Wibke Bruhns

Wibke Bruhns: Meines Vaters Land
Prolog: Ich habe ein Foto von meinem Vater gefunden.

Es gibt Hunderte – in Alben, in Umschlägen, verstreut zwischen Tagebüchern, Zeugnissen, Briefen. Hans Georg als Kind, als ernsthafter Halbwüchsiger, in Uniform im Ersten und im Zweiten Weltkrieg, als Ehemann, als Kaufmann, als Vater mit uns Kindern. Dies hier war weggesperrt in einer der Miniaturen, die auf dem Nachttisch meiner Mutter standen.

Nach ihrem Tod hatte ich die drei Bildchen mitgenommen: meine dänische Großmutter Dagmar mit dem unvermeidlichen Blumenhut, Hans Georg in Jagdmontur sitzend auf der Terrassentreppe in Halberstadt, vor sich den erlegten Bock, und meine Mutter Else als kleines Mädchen im weißen Spitzenkleidchen, mit Lackschuhen und schiefen Strümpfen. Alle drei – die zauberhafte alte Dame, der zufriedene Jäger, das skeptische Kind – lächeln mich an seit 15 Jahren auf meinem Schreibtisch, verhalten eher, distanziert aus den kostbaren kleinen Rahmen, derentwegen ich sie da hingestellt habe, und weil sie zu Elses Schlafzimmer gehörten.

Jetzt war sie verrutscht, die Kleinkind-Else, und als ich den Rahmen öffnete, um sie zurück an ihren Platz zu bringen, kam mir Hans Georg entgegen. Verborgen hinter ihrem Kinderportrait hatte Else ihn, einen todtraurigen Mann um die 30 – so verloren guckt er auf keinem Foto außer auf den letzten vor dem Volksgerichtshof. Ich habe das Else-Kind erst mal hinter ihm versteckt, aber lange halte ich das nicht aus, dieses hoffnungslose Gesicht. Vielleicht hatte auch Else ihn deshalb zugedeckt mit ihrer Erinnerung an die ganz frühe Kindheit. Ihr Foto muß um 1900 aufgenommen worden sein, da ist sie kaum zwei – behütet, umsorgt, geliebt. Alles schien möglich damals, nichts war vorhersehbar von dem, was dann wirklich kam.

Warum überhaupt hat sie dieses verlorene Gesicht ihres damals noch jungen Mannes zurechtgeschnitten für das Oval in dem kleinen, festlichen Rahmen? Die beiden haben viel gelacht zu der Zeit, als dieses Bild von Hans Georg entstand. Sie waren berühmt im Freundeskreis für Schlagfertigkeit und Witz. Und wann hat sie die Fotos gewechselt – nach seinem Tod in Plötzensee? Oder schon vorher, als die jahrelange Trennung im Krieg sie einander entfremdete, als jeder an seinem Platz funktionierte, aber die Gemeinsamkeit verschlissen war? Als Hans Georg Else betrog?

>

Ich lese seit Monaten in fremden Leben herum, in Briefen, Tagebüchern, in Schriftlichem aus mehr als 100 Jahren, das ich zusammengetragen habe aus den Katakomben der weitverzweigten Sippe. Es gibt sie schon so lange, die Klamroths, und immer haben sie sich als Klan verstanden, auch heute noch, obwohl das Zentrum ihres Bürgerstolzes – Halberstadt – im Krieg für sie verlorengegangen ist. Es ist nicht wirklich fremd, was ich da lese. Ich weiß, wer die Leute sind. Aber ich kenne sie nicht. Hans Georg hatte schon in den 30er Jahren eine 16mm-Kamera und nahm die Feste der Sippe auf: Reitjagden durch den Harz, Boccia im Garten und die großen, damals noch kleinen Kinder auf der Schaukel. Als ich neulich die digitalisierte Fassung der Filme bekam, habe ich jeden erkannt, der dort zu sehen ist, obwohl ich vielen nie oder höchstens als Kleinkind begegnet bin.

Ich weiß auch nicht, wie der Mann, der mein Vater war, geredet hat. Das wäre wichtig jetzt, wo ich versuche, ihn mir zurechtzulegen. Zappelt er mit den Händen, wie ich, ist er laut, impulsiv? Wenn er schreibt, und er schreibt viel, klingt er überlegt. Er verschreibt sich nie, auch mit der Maschine nicht. Er muß sich nicht korrigieren, weder im Satzbau, noch in der Orthographie, schon gar nicht in seinen Gedanken. Sehr aufgeräumt, das Ganze. Und die Schrift erst – klein gestochen leserlich sowohl in Sütterlin als auch in Latein. Er schreibt wie sein Vater – überhaupt mein Großvater, ob es sonst noch jemand gibt, vor dem er so viel Respekt hatte? Allein wie sie Fotoalben anlegen, alle beide – weiße Tinte, akkurate Randlinien um jedes Bild gezogen, minutiös beschriftet.

Und dann Else: Chaos im Kopf und in der Schrift, überbordend, ausladend, durcheinander. Riesige Buchstaben, aufund absteigende Zeilen, durchgestrichen, drübergeschrieben. Wenn sie Formulare mit der Hand ausfüllt, tobt ihre Schrift wie ein gefangener Hund im Käfig. Es gibt ein großes Haushaltsheft – Etatplanung und Kostenübersichten für die Jahre 1938 bis 1943. Da haben sie beide abwechselnd Buch geführt – Hans Georg in schnurgeraden Zahlenkolonnen, kein Rechenfehler, nie ein Zweifel. Else trabt durch die Spalten, setzt zügig Fragezeichen, Fußnoten – lange Jahre nach dem Krieg hat sie noch mit solchen Abrechnungen gekämpft. Sie haben nie gestimmt, Else war immer verzweifelt, sie wäre so gern ordentlich gewesen.

>

Sie haben gelacht über diese scheinbare Unvereinbarkeit, jeder über den anderen und beide miteinander. Dabei war Else später, als ich sie als Mensch wahrgenommen habe und nicht mehr als Mutter, eher pathetisch, hochgradig sentimental, vor allem traurig. Sie wäre gern viel eher gestorben, fast 90 war sie 1987 und hatte schon 25 Jahre vorher, nachdem die Sorge um ihre fünf Kinder sich überlebt hatte, keine Lust mehr. Früher, lange vor meiner Zeit oder vielleicht auch noch in meinen ersten Kindertagen, müssen beide – Else und Hans Georg – ein Genuß gewesen sein. Freunde von damals haben mir vorgeschwärmt von beider Witz, ihrer Zugewandtheit, ihrer Fähigkeit, Menschen um sich zu scharen und sie zu halten.

In meiner Psychoanalyse, Anfang der 90er Jahre, kam ich an die Eltern nicht wirklich heran. Ich war und bin auch heute nicht bereit, meiner Mutter kindliche oder auch spätere Probleme anzulasten – sie war nervig, natürlich, sie war überfordert und ich in Folge ziemlich allein. Hätte sie das ändern können? Für den Vater hatte ich mir eine unverfängliche Position gesucht: Ich habe ihn nicht gekannt, folglich ging er mich nichts an. Er hat mir nie gefehlt – Millionen Töchter meiner Generation sind aufgewachsen ohne Väter. Ich hielt ihn mir vom Hals. Ich wollte nichts über ihn wissen. Er war eine offene Wunde im Leben meiner Mutter, und ich habe ihn erfahren als ihren Verlust. Sie hat darüber geschwiegen. Heute weiß ich, daß viele der 20. Juli-Witwen gegenüber ihren Kindern geschwiegen haben. Es war ein Schweigen, wo Fragen sich verbot. Die Zumutung wurde von beiden Seiten vermieden.

>

Auf dem Fernseher lag eine Kassette. Ich schob sie in den Recorder, ahnungslos. Da stand mein Vater vor dem Volksgerichtshof. Kerzengerade, elend in einem zu großen Anzug, stumm steht er da in einer kurzen Sequenz, während die Stimme des Vorsitzenden Roland Freisler keift und tobt. Ich sehe mich sitzen, fassungslos. 35 Jahre war das her damals, ein Lidschlag in der Geschichte. Vor 35 Jahren – da war der Vater 45 Jahre alt, knapp fünf Jahre älter als ich auf diesem Sofa in Hamburg. Sein Leben, seine Hoffnungen, alles war vorbei. Große Teile Deutschlands lagen in Trümmern. Der Krieg war verloren, auch wenn er sich noch ein quälendes Jahr lang hinzog. Die Welt der Menschen dieser Zeit war zu Ende. Nie wieder würden die Deutschen, so schien es, den Fluch, die Scham ihrer Jahre überwinden können. Sie zahlten für ihre Hybris mit dem Verlust der Zukunft.

Auszug aus

Bruhns, Wibke: Meines Vaters Land - München: Econ, 2004 – 387 S.
ISBN 343011571X,
ISBN-13: 978-3430115711

mit freundlicher Genehmigung des Verlags
(c) 2004 Econ Verlag in der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

Goethe-Institut Australien Newsletter

Subscribe to our newsletter!

Eugen Ruge wins the German Book Prize 2011

His novel “In Zeiten des abnehmenden Lichts” is an autobiographical story of an East German family and his incredible literary debut.