Fotografie in Deutschland und Australien - ein Überblick

Donna West Brett von der Art Gallery of New South Wales in Sydney nimmt die Parallelen und Unterschiede in der deutschen und australischen Fotografie unter die Lupe.
Der Kurator und Fotografie-Theoretiker Klaus Honnef schlug im Jahr 1992 vor, dass die Fotographie „das Bewußtsein der Menschen tiefgreifender verändert hat als jedes andere Bildmittel in der Geschichte zuvor, weil es ihre Wahrnehmung und ihr Verhältnis zur sichtbaren Welt grundlegend verändert hat”.
Der zeitgenössischen Fotografie in Deutschland und Australien sind einige Themen gemein, die mit bestimmten theoretischen Entwicklungen zusammen gehen, die wiederum deshalb von besonderem Interesse sind, weil sie auf eine weit verbreitete künstlerische Auseinandersetzung mit solchen Theorien hinweisen. Dazu zählen Erinnerung, Geschichte, Identität, Raum und die selbstreferentielle Natur der Fotografie in ihrer Funktion als Spur der Welt.
Honnef hat die Frage aufgeworfen, ob es überhaupt so etwas wie eine „deutsche Fotografie“ gibt und nahegelegt, dass es eine enge Verbindung zwischen der Frage nach der „deutschen Fotografie“ und der Art und Weise, wie die Deutschen sich selbst sehen, gibt.
Eine ähnliche Beobachtung könnte man über „australische Fotografie“ anstellen, indem man sagt, dass die nationale Identität der Australier weder eindeutig noch konstant ist. Bei all den Nuancen und vielfältigen Aspekten wird die Frage, wer die Australier sind, durch die Umgebung und die Geschichte enthüllt und dadurch, wie Künstler und Fotografen den Menschen einen Spiegel ihrer tatsächlichen Existenz vorhalten.
Landschaftsfotografie
Ein wesentlicher Gegenstand in der deutschen und australischen Fotografie ist die Landschaft (sowohl die ländliche und als auch die städtische), die in einer modernen Welt erhebliche Konzepte der Dislokation – und damit ist eine Abkopplung von der Vergangenheit und eine Entfernung durch Umsiedlung und Migration gemeint – aufzeigt; all dies trägt zu einer wachsenden sozialen und ökologischen Entfremdung bei. Für deutsche Fotografen spiegelt dies oft die Vorstellung einer Heimat wieder, im Sinne einer historischen Verbindung zu einem Ort und dazu, was dies in einer sich wandelnden modernen Gesellschaft bedeutet. Australier verbinden mit der Vorstellung einer Heimat häufig ein Gefühl, "von woanders" zu sein.
Anne Zahalka hat sich mit der Identität Australiens in den Serien Bondi: Playground of the Pacific (1989) und Natural wonders (2004) bschäftigt, in denen ikonische Sehenswürdigkeiten wie Uluru mit Sea World an der Gold Coast gegenüber gestellt werden, während andere wie etwa Stefanie Valentin und Rosemary Laing sich auf die Weite des australischen Outbacks beziehen.
Laing beschäftigt sich mit dem Missverhältnis zwischen Menschen und der Wüste in der Serie to walk on a sea of salt (2004) und folgt dabei den Spuren der gemeinsamen Vergangenheit über prominente Persönlichkeiten in der Geschichte wie dem Maler Hans Heysen, einem deutschen Einwanderer aus Hamburg im 19. Jahrhundert oder dem Forscher Charles Sturt und zeigt Fotos von den südaustralischen Salzseen und dem ehemaligen Flüchtlingslager Woomera, in dem häufig illegale Einwanderer untergebracht wurden.
In Deutschland ist die Landschaft ein wesentlicher Gegenstand in den Werken von Andreas Gursky, Thomas Struth und Beate Gütschow, wobei letzere digitale Technologien einsetzt, um fiktive Bilder schaffen, die die Bildgeschichte aus einem arkadischen Blickwinkel untersuchen, um ein Utopie-Bild zu schaffen – ein idealer oder perfekter Zustand des Nirgendwo – weder gänzlich Stadt, noch gänzlich Wald.
Nach dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 führte die Welle von Werkschließungen und der Arbeitsplatzmangel zu einem massiven Zustrom von Bewohnern aus der ehemaligen DDR in den Westen Deutschlands oder aus Kleinstädten in die Städte. Fotografen wie Sarah Schönfeld, Ricarda Roggan oder Laurenz Berges dokumentierten die verlassenen Orte, die hinterlassen wurden. Berges Fotografien im Besonderen erkunden die Abwesenheit und die Spuren der menschlichen Existenz in verlassenen russischen Kasernen und in ganzen Städten mit leeren Häusern, die letztlich verschwinden werden.
Das Unheimliche
Es besteht ein Zusammenhang zwischen den Darstellungen der Stadtlandschaft in der deutschen und australischen Fotografie zu Sigmund Freuds Arbeit über das Unheimliche. Thomas Struth erforscht unheimliche anmutende, leere Straßen in seinen frühen Fotografien der ehemaligen DDR, indem er Orte aufnahm, an denen die Zeit bis zu einem Grad wahrnehmbar still gestanden hatte, und wo der Beobachter in die Rolle des Fremden, eine Landschaft durchquert, die vertraut und doch fremd ist.
Für das städtische Unheimliche interessiert sich auch Gregor Schneider in seiner Serie Totes Haus ur, Rheydt (1999). Das Haus ist zwar verlassen, doch Spuren von menschlicher Aktivität zeigen, dass wir die Bewohner nur um wenige Minuten verpasst haben und erinnern an den Tatort eines Verbrechens, der so herrlich von Walter Benjamin in seinen Gedanken über den französischen Fotografen Eugène Atget beschrieben werden. Thomas Weinbergers Fotografien von der urbanen Landschaft in Deutschland und Sydney synthetisieren Tag und Nacht und erschaffen einen unheimlichen Anblick, der unbequem ist und sich nicht einfach mit unserer Idee von einem Zuhause vereinbaren lässt.
Für Australier zeigt sich das Unheimliche in der Endlosigkeit der Vorstädte, wo die Unschuld von privaten Verbrechen angekratzt ist, und wo sich die Alltäglichkeit des Lebens in den expandierenden Vororten der am Rande des Landes platzierten Städte klaustrophobisch und niederschmetternd anfühlt.
Andrew Cowens Fotografien von Orten in Süd-Australien im Rahmen seines Serie Adelaide (1966-1999) beziehen sich auf Morde, Entführungen und andere Verbrechen, die kollektive Erinnerungen an solche Ereignisse hervorrufen, wie sie seinerzeit in den Medien wahrgenommen wurde. Dazu zählt unter anderem die Geschichte eines Mannes, der ermordet und in einem Gefrierschrank in einem Haus an der Greenhill Road aufbewahrt wurde. Glenn Sloggetts Fotografien von alltäglichen Orten in Vorstädten erkunden ebenfalls das düstere Wesen vernachlässigter Räume, vergessener Gegenstände und der Spuren von persönlichen und gleichzeitig anonymen Tragödien.
Identität
Ein weiterer gemeinsamer ästhetischer Ausdruck ist, eine Identität zu erkunden oder sie für sich durch fotografische Darstellung in Anspruch zu nehmen. Erinnerung, Geschichte und Identität sind klar verbunden, sowohl in den fotografischen Arbeiten von Tracey Moffatt, als auch in Sue Fords Zeit-Erkundungen im Porträt oder William Yangs dokumentarische Herangehensweise an unsere multikulturellen Wurzeln über das Essen oder den gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität.
Während Ricky Maynard die Gesichter der Wik Ältesten in Returning to places that name us (2000) erfasst, setzt Destiny Deacon Humor ein, um rassistische und soziale Stereotypen durch Fotografien der Schauspielerei von Schwarzen (Blak) Puppen darzustellen. Derartige fotografische Selbstdarstellungen führen Aborigines und Torres Strait Islanders zurück in die Geschichte und in die Zukunft eines Australiens, das ihnen einst verweigert wurde.
Deutsche Fotografen wie Albrecht Fuchs und Thomas Ruff haben Identität in ihrer Auseinandersetzung mit einer Porträtierung untersucht, die die Wahrnehmung von sozialer Interaktion in Frage stellt, ohne dabei eine bestimmte Art der Betrachtung vorzuschreiben.
Erinnerung und Geschichte
Erinnerung und Geschichte sind in Bildern verwoben, die unseren Platz in der Welt in Bezug auf was zuerst war und welche Spuren bleiben erkunden; eine fotografische Praxis, der sich das Projekt "Archiv der Wirklichkeit" in Leipzig annimmt.
Orte der Erinnerung und der Geschichte sind zudem Gegenstand von Sybille Bergmans melancholischer Serie verblassende Erinnerungen und von Matthias Kochs Fotografien von Orten mit historischer Bedeutung, wie etwa der Glienicker Brücke in Berlin, wo Spione im Kalten Krieg ausgetauscht wurden, oder dem ehemaligen Reichsluftfahrtministerium – dem jetzigen Finanzministerium – dessen frühere Nazi-Insignien entfernt wurden.
Thomas Demands jüngste Ausstellung Nationalgalerie (2009) erforscht die jüngere deutsche Geschichte und Ereignisse durch das kollektive Gedächtnis, das von Bildern in den Medien geschaffen wurde. Im Gegensatz dazu ist die Serie Lost to worlds (2008) von Anne Ferran die Zusammenführung einer großen Arbeit, die das Gelände einer Frauen-Strafanstalt in Tasmanien untersucht, von der heute nur noch Erdhügel und verstreute Steine übrig sind.
Obwohl es Parallelen zwischen der deutschen und australischen Fotografie gibt, divergieren diese nicht so sehr in den Themen oder den Genres, sondern vielmehr in den Blickwinkeln der einzelnen Fotografenauf die Welt. Man könnte argumentieren, dass es eine ausgeprägte Ästhetik der Objektivität, Subjektivität oder von gar bestimmten Spleens gibt, aber letztlich fußen diese Tendenzen darauf, wer wir sind und wo wir uns befinden.
Donna West Brett, Art Gallery of New South Wales, Doktorandin Art History and Film Studies, University of Sydney, Australien. Übersetzt von Jochen Gutsch.





