
Die Umkehrung des Denkens
Über die Revolutionen, Unabhängigkeiten und Rebellionen vom Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts1. Die sogenannten „Revolutionen“ und manchmal „Unabhängigkeiten“, die Amerika und die Welt am Atlantik (von Spanien und Portugal bis nach Frankreich, Deutschland und England) erschüttert haben, waren in Wahrheit postkoloniale Revolutionen und Unabhängigkeiten. Postkolonial im wörtlichen Sinne: Man erschuf eine politische und ökonomische Ordnung auf den Ruinen der iberischen und britischen Kolonien. Dagegen könnte man nicht sagen, dass es sich bei der Glorreichen Revolution in England oder der Französischen Revolution in Frankreich um postkoloniale Revolutionen handelte.
Periphere Unruhen
Auf dem amerikanischen Doppelkontinent waren die Revolutionen und Unabhängigkeiten Befreiungsbewegungen der weißen Kreolen (im spanisch/portugiesisch und englisch kolonialisierten Amerika) und der Farbigen, die aus Afrika stammten oder in der Karibik geboren und aufgewachsen waren (die Haitianische Revolution). In die Revolutionen und Unabhängigkeiten, die ihre Ziele – in unterschiedlichem Ausmaß – erreichten, reihen sich auch die „Rebellionen“ von Tupac Amaru und Tupac Katari in Collasuyo bzw. im südöstlichen Teil des spanischen Vizekönigreichs Peru ein. Heute würde man die Wahl von Evo Morales zum Präsidenten von Bolivien, die mächtigen Organisationen der Indígenas in Ecuador, die Stärke der Gambianos und Nasas im Süden Kolumbiens nicht richtig verstehen, wenn man neben den Revolutionen und Unabhängigkeiten die Rebellionen außer Acht lassen würde.Zum angemessenen Verständnis dieser peripheren Unruhen, die vor der aufgebauschten Französischen Revolution begannen, müssen längst verstaubte Gemeinplätze ausgeräumt werden. An erster Stelle fand die Gründungsrevolution der Vereinigten Staaten von Nordamerika 1776 statt, und die Rebellionen von Tupac Amaru und Tupac Katari 1781 bis 1782. An zweiter Stelle, im Unterschied zur Französischen Revolution und ihrer Entsprechung in England (die Glorreiche Revolution), waren sie keine Revolutionen einer aufsteigenden Klasse in Europa – des Handelsbürgertums, das aus dem europäischen Mittelalter hervorging, und des Freihandelsbürgertums, das reich geworden war durch die Ausbeutung der Kolonien in Amerika und durch den Sklavenhandel, den Adam Smith in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts theoretisch behandelte. Im Gegensatz zu Europa bieten die Revolutionen, Unabhängigkeiten und Rebellionen auf dem amerikanischen Doppelkontinent eine bunte Landschaft.
Transatlantischer Handel
Die Kreolen mit europäischer Abstammung, die die Revolution in den Vereinigten Staaten vorantrieben, waren kein echtes Bürgertum, weder gleichzusetzen mit gesellschaftlichen Gruppen in England und Frankreich noch mit den in den mittelalterlichen Marktflecken herausgebildeten Gemeinschaften oder mit dem aus dem transatlantischen Handel entstandenen Bürgertum, wie Eric Williams in seinem klassischen Werk „Capitalism and Slavery“ (Kapitalismus und Sklaverei, 1944) erläutert. Die Kreolen und Afrikaner der ersten Generation, die die Haitianische Revolution vorantrieben, hatten weder mit den einen noch mit den anderen viel gemeinsam.Sie gelangten nicht von Europa, sondern von Afrika aus nach Amerika. Ihrerseits waren die Rebellionen von Katari und Amaru nur die letzten einer langen Reihe von Rebellionen und Protesten in den Anden, in Yucatán und im Tal von Mexiko, deren Geschichte bis zur ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zurückreicht. An dritter Stelle nannten sich die Rebellionen in Europa „Revolution“ (die Glorreiche und die Französische), und auch in Amerika bezeichneten sie sich als „Revolution“ (die der Vereinigten Staaten und die Haitianische). Betrachtete man sie als die peripheren Entsprechungen der jeweiligen großstädtischen Revolutionen in England und Frankreich? In der kolonialen iberischen Welt (als Lateinamerika noch nicht existierte) sprach man hingegen von Unabhängigkeiten.
Motive der Revolutionen
Ein genaues Verständnis der peripheren Erschütterung führt uns zu der Frage, gegen was und gegen wen sich diese Revolutionen, Unabhängigkeiten und Rebellionen in den Randgebieten richteten. Und gegen was und gegen wen richteten sich in Europa die beiden bekannten Revolutionen? Warum gab es keine ähnlichen Unruhen in den Gebieten, die heute als Mittlerer Osten (der als solcher noch nicht existierte) bekannt sind, in China (das zu diesem Zeitpunkt noch nicht in die diplomatischen und kaufmännischen Hände Englands und der Vereinigten Staaten gefallen war, wie dies mit dem Opiumkrieg von 1848 geschah)? Zunächst einmal diente die Revolution, durch die die Vereinigten Staaten entstanden, der Befreiung von denjenigen, die in England mit der Rebellion der „Levellers“ 1648 und der „Glorreichen Revolution“ 1688 begonnen hatten, die politische und wirtschaftliche Kontrolle zu übernehmen.Die Revolution, mit der die Sklaven und Afrikaner in Haiti befreit wurden, stützte sich auf die aufsteigenden Klassen, die sich aus der monarchischen und religiösen Überwachung lösten. Mit anderen Worten, die Motive, die die Energien auf beiden Seiten des Atlantiks freisetzten, waren sehr unterschiedlich und besaßen ihre spezifische eigene Geschichte. Gewiss waren es keine Revolutionen, Befreiungen und Rebellionen gegen einen abstrakten großen Bruder als Unterdrücker, der universal und unsichtbar war. Im Gegenteil, eine Sache waren die Revolutionen im Schoße imperial-kapitalistischer Formierungen in Europa, eine ganz andere die Rebellionen, Revolutionen und Unabhängigkeiten in den Kolonien der imperial-kapitalistischen Länder Europas.
Katastrophe und Chaos
In Amerika waren die dekolonialen Befreiungsbewegungen (mit ihren drei Gesichtern) verschiedene Antworten auf die „koloniale Revolution“, die im 16. Jahrhundert stattfand und sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts sowie zu Beginn des 19. Jahrhunderts neu zu strukturieren begann. Worin bestand die „koloniale Revolution“? Für die iberischen Männer (Missionare verschiedener Orden, Beamte des monarchischen Staates, Soldaten einer unförmigen Armada) bestand diese Revolution schlicht in der Zerstörung einer Art von Ordnung (in Tawantinsuyu, Anáhuac und Yucatán) und in der stufenweisen Einführung einer anderen Art von Ordnung; im Zerstörungsprozess der im Inkareich in Tawantinsuyu, im Tlatoanato in Anáhuac und in der Zivilisation der Maya bestehenden Ordnung. Während die „koloniale Revolution“ den „positiven“ Aspekt heraushebt, den der Revolutionsbegriff für diejenigen hat, die sie durchführen (und in diesem Fall positiv und erfolgreich für die iberischen Kräfte und ihre Erzähler), war die „koloniale Revolution“ für die Indígenas eine Katastrophe und ein Chaos. Für die Aymaras war die koloniale Revolution, die von iberischen Männern eingeleitet wurde, ein „Pachakuti“ (Zeitenwende), ein Umsturz und Wirrwarr. Guamán Puma de Ayala, ein Intellektueller der Andenregion, übersetzte den Begriff Queshuaymara de Pachakuti mit „verkehrte Welt“, und so beschrieb er es genauer in seiner grundlegenden politischen Abhandlung „Nueva Corónica y Buen Gobierno“ (Neue Chronik und gute Regierung), um 1616 beendet und an Philipp III. gesendet.
Verschiedene Interpretationen
Ebenso war dies ein Umsturz und Chaos für die Völker Afrikas, aus deren Schoß Millionen von Menschen gefangen, versklavt und nach Amerika verschleppt wurden. Die Entsprechung des Pachakuti (Zeitenwende) für den versklavten und später befreiten Ottobah Cugoano war sein ethisch-politisches Traktat (in jüngster Zeit unter „Slave’s Narratives“ [Sklavenerzählung] gefasst) „Thoughts and Sentiments on the Evil of Slavery“ (Gedanken und Gefühle über das Übel der Sklaverei, 1786, zehn Jahre nach der Veröffentlichung von „Der Wohlstand der Nationen“ von Adam Smith). Das Traktat von Cugoano wurde kurz vor dem Prozess veröffentlicht, der zur Haitianischen Revolution führte.2. Der ungeduldige Leser wird sich fragen, worüber wir reden in einem Gedenkband zum zweiten Jahrhundert der Unabhängigkeit am Río de la Plata und der Errichtung der Republik Argentinien. Die offizielle Geschichte und die Gegen-Geschichte sind hinreichend bekannt. Obwohl es immer Raum für eine neue Interpretation ausgehend von den gemeinsamen Mustern gibt, auf die sich die vorhandenen Interpretationen stützen, auch wenn diese Interpretationen verschiedenartig sind und sogar im Konflikt zueinander stehen, so ist es hier genau meine Absicht, die Fundamente zu untergraben, auf die sich solche vorhandenen Interpretationen stützen, in ihrer Verschiedenheit und in ihrem Konflikt zueinander. Ich versuche, eine Interpretation vorzunehmen, die eher „de-kolonial“ ist als „post-kolonial“.
Brüche mit der kolonialen Ordnung
Die postkolonialen Interpretationen gehen von der Bejahung aus, also von der kolonialen Revolution. Die dekolonialen Interpretationen gehen vom Pachakuti (Zeitenwende) aus. Jedoch wischt die von der kolonialen Revolution errichtete Sichtweise die Erinnerung an das Pachakuti beiseite. Dagegen kann die Erinnerung an das Pachakuti sich nicht über die koloniale Revolution erheben. Dies bedeutet, dass die dekoloniale Interpretation eine Erkenntnis der Grenzen bedingt, ein Muss zur Rechenschaftslegung, ohne die koloniale Revolution ignorieren zu können. Die postkolonialen Interpretationen dagegen sind Kritiken an der kolonialen Revolution, lassen jedoch deren eigenen Annahmen unberührt. In diesem Sinn ist Bartolomé de las Casas ein postkolonialer Kritiker: Er kritisiert die Exzesse der kolonialen Revolution, hinterfragt jedoch nicht deren eigene Existenz und deren eigene Fundamente.Die Revolutionen, Unabhängigkeiten und Rebellionen vom Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts sind zum einen die ersten Brüche mit der modernen/kolonialen Ordnung, die durch die koloniale Revolution zum Ende des 15. und Beginn des 16. Jahrhunderts hergestellt wurde (allgemein als „Entdeckung und Eroberung“ beschrieben). Die moderne Ordnung ist untrennbar mit der kolonialen Unordnung verbunden, sowohl für die Indígenas in Amerika als auch für die Afrikaner in Afrika und Amerika. Anders ausgedrückt, die Kolonialisierung ist grundlegend und sie ist die dunkle Seite der Modernität. Zeichnen wir also in diesem Rahmen den Charakter der verschiedenen Rebellionen, Revolutionen und Unabhängigkeiten nach.
Historischer Moment
Die Revolution der Anglo-Kreolen in den englischen Kolonien an der Ostküste der Vereinigten Staaten entsteht auf der Grundlage einer dreifachen Entscheidung: Unabhängigkeit von der britischen Kontrolle, Unterwerfung der indigenen Gemeinschaften und Ausbeutung der afrikanischen Sklaven. Zum anderen findet diese Revolution in einem historischen Moment statt, in dem England und Frankreich die Führung der globalen Politik und Wirtschaft übernehmen, die weder Spanien noch Portugal zu halten wussten oder halten konnten. Die Glorreiche Revolution und die Französische Revolution sind die Zeichen und Symptome einer historischen Erschütterung in Europa, die Amerikanische Revolution in den Kolonien. Erstaunlicherweise wurden die englischen Kolonien, aus denen die Vereinigten Staaten von Amerika hervorgingen, erst später, nämlich nach den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts gegründet, während die Vizekönigreiche auf dem Gebiet spanischer Kolonien und die „Pelourinhos“ im portugiesischen Kolonialgebiet im Laufe des 16. Jahrhunderts entstanden waren.Wie kann es dann sein, dass die Revolution in den englischen Kolonien eher stattfand als in den spanischen und portugiesischen? Und wie kann es dann sein, dass die Errichtung der Vereinigten Staaten als kolonialer Nationalstaat den anderen zuvorkam und sich neben die imperialen Nationalstaaten (Frankreich, England, Deutschland) stellte, während die Nationalstaaten im Süden diesem Weg nicht folgten (und heute sehen wir die Konsequenzen)? Eine mögliche Antwort darauf könnte eine Beunruhigung der kolonialen Welt sein (die zum damaligen Zeitpunkt einzig vorhandene, denn die künftige Kolonialisierung von Indien durch die Engländer steht in den Anfängen, und die Kolonialisierung von Nordafrika durch die Franzosen beginnt erst gegen 1830), wie ein Nachbeben der inneren Reichsteilungen in Europa.
Moderne der Aufklärung
Im Süden bleiben die katholischen Latino-Länder. Im Norden ebenfalls Latino-Länder, jedoch kalvinistisch wie Frankreich und die angelsächsischen Länder. Dies ist der Moment der zweiten Moderne, die Moderne der Aufklärung, mit der die erste Moderne, die der Renaissance, verdrängt wird. Die Bildung der Vereinigten Staaten auf den Trümmern der englischen Kolonien entwickelte sich zudem korrelativ zu der Führerschaft, die England über Spanien und Portugal gewann.So kommt es, dass die Unabhängigkeiten der ehemaligen iberischen Kolonien und die Bildung der postkolonialen Nationalstaaten das Kolonialwesen unberührt lassen, auf dem sich die koloniale Revolution begründete (wie dies die Vereinigten Staaten taten), jedoch leiten sie – im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten – darüber hinaus die imperiale Kontinuität mittels Imperien ohne Kolonien ein. Wir wollen dies ausgiebiger betrachten.
Innerer Kolonialismus
Der Begriff des „inneren Kolonialismus“ könnte Verwendung finden, hätte jedoch nicht viel – oder denselben und negativ besetzten – Sinn, den er auf dem amerikanischen Doppelkontinent aufweist, mit Ausnahme von Haiti, wie wir noch sehen werden. Allen Revolutionen und Unabhängigkeiten in Händen europäischstämmiger Kreolen sowohl im Süden als auch im Norden ist ein Element gemein: der „innere Kolonialismus“, das heißt die Reproduktion und Reorganisation der Kolonialisierung (also die Logik der imperialen Herrschaft und Kontrolle in den Kolonien) in den Händen von Männern, die in Amerika geboren sind, statt der einfachen Kolonialisierung durch Männer und Beamte der imperialen Monarchen.Warum interne Kolonialisierung? Weil weiße, von europäischen Familien abstammende Menschen den Prozess fortsetzten und oftmals die Lebensbedingungen der Indígenas und der Sklaven, obwohl diese freigelassene Sklaven waren, sogar noch verschlechterten. Ihre Kondition als niedere Menschen – nach den Vorstellungen der Weißen – drängte sie an den Rand der Nation und der Bevölkerung. Haiti bildet eine Ausnahme, da es vom ersten Moment an als Nationalstaat in Händen von Farbigen, die von afrikanischen Familien oder von Familien versklavter Afrikaner aus den Kolonien abstammten, gegründet wurde.
Politische Kampagne
Der Begriff „diferencia imperial interna“ (innerer imperialer Unterschied), der die Spannungen zwischen dem katholischen Süden und dem protestantischen Norden des atlantischen kapitalistischen Europas beschreibt, kann auch die Verbindung von Angloamerika zu Lateinamerika herstellen, wenn auch an den entgegengesetzten Punkten des Spektrums des inneren imperialen Unterschieds. Die erste Welle postkolonialer Revolutionen, Rebellionen und Unabhängigkeiten (also jene, die die direkten Bindungen mit dem Imperium zerreißen, jedoch das Kolonialwesen nachbilden) stellt den Beginn einer neuen Modalität dar: Imperialismus ohne Kolonien. Die Bildung der Republiken (angeblich autonom und souverän) auf den Ruinen der iberischen Kolonien endet tatsächlich in den Händen Frankreichs und Englands, obwohl weder das eine noch das andere Land Kolonien besaß. Jedoch lenkten sie das wirtschaftliche und kommerzielle (hauptsächlich England) sowie das politische und kulturelle (hauptsächlich Frankreich) Geschehen.Nachdem England die Kolonien auf dem Kontinent sowie die Kontrolle über mehrere Inseln in der Karibik verloren hatte, begann es seine direkte Kolonialisierung Indiens sowie die Kolonialisierung ohne Kolonien in Südamerika. Nach Napoleon und dem Vertrag von Guadalupe Hidalgo, durch den das Gebiet der Vereinigten Staaten umfangreiche Ländereien vom mexikanischen Staat erhielt, begann Frankreich eine wild entschlossene politische Kampagne, bei der der innere imperiale Unterschied aus dem Inneren Europas zu seiner Fortsetzung nach Amerika und in die Vereinigten Staaten verlagert wurde. Diese beiden Kursrichtungen brachten die Vereinigten Staaten dazu, sich in die Reihe der imperialen Länder einzugliedern und nach dem Zweiten Weltkrieg die Führerschaft zu übernehmen.
Dekadente Imperien
Die südlichen Nationalstaaten der ersten Moderne dagegen, die von den dekadenten Imperien unabhängig geworden waren, gaben sich der Anziehungskraft der neuen Imperien hin, der zweiten Moderne. Georg W. F. Hegel erzählte diese Geschichte auf seine Weise, jedoch aufschlussreich, in seinen 1822 veröffentlichten Lektionen über die Philosophie der Geschichte. Der Harvard-Politologe Samuel Huntington aktualisierte die Geschichte von Hegel in seinem umstrittenen Buch „Kampf der Kulturen“ (The Clash of Civilizations), eine 1993 in englischer Sprache als Artikel veröffentlichte These.Die Republiken des Südens traten in eine Reorganisation der modernen/kolonialen Welt ein, die ihre Führer möglicherweise nicht genau verstanden. Sie waren orientierungslos aufgrund des Werdegangs der Vereinigten Staaten im Verlauf des 19. Jahrhunderts, des Verkaufs von Louisiana durch Napoleon, der straflosen Aneignung mexikanischer Gebiete im Jahr 1848 mit ihrer endgültigen Bestätigung in der Weltordnung nach dem Krieg, der 1898 dem spanischen Imperium den Gnadenstoß versetzte. Im Süden unterwarfen sich die ehemaligen iberischen Kolonien mehr und mehr der englischen und französischen Kontrolle, ab Beginn des 19. Jahrhunderts dann den Vereinigten Staaten. Heute, zweihundert Jahre nach der postkolonialen Erschütterung, sind wir einerseits Zeugen der von den Nationalstaaten eingeschlagenen Schicksalswege – Nationalstaaten, die in der Tradition Europas gegründet wurden. Heute, zweihundert Jahre nach der postkolonialen Erschütterung, erleben wir auch den Beginn dekolonialer Prozesse.
Die Erinnerung an das Pachakuti nährt politische und intellektuelle Vorhaben wie diejenigen, die Evo Morales zur Präsidentschaft brachten und die den amerikanischen Boden von den Mapuches bis nach Kanada durchströmen. Nach zweihundert Jahren der Unabhängigkeiten und Revolutionen europäischstämmiger Kreolen erleben wir Dinge wie den III. Kontinentalgipfel der indigenen Völker und Nationalitäten Amerikas. Das dekoloniale Bewusstsein Afrikas ist bereits in ganz Südamerika offensichtlich und ist es in der Karibik immer gewesen. Der Begriff der „afro-latinidad“ (Afro-Latinität) war bereits vor knapp zehn Jahren gebräuchlich, als man annahm, dass die in Amerika lebende afrikanische Bevölkerung sich in den Vereinigten Staaten oder in der englischen Karibik befand (also afro-anglikanisch) oder in der französischen Karibik, deren Latinität durch die einfache Tatsache verschleiert wurde, dass der Begriff der Latinität selbst eine Erfindung französischer Intellektueller und Politologen ist. Im Gegenteil hebt Afro-Latinität die afrikanischstämmigen Gruppen im spanischen und portugiesischen Amerika hervor.
Neuschreibung des Pachakuti
1852 begann Juan Baustista Alberdi die Einführung seiner berühmten „Bases y puntos de partida para la organización política de la República Argentina“ (Grundlagen und Ausgangspunkte für die nationale Organisation der Republik Argentinien) mit den folgenden Anmerkungen: Amerika wurde entdeckt, erobert und bevölkert durch die zivilisierten Rassen Europas, den Impulsen desselben Gesetzes gehorchend, das die Völker Ägyptens von ihrem ursprünglichen Boden trieb, um sie nach Griechenland zu locken; später die Bewohner Griechenlands, um die Gebiete der italischen Halbinsel zu zivilisieren; und schließlich die barbarischen Bewohner Germaniens, um die Überreste der römischen Welt gegen die Entschlossenheit ihres Blutes für das Licht des Christentums einzutauschen.Heute, da wir uns nicht nur dessen bewusst sind, dass das, was für die einen die koloniale Revolution war, für die anderen ein Pachakuti darstellte, können wir uns zweihundert Jahre nach den ersten Unabhängigkeiten, Rebellionen und Revolutionen der modernen/kolonialen Welt vorstellen, dass die Nationalstaaten, die „zivilisierten Rassen Europas“, zwei Problemen gegenüberstehen. Zum einen dem Konflikt der „zivilisierten Rassen“ im Süden und im Norden auf allen Ebenen. Zum anderen dem Erscheinen politischer Akteure im Süden, die bei der Erschaffung der Nationen an den Rand gedrängt wurden. Und im Norden dem Auftauchen einer immensen „Latino“-Bevölkerung, deren gesellschaftliche Transformationsfunktion dem Protagonismus der Indígenas und Afrikanischstämmigen ähnelt. Innerhalb dieses Panoramas erahnen wir den dekolonialen Prozess als eine Neuschreibung des Pachakuti: eine Umkehrung des Denkens. Das ist es: eine Umkehrung, die beginnt, uns vom imperialen Denken hin zum dekolonialen Denken zu führen, in dessen Geist diese Seiten verfasst wurden.
Walter Mignolo





