zu stellen, die ein bestimmtes Thema unter dem jeweiligen kulturellen Blickpunkt ihrer Gesellschaften beleuchten. Frühere Themen waren „Heimat & Identität“ sowie „Jung & Alt“.
Dieses Jahr übernahmen Saleh al Karama Al Amri vom Abu Dhabi Film Festival und Philipp Bräuer vom Max-Ophüls Film Festival diese Rollen. Die Bandbreite der Filme zeigte in beiden Kulturen klare ästhetische und thematische Unterschiede in der Behandlung des Themas “Starke Frauen”.
Zur deutschen Auswahl gehörten Filme über draufgängerische Frauen und dokumentarische Erkundungen von Frauen, die sich in beruflichen und sportlichen Welten bewegen. Einer der provokanteren Filme war Stephanie Olthoffs Kurzfilm Schlusspunkt (2012), der Deutschlands Umgang mit häuslicher Gewalt auch unter dem Aspekt rechtlicher Fragen thematisiert.

Ein Publikumserfolg war Stephan Altrichters Film Aleyna – Little Miss Neukölln (2012), eine Kurzdokumentation über die pummelige, elfjährige Aleyna, Tochter türkischer Einwanderer, die sich gegen Diskriminierungen stellt und das Selbstvertrauen aufbaut, um als Bollywood Tänzerin aufzutreten.
Sicher ist die Diskussion über Frauenrollen in der Golfregion jünger, aber auch hier greifen viele Filme die Erfahrungen von Frauen in Bezug auf ihr Zuhause, ihr Erbe und ihre Beziehungen auf. Der emiratische Regisseur Moustafa Zakaria thematisiert in seinem Film The Pillars (2012) die Gleichstellung der Geschlechter bezogen auf die fünf Pfeiler des Islam, während der Film Ten Hours (2012) den schmalen Grat zwischen Unterwerfung und Stärke einer emiratischen Frau in einer zum Scheitern verurteilten Beziehung beschreibt.
Mit überraschendem Humor konfrontierte der Kung-Fu-Kurzfilm Black and White (2012) des Filmemachers Omar Butti das Publikum. Auch der Eröffnungsfilm The Gamboo3a Revolution (2012) gab komische Einblicke in die Ursprünge und Folgen überdimensionierter Haarklammern, die junge Frauen unter ihren Sheilas tragen, um einen übergroßen bienenkorbähnlichen Haarknoten zu schaffen – ein Phänomen, das dem eigentlichen Sinn des Kopftuchs, nämlich sich züchtig zu kleiden, widerspricht.
Maddie Moore, Studentin an der NYU Abu Dhabi, zeigte sich beeindruckt von den Bemühungen des emiratischen Films, Frauenrollen zu diskutieren. „Ich schätze den arabischen Ansatz, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern aufzuzeigen“, sagte sie. „Und mir gefällt die Breite an Themen und Interpretationen der Frage, was eine ‚starke Frau‘ ist“.
Dennoch zeigte sich Moore auch etwas enttäuscht darüber, dass das regionale Kino nicht anspruchsvollere Themen in Bezug auf Frauen aufgreift, vielleicht eine Konsequenz aus Zwängen, denen sowohl Filmemacher als auch Kuratoren in einer immer noch recht konservativen Filmkultur unterliegen.
Mit seiner dritten Auflage schaffte das Festival, das schon 2011 begründet wurde, eine Plattform für den künstlerischen Dialog zwischen der Golfregion und Deutschland über in beiden Kulturen signifikante Themen. Damit schließt sich das Festival an verschiedene andere kulturelle Initiativen an, wie das Tropfest Arabia und das Abu Dhabi Film Festival, die dem Kino zu mehr Sichtbarkeit in der Region verhelfen wollen.
Dennoch unterscheidet es sich grundlegend von internationalen Festivalformaten, da die Auswahl nicht auf kritischen oder kommerziellen Aspekten beruht. Maya Röder, Programmkoordinatorin des Goethe-Instituts, „Das Festival ist einzigartig, da es sich um eine reine kulturelle Initiative handelt, ohne Wettbewerb zwischen den Filmen. Es geht uns darum, jungen Talenten aus den Emiraten eine Plattform zu bieten, um ihre Filme neben Filmen junger und etablierter deutscher Filmemacher zu zeigen.“
Roeder hofft, dass sich daraus eine Diskussion über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Kinokulturen ergibt. Das Festival versucht soziale und kulturelle Bindungen zwischen Deutschland und der arabischen Welt zu schaffen, ein besonders wichtiger Aspekt in Zeiten, in denen sich die Golfregion immer mehr dem Westen öffnet und auch Europas muslimischer Bevölkerungsanteil stetig wächst.
Omnia Elafifi, eine der in Dubai lebenden Ko-Regisseure von Ten Hours, die am Festival teilnahm, begrüßte es, das Festivals wie dieses, zu wichtigen Diskussionen in der Region anregen. „Die Menschen sehen Frauen immer noch als schwach an, und als unfähig, das zu tun, was ein Mann kann. Als arabische Filmemacherin ist es immer noch sehr schwierig einen Job in den VAE zu finden. Die meisten Jobs in der Filmbranche sind explizit für männliche Bewerber.”
Elafifi, die in Ägypten geboren wurde und an der American University of Sharjah Film und Multimedia Design studiert hat, zeigte ihren ersten Kurzfilm in der Selektion des Cannes Film Festivals. „Als ich die Einladung bekommen habe, hat mir das den Auftrieb gegeben, mehr Filme zu machen. Es hat mir gezeigt, dass alles möglich ist, wenn man hart dafür arbeitet. Jetzt wird mein Film auf der ganzen Welt gezeigt und auch mein neuster Kurzfilm wird dieses Jahr wieder in Cannes vorgeführt.”
Als junge, talentierte Frau, die in den VAE arbeitet, hat Elafifi eine feste Meinung zur Zukunft von Frauen in der lokalen Filmindustrie - Hürden für Frauen, die in Deutschland schon länger nicht mehr relevant sind, wie der Erfolg von Regisseurinnen wie Helke Sander und Margarethe Von Trotta zeigt.
Hat Elafifi einen spezifischen Wunsch für die Zukunft des arabischen Kinos? “Die Menschen sollten mich mehr als Filmemacherin wahrnehmen und nicht nur als Frau Ichch hoffe, in Zukunft nicht nur die Technik verbessert wird, sondern das sich das Denken verändert.”
Ko-Regisseur, Mohammed Mamdouh, fügt hinzu, dass junge Filmemacher in den Emiraten sich stärker darum bemühen sollten, von Kurzfilmen auf lange Filme umzusteigen. Mamdouh, der Festivals bislang als Sprungbrett von Kurz- zu Spielfilmen nutzte, produziert derzeit seinem ersten Spielfilm, Moments of Fiction.
Er beschreibt die Schwierigkeiten bei der Produktion von Langfilmen, drückt aber gleichzeitig die Hoffnung aus, dass mehr junge Filmemacher dies in Zukunft tun werden. Die große Befriedigung lohnt den Aufwand.
„Der Übergang von Kurz- zu Spielfilmen hat viel mit Durchhaltevermögen zu tun. Wenn man jahrelang jeden Tag aufwacht und über die gleiche Geschichte nachdenkt, sollte man daraus einen Langfilm machen… Dabei ist es wichtig, nicht auf die perfekte Gelegenheit zu warten, sondern es einfach zu machen.“
Erstveröffentlichung in “The Gazelle”
April 2013






