Chile

Ein Symbol namens Chépica

Chépica ist ein Dorf im Herzen von Chile. 200 km südlich von Santiago, etwa 50 km von der Küste entfernt, mitten im Tal von Santa Cruz, wo die besten Weine des Landes und einige der besten der Welt hergestellt werden. Wenn es noch einen Rest gibt, etwas übrig Gebliebenes vom kolonialen Chile, dann dort. Alte Herrenhäuser, riesige Scheunen aus roten Lehmziegeln, Pferdeställe, Überbleibsel von Palästen, zugewachsene Eisenbahnstationen. Ein geschichtsträchtiges Paradies, in dem Bankenchefs oder Manager der Mobilfunkgesellschaften aufs Pferd steigen – so, wie es ihre Urgroßväter getan haben.

Grüne Hügel, durch Vulkanausbrüche geformte Flüsse, Trauerweiden, Pferde im Gestrüpp, Reste von Mauern und Dachziegeln, die von Allradwagen durchkreuzt werden, während man Geschäfte abschließt oder abbricht. Das wahre Herz des ländlichen Chile ist kaum mehr als eine Erinnerung in diesem neoliberalsten Land der westlichen Welt.

Konflikte aus Fleisch und Blut

In Chépica, dem Dorf, das aus einer Plaza besteht und zwei Straßen, die sie kreuzen, mit verstreuten Häusern, die sich irgendwo im Feld verlieren, sind alle – oder fast alle – Konflikte dieses Landes Fleisch geworden, Blut, Gebäude, Schreie, Brachen, Läden, die am Ende der Nacht von einer einzigen Glühbirne erleuchtet werden. Hier kamen alle möglichen Präsidenten der Republik durch, einige von ihnen wurden hier gehegt und aufgezogen, durch diesen Ort ging alles durch: das Gewehr und die verbrannten Ernten, die Gewerkschaften der Zeitarbeiter, Enteignungen, Verfolgungen, die Agrarreform, der Zusammenbruch und die Stille, und dann die Winzer mit ihren farbenprächtigen Weingütern und ihren Exporten, ihrem Tourismuszug mit Dampflok, ihren ethnischen Restaurants.

In Chépica ist alles unendlich chilenisch: der Wein möchte französisch sein, das Land andalusisch, die Unternehmer Kalifornier, die Touristen urwüchsig. Alles ahmt ein langes vergessenes Urbild nach, nach diversen Bemühungen ist alles so authentisch geworden wie die Wasser des wütenden und durchscheinenden Tinguiririca auf seinem Weg zwischen Buschwerk und runden Steinen.

Völlige Zerstörung

Wenn die 200-Jahresfeier ein Symbol braucht, dann muss es dieses Dorf sein. Oder das, was davon übrig ist, denn wie die Hälfte Chiles, die am dichtesten bevölkerte, die älteste, die unvermeidlichste Hälfte Chiles, ging Chépica um drei Uhr Morgens des 27. Februar zu Boden. Der Glockenturm, einsam und orangefarben, das Rathaus voller Risse, ein Haus am Boden, das Nachbarhaus aufrecht, der Bewässerungsgraben, der das Unkraut durchstreift, dort, wo die zerfallenen Mauern aus Lehmziegel sich wieder in Erde zurückverwandeln. Statuen von nackten Nymphen, die ihre Köpfe verloren haben und Alte, die bewegungslos auf den Schwellen ihrer verschwundenen Häuser sitzen und warten.

Ich kann mich angesichts dieser nahezu völligen Zerstörung eines merkwürdigen Vergnügens nicht erwehren. Edward Bello sprach einmal von der sehr chilenischen Lust am Abriss. Eine Lust, die vielleicht universeller ist, als der große chilenische Chronist glaubte, aber es lässt sich kaum leugnen, dass sie eine nationale Prägung hat. Für einen Chilenen, aber vielleicht auch für die Opfer und uns Freiwillige, die wir auf den Ruinen Notunterkünfte errichten werden, ist das Erdbeben Katastrophe und Fest zugleich. Die Form, in der wir uns vereinen und wiedervereinen, in der wir uns erklären und verständigen. Beim Anblick der Zerstörung empfinden wir Entsetzen, aber auch ein merkwürdiges Gefühl von Kontinuität, von Tradition, von Zugehörigkeit.

Aufbau aus dem Nichts

Wir tun das, was unsere Eltern, unsere Großeltern gemacht haben. Aus dem Nichts das wieder aufbauen, was eigentlich für die Ewigkeit gedacht war. Als Chefs, Angestellte, Einheimische und Fremde tun wir uns zusammen, um gemeinsam Löcher in die Erde zu bohren. Stöcke und Schaufeln, die auf Steine und Gefäße stoßen, Mauerreste, Spuren all der Häuser die versucht hatten, sich zu erheben, Überreste einer Geschichte, die niemand erzählt, weil jetzt die Holzhütte gebaut werden muss. Die Löcher sind fertig, jetzt können die Pfeiler eingelassen werden, auf denen wir den Fußboden errichten, die Mauern, die vorgefertigten Dächer, ohne Gesicht, ohne Persönlichkeit, Notunterkünfte in einem Tal, das Liter und Liter Wein in die ganze Welt exportiert und zu dessen Bewohnern einige der reichsten Leute des Landes gehören, eines Landes, das nicht ganz arm ist, aber auch nicht reich.

Don Osvaldo, der Hausherr, ist ein leutseliger Mann, groß und dick, er trägt einen Pullover, auf dem Harvard steht, und bietet uns gegrilltes Lamm an. Er ist über 60 Jahre alt und lebt von Tomaten, die er an „Gringos“ verkauft, als seien sie Gold wert. Er hat zwei Töchter mit allen Spuren von Verwandtenheirat, füllig und scheu, mit winzigen Augen und unbestimmbarem Alter. Die Mutter ist weggegangen, die Mädchen haben niemanden, den sie heiraten können. Ein Hund räkelt sich auf dem Boden unter einem ausgedörrten Laubdach. Unter Gelächter werden die Wände der Notunterkunft aufgerichtet. Ich blicke auf den Rest des Anwesens, Hütten, Scheunen aus Zement, formlose Bauversuche, den Notwendigkeiten des Augenblicks gehorchend, ohne einen Gedanken an Farbe, Form, oder Harmonie des Ganzen.

Architektur ohne Form

Ein Haus wie ein Imbuche, diese Figur aus der Mapuche Mythologie, der man alle Körperöffnungen verschloss, um sie in ein Monster zu verwandeln. Diese Architektur ohne Form ist es, was ich an Chile am meisten liebe und am meisten hasse. Ein Hauch von Inzest, eine Welt, die schon alt ist und sich trotzdem noch als Kind fühlt. Das wahre Gesicht eines Landes, welches vorzieht, nie sein wahres Angesicht zu zeigen. Hinterhof und Rumpelkammer, ein Chaos von Kindern und Tieren, die in den Romanen von José Donoso, Carlos Droguett oder dem schon erwähnten Edward Beloa oder Diamela Eltit erscheinen.

Die Erde hat es wieder getan, denke ich, als wir die Notunterkunft fertig stellen. Der Graben, auf dem wir leben, hat wieder einmal all unsere Uhren gleichgestellt. Das pompöse Programm zu den Festivitäten der Unabhängigkeit, diese enorme patriotische Show, die uns für 2010 erwartete, verwandelte sich im Angesicht der Unausweichlichkeit des Desasters in eine unübersehbare Farce. Es bleiben diese Notunterkunft und dieser verborgene Patio, in dem die Töchter uns das Essen servieren. Chépica feiert nicht 200 Jahre Unabhängigkeit, es kehrt einmal mehr zum Jahr eins zurück, als ein paar Spanier auf die unberührte Erde eines indianischen Dorfes eine quadratische Plaza zeichneten und den Rest der Straßen auch quadratisch.
Rafael Gumucio
wurde 1970 in Santiago de Chile geboren. Spanischlehrer und Magister in Literaturwissenschaften, Universidad de Chile. Schriftsteller und Journalist bei Radio, Fernsehen und Presse wie zum Beispiel bei „The Clinic“ in Chile, „El País“ in Spanien und „The New York Times“ in den USA. Dozent an der Schule für kreatives Schreiben, Universidad Diego Portales (UDP). 2002 wurde er mit dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet. Momentan zählt er zu den wichtigsten Erzählerstimmen Lateinamerikas. Er hat unter anderem folgende Bücher veröffentlicht: „Vorzeitige Erinnerungen“, „Die kaputten Teller“, „Die Verschuldung“ und „Die kolonialen Seiten“.