Theater

Verknüpfungsleistungen – Kuratoren im Theater

„Verknüpfungsleistungen“; Foto: Kathrin SchäferPlötzlich sprechen im Theater alle vom Kurator. Aber was macht dieser eigentlich, und woher kommt er? Eine Stippvisite.

Er sei wie ein Gastgeber: Er wähle den Raum aus und die Speisen, richte das Licht ein und die Musik. Er lade Gäste ein, von denen er denke, dass sie sich etwas zu sagen haben, eine harmonische, aber spannende Mischung aus alten Bekannten und neuen Gesichtern. Denn der Kurator ist ein Präparator: Er bereitet ein Ereignis bestmöglich vor, um es dann sich selbst zu überlassen.

In den letzten zehn Jahren ist die Berufsbezeichnung Kurator aus der Bildenden Kunst in den Theaterbereich gewandert. Einerseits spiegelt dieser Transfer eine Mode gerade im Freien Theater wider, sich verstärkt an der Bildenden Kunst zu orientieren – obgleich ebenda der Kurator als Metakünstler und Alleinentscheider kritisch betrachtet wird. Andererseits bildet dieser Transfer eine veränderte Berufspraxis ab: Seit den 1990er-Jahren sind Formate wie Festivals und Kongresse in Theater eingezogen, Kunst und Theoriebildung werden verknüpft und Interdisziplinarität wird gepflegt. Es gilt vermehrt, Kontexte für einzelne Arbeiten zu schaffen und künstlerische Handschriften ins Verhältnis zu setzen.

Verweile doch

Matthias von Hartz. Künstlerischer Leiter des Sommertheaterfestivals auf Kampnagel in Hamburg; Foto: Sarah Tabea MeierSo arbeitet beispielsweise Matthias von Hartz, der Politik, Kunst und Event miteinander verbindet. 2002 merkte der studierte Ökonom und Regisseur, dass er Themen, die ihn besonders interessierten, nicht in Form von Inszenierungen verhandeln konnte. So begründete er die Reihe „go create resistance“ am Schauspielhaus Hamburg, eine „globalisierungskritische Mischung aus Happening und Volkshochschule“, wie Der Spiegel schrieb.

Seither bringt von Hartz, heute Künstlerischer Leiter des Sommertheaterfestivals auf Kampnagel in Hamburg, bei Festivals und Themenwochenenden Künstler, politische Gruppierungen und Wissenschaftler zusammen. Hierbei schafft er stets eine Umgebung, die zum Verweilen einlädt, denn er denkt seine Veranstaltung als Gesamterlebnis: „Ich habe viele Formate entwickelt, die ich als gestaltete Kommunikationsräume beschreiben würde, Begegnungen mit dem Thema, die ich für fruchtbarer und interessanter halte als eine klassische diskursive oder eine klassische künstlerische Haltung.“ Schließlich ist das Theater ein spezifischer öffentlicher Raum, in dem es zunehmend gilt, soziale Prozesse zu gestalten.

Eine starke Person Singular

Frie Leysen, Programmdirektorin von Theater der Welt 2010; Foto: Diana KüsterDagegen arbeitet Frie Leysen, Europas wohl bekannteste Kuratorin, ohne Themen. Sie erfand 1992 das Kunstenfestivaldesarts in Brüssel, interdisziplinäre Arbeit war in ihrer Konzeption von vorn herein gegeben. Im Sommer 2010 wickelte sie nicht nur das Ruhrgebiet bei „Theater der Welt“ um den Finger, wo sie gar Rhabarberkuchen beim Backwettbewerb verkostete. Von Auftragsarbeiten aber hält die resolute Dame nichts, die Künstler sollen nicht ihre eigene Agenda erfüllen – auch wenn oft genug die Vergabe von Fördermitteln an bestimmte Themen oder Interessen gebunden wird. Sie ist bestrebt, die Kunst frei zu halten und ihr einen fast utopischen Raum zu schaffen.

Hierfür sucht sie stets den engen Dialog mit Künstlern, von denen einige sie seit Jahrzehnten begleiten, um im Gespräch gemeinsame Projekte zu entwickeln: „Für mich sind Schlüsselwörter in den Begegnungen mit den Künstlern Dringlichkeit, Notwendigkeit und ein sehr persönlicher Blick auf die Dinge.“ Als Kuratorin aber arbeitet Leysen stets allein, weil dies ihrer Ansicht nach radikalere Entscheidungen ermöglicht: „Ich glaube nicht an Konsens.“ Wie einst Harald Szeemann in der Bildenden Kunst vertritt sie eine starke Position, gerade weil Kunst für sie immer politisch ist: In Brüssel mischte sie sich mit dem „Kunsten“ in den Konflikt zwischen Flamen und Walonen ein, bei „Theater der Welt“ brachte sie den Kolonialismus wieder in die Diskussion.

Prozesse kuratieren

Stefanie Wenner, Theater-Kuratorin am Berliner Hebbel am Ufer (HAU); Foto: privatEine der wenigen fest angestellten ist Stefanie Wenner, seit 2008 Theater-Kuratorin am Berliner Hebbel am Ufer (HAU). Ihre Arbeit verfolgt zwei Linien: „Einerseits die Pflege der lokalen Szene und das Mit-Ermöglichen von künstlerischen Arbeiten, andererseits die Möglichkeit des kulturellen Austauschs sowie thematische Setzungen.“ Gastspiele einzuladen bedeutet letztlich, eine fertige Produktion zu kaufen, doch mehr noch interessiert es sie, Prozesse zu kuratieren.

Die mehrmals im Jahr stattfindenden Themenfestivals versteht Wenner als Möglichkeit, die Grenzen des Hauses zu strapazieren. Immer schon war das Theater ein Diskursort, bei Projekten wie von Hartz’ Kongressen und HAU-Veranstaltungen wird dies explizit: „Es geht nicht darum, eine geschlossene, mediale Oberfläche zu produzieren, sondern eine poröse Anlage zu machen, die etwas ermöglicht und Aufmerksamkeit auf bestimmte Zusammenhänge leitet.“ Da ihre Arbeit ohne Drittmittel nicht möglich wäre, entscheiden allerdings oft Kuratorien von Institutionen wie dem Hauptstadtkulturfonds darüber, welche Inhalte verfolgt werden und welche Gruppen Geld erhalten – Entscheidungsgewalt und Gestaltungsfreiheit sind hier durchaus begrenzt.

Am eigenen Verschwinden arbeiten

Joachim Gerstmeier, Projektleiter und Kurator der Siemens Stiftung im Bereich Darstellende Kunst; Foto: privatDenn immer mehr Stiftungen setzen inhaltliche Schwerpunkte, nicht zuletzt aus wachsendem Legitimationsdruck. Joachim Gerstmeier von der Siemens-Stiftung, Projektleiter und Kurator im Bereich Darstellende Kunst, geht mit Ideen auf Orte zu, um sie im Dialog weiterzuentwickeln. Dabei siedelt sich Gerstmeier zwischen Dramaturg und Kurator an, er begleitet künstlerische Prozesse, denkt sie jedoch immer im Gesamtgefüge einer Themenreihe oder Sommerakademie. Das Unberechenbare ist ihm dabei stets ein enger Begleiter: „Letztlich ist es wie in der Mathematik, man rechnet immer mit mindestens einer unbekannten Variablen.“ Und im besten Falle entwickelt sich das Projekt so, wie er es sich selbst nicht hätte vorstellen können. Der Kurator verschwindet hinter seiner Arbeit.

Paradox genug, geht es bei der Konzeption doch gerade darum, selbstbewusst Impulse oder in bestehenden Diskursen Akzente zu setzen. So ermöglicht er und fügt zusammen, auch wenn er sich selbst oft genug in einer prekären Zwischenposition befindet. Letztlich aber ersetzt nichts den genauen Blick auf die Kunst und die Auseinandersetzung mit den Künstlern. Schließlich stammt der anverwandte Begriff vom Lateinischen „curare“: „sich kümmern“, „sorgen“, „pflegen“. Fürsorglichkeit, starke Nerven, offene Augen und Erfindungsreichtum sind auf diesen Positionen weiterhin gefragt.

Esther Boldt
schreibt als freie Theater- und Tanzkritikerin unter anderem für nachtkritik.de, taz, corpusweb und tanz.

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Januar 2011

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