Wege der Ausbildung für Bibliothekare

Die Ausbildung der Bibliothekare in Deutschland findet auf verschiedenen Wegen statt, weil die Aufgaben in Bibliotheken – vom Dienst an der Ausleihtheke über Bestandsaufbau und -erschließung bis zur Einwerbung von Drittmitteln – so vielfältig wie unterschiedlich sind.
Als in Umberto Ecos Roman „Im Namen der Rose“ Benno von Uppsala zum neuen Bibliothekarsgehilfen ernannt wird, beschreibt der Abt Bennos zukünftige Aufgaben wie folgt: „Kümmere dich um die Öffnung des Skriptoriums und achte darauf, dass niemand in die Bibliothek hinaufgeht. […] Jeder arbeite nur mit den Büchern, die er bereits auf dem Tische hat. Wer will, mag den Katalog konsultieren. Mehr nicht.“
Die Zeiten, in denen die Aufgabe der Bibliothekare und ihrer Helfer darin bestand, den Zugang zum Wissen mit Argusaugen zu bewachen, sind glücklicherweise schon lange Geschichte. In der modernen Informations- und Wissensgesellschaft kommen Bibliothekaren vielfältigste Aufgaben zu. Dafür werden sie in Deutschland auf drei Ebenen des öffentlichen Dienstes ausgebildet. Als öffentlichen Dienst bezeichnet man Tätigkeiten in einem Anstellungs- oder Beamtenverhältnis für den Bund, ein Bundesland oder eine Gemeinde. Jeder dieser drei Ebenen, die Bibliothekaren offen stehen – das sind der „mittlere“, „gehobene“ und „höhere“ Dienst –, sind bestimmte Gehaltsstufen zugeordnet.
Etwas vereinfacht lassen sich die Ausbildungswege so darstellen: Eine Berufsausbildung qualifiziert die so genannten Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste, ein Fachhochschulstudium bildet die Bibliothekare im gehobenen Dienst aus, ein (fachfremdes) Universitätsstudium mit anschließendem Referendariat bzw. ein Masterstudiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist die Voraussetzung für eine Bibliothekarstelle im höheren Dienst.
Vom Erwerb bis zur Telefonauskunft – Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste
Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste (kurz: FAMI) gibt es für die Bereiche Archiv, Bibliothek, Information und Dokumentation, Bildagentur sowie Medizinische Dokumentation. Der noch recht junge Beruf trat 1998 an die Stelle des Bibliotheksassistenten.Die dreijährige Ausbildung, die sich in der Regel an die Mittlere Reife anschließt, erfolgt im dualen System, das heißt, es gibt einen theoretischen und einen praktischen Ausbildungsteil. Der Theorieteil wird in der Regel im Blockunterricht in der Berufsschule absolviert, der Praxisteil in einem Betrieb – also zum Beispiel in Bibliotheken.
Einen großen Raum innerhalb der Ausbildung nehmen die neuen Medien ein, so dass die FAMIs im Umgang mit Internet, Datenbanken und Multimedia-Angeboten bestens geschult werden. Nach Abschluss der Ausbildung sind sie in den wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken in vielen Bereichen tätig: Sie beschaffen Bücher, Zeitschriften und andere Medien, systematisieren sie in Katalogen, übernehmen die mit der Ausleihe verbundenen Arbeiten, beraten ihre Kunden und führen dafür einfache Recherchen durch. Mit den Fachangestellten können die deutschen Bibliotheken bereits auf der untersten Ebene – im „mittleren Dienst“ – auf gut qualifiziertes Personal zurückgreifen, während in vielen anderen Ländern in diesem Bereich angelernte Hilfskräfte tätig sind.
Von der Sacherschließung bis zu leitenden Funktionen – Bibliothekare im gehobenen Dienst
Auf der nächsthöheren Ebene – im „gehobenen Dienst“ – sind Bibliothekare tätig, die ein Studium an einer Fachhochschule absolviert haben; die Studiengänge in diesem Bereich heißen heute etwa „Bibliotheks- und Informationsmanagement“, „Bibliotheks- und Medienmanagement“ oder „Informations- und Wissensmanagement“.Im Zuge des Bologna-Prozesses werden die früheren Diplom- in Bachelor- und Master-Studiengänge ungewandelt. In das Studium sind Praxisphasen integriert.
Bibliothekare mit Fachhochschulabschluss sind im Vergleich zu den Fachangestellten für die schwierigeren Katalogisierungen zuständig. Zunehmend werden sie auch in der Sacherschließung eingesetzt und treffen – vor allem in den öffentlichen Bibliotheken – die Erwerbungsentscheidungen. Ihre eigentliche Domäne ist der Auskunftsbereich. Sie verfügen daher über fundiertes Wissen über unterschiedliche Datenbanken, in denen sie umfangreiche Recherchen für die Bibliotheksnutzer durchführen. Zum Teil arbeiten sie auch selbst an der Erstellung normgerechter Datenbanken mit. In etlichen Öffentlichen Bibliotheken mittelgroßer Städte haben sie auch leitende Funktion.
Vom Bestandsaufbau bis zum Management – Bibliothekare im höheren Dienst
Bibliothekare im höheren Dienst haben in der Regel ein Fachstudium an einer Universität abgeschlossen und danach ein zweijähriges Referendariat absolviert. Sie sind als Fachreferenten meist in wissenschaftlichen Bibliotheken für die inhaltliche Gestaltung in dem Bereich zuständig, in dem sie studiert haben – also etwa Natur- oder Wirtschaftswissenschaften, Geschichte etc. Zu ihren Aufgaben gehören der eigenverantwortliche Aufbau des Bestands und seine wissenschaftliche Erschließung.Das Referendariat gilt als eine Art Aufbaustudium. Hier wird das notwendige aktuelle Wissen vermittelt, hier lernen die Bibliothekare die neuesten relevanten Technologien kennen und hier erfahren sie, was international gerade als vorbildlich gilt. Zudem – und das wird immer wichtiger – werden die Referendare auf Managementaufgaben in Bibliotheken vorbereitet, die sie beispielsweise als Bibliotheksdirektoren übernehmen.
Zu diesem Ausbildungsmodell gibt es seit kurzer Zeit in einigen Bundesländern eine Alternative. So sind in Nordrhein-Westfalen die Absolventen des Master-Studiengangs "Bibliotheks- und Informationswissenschaft" – ohne anschließendes Referendariat – zum Eintritt in den höheren Dienst berechtigt. Ein solcher Master-Studiengang wird auch an der Humboldt-Universität in Berlin angeboten – sogar mit der Möglichkeit zur Promotion.
Geplante Einführung des Fachwirts für Medien- und Informationsdienste
Über die Ausbildung von Bibliothekaren wird zurzeit nicht nur wegen der Bologna-Reformen viel diskutiert. Geplant ist die Einführung einer Weiterbildung zum Fachwirt für Medien- und Informationsdienste. Die ausgebildeten Fachwirte stünden dann zwischen den Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste und den Bibliothekaren im gehobenen Dienst.Damit erführe das Ausbildungssystem für Bibliothekare eine weitere Ausdifferenzierung, die der rasanten Entwicklung des Berufsbilds, Rechnung trägt. Die Bibliothekare von heute sorgen – im Gegensatz zu Ecos mittelalterlichen Figuren – auf allen Ebenen dafür, dass der Weg zur Information für alle frei wird; sie sorgen als Infobroker für die Demokratisierung von Wissen.
Redakteurin und Publizistin in Bonn
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September 2007








