Die Situation der Literaturkritik in Australien

Dies hat zur Folge, dass es nur sehr wenige Zeitschriften oder Zeitungen gibt, die sich vornehmlich auf Literaturkritik konzentrieren, wie beispielsweise die New York Review of Books oder London Review of Books. Stattdessen erscheinen die meisten Beiträge in Teilen der bekannten Großstadt-Zeitungen, und zwar in der Regel in den Wochenendausgaben. Die Konditionen in der Welt der Zeitungen liegen auf der Hand: Sie sind zunächst einmal kommerzielle Unternehmen und somit herrschen Einschränkungen, was die Art und Anzahl der Buchkritiken angeht. Literarisch hochwertige Bücher, für die sich vergleichsweise wenige Menschen interessieren, heben nicht eben die Verkaufszahlen der Zeitung.
Literaturkritik in Zeitungen
Zeitungen verfügen nicht über uneingeschränkten Platz, sodass die meisten Kritiken im Bereich zwischen 300 bis 800 Wörtern liegen müssen, was wiederum die Tiefe und den Umfang der Buchkritiken eingrenzt. Außerdem sind die Abgabefristen starr und weit im Voraus festgelegt, was für größere Verlage machbar ist, für kleinere Verlage aber ein Problem darstellen kann. Somit leidet neben der Tiefe der Kritiken auch die Vielfalt der vorgestellten Bücher.Dennoch gibt es eine lebendige Szene von Literaturzeitschriften in Australien, was für die Literaturkritik unerlässlich ist. Die meisten werden viertel- oder halbjährlich veröffentlicht, und auf ihren Seiten finden sich auch Belletristik, literarische Essays und Lyrik. Meanjin, Overland, und HEAT, wobei letzteres Magazin aktuell eine Veröffentlichungspause macht, drucken ausführliche und sehr durchdachte Literaturkritiken. Doch auch sie können nicht alles besprechen und müssen sich in der Anzahl der Kritiken einschränken.
Dies alles führt letztlich dazu, dass die meisten der wirklich spannenden Kritiken in Australien – und sicherlich die forschesten – in Blogs zu lesen sind, die entweder von Einzelpersonen oder als Teil bestimmter Projekte betrieben werden. Blogger haben natürlich ihre eigene, engagierte und ähnlich gesinnte Leserschaft und diese Leserschaft ist eine weitaus vielfältigere Gruppe von Menschen als die von den Mainstream-Medien beauftragten Kritiker. Dort gibt es wenig Zeit und Interesse daran, neue Kritiker und Schriftsteller aufzubauen.
In der Tat tauchen selten neue Literaturkritiker in den Massenmedien auf, was einerseits daran liegt, dass es so wenige Publikationen gibt, in denen sie veröffentlichen können, und andererseits daran, dass sich die Literaturzeitschriften aufgrund ihrer Fristen und hohen Standards schwer tun, Zeit und Mittel für die Ausbildung neuer Kritiker bereit zu stellen. Aber noch wichtiger ist, dass die geringe Anzahl von Kritikern und Veröffentlichungsmöglichkeiten die Bandbreite der vorgestellten Bücher stark eingrenzt.
Frauenanteil in der Literaturkritik
Vor Kurzem ist eine komplexe und hitzige Debatte über die Rolle von Frauen in der australischen Literaturkritik entfacht, die von einer Gruppe von weiblichen Autoren, Redakteuren und Kritikern initiiert wurde. Dies kam zustande, als klar wurde, dass die Shortlist für den Miles Franklin Literary Award – einen den am höchsten dotierten und renommiertesten Literaturpreise Australiens – ausschließlich aus männlichen Autoren bestehen sollte. Die Gruppe fordert nun die Schaffung eines angemessenen Preises für Schriftstellerinnen.Dabei geht es nicht nur darum, Schriftstellerinnen die gleiche Anerkennung wie ihren männlichen Kollegen zukommen zu lassen, sondern auch darum, dass bei Buchvorstellungen in den Mainstream-Zeitschriften Werke von weiblichen Autorinnen stärker berücksichtigt werden, und dass Redakteure dazu ermutigt werden, mehr Kritiken von weiblichen Kritikerinnen zu veröffentlichen. Man stellte fest, dass die Geschlechterverteilung in der Literaturkritik wenig ausgewogen ist, was allerdings vermutlich nicht bewusst herbeigeführt wurde.
Der seltsamste Effekt ist in Australien aber genau auf diese kleine, eingeschworene literarische Gemeinschaft zurückzuführen. Es ist unvermeidbar, dass Schriftsteller andere Schriftsteller kennen und Rezensenten mit Schriftstellern befreundet sind, da sie nicht selten gemeinsam an Projekten und Publikationen arbeiten. Dies ist vor allem in der Lyrik zu beobachten – fast alle Poesie-Rezensenten sind auch selbst Dichter und damit tief in die Szene involviert, die sie kritisch betrachten sollen. Selbst wenn keine direkten Freundschaften bestehen, ist es unvermeidlich, dass Rezensenten und -innen mit dem Gegenstand ihrer Arbeit bei Veranstaltungen zusammentreffen werden.
Dies erklärt eine gewisse Zurückhaltung oder Scheu in vielen australischen Literaturkritiken: Eine offene und objektive Kritik ist in vielen Fällen schwer möglich, da sie als persönlicher Angriff wahrgenommen werden könnte. Viele Rezensenten sind sich darüber im Klaren, dass sie möglicherweise die einzige Buchkritik in Australien zu einem bestimmten Titel schreiben und wollen daher nicht zu kritisch sein. Diese Fairness in der Szene kann allerdings den Sinn und Zweck von Kritiken untergraben.
Bei alledem ist die Literaturkritik für Buchveröffentlichungen in Australien ausgesprochen wichtig. Dies liegt vor allem daran, dass es wenig andere Möglichkeiten gibt, für ein Buch zu werben. Zudem ist sonst schwer festzustellen, wie stark der Einfluss eines Titels auf die Leserschaft und die Literaturszene ist.
So hat die Überschaubarkeit der literarischen Gemeinschaft zwar einerseits Auswirkungen auf die Literaturkritik in diesem Land, doch sie macht es andererseits auch besonders reizvoll, in die australische Literaturszene in ihrer sympathischen, leidenschaftlichen und vernetzten Art involviert zu sein.
| Lyrik-Arbeiten von Fiona Wright sind in verschiedenen Organen wie The Age, Australian Literary Review, Black Inc’s Best Australian Poetry sowie in Journalen und Sammelbändern in Australien, Asien und den USA erschienen. Im Jahr 2007 nahm sie an einer Island of Residencies am Tasmania Writers’ Centre teil, und 2010 wurde ihr vom Literature Board of the Australia Council der Emerging Writers’ Grant verliehen. Ihre erste Gedichtsammlung Knuckled erschien 2011 bei Giramondo. |
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