Josef Haslinger: Vaterspiel
Ich war zu schnell unterwegs, das wusste ich. Die Dunkelheit ringsum. Der dichte Schneefall. Die Straße war nicht geräumt. Zu dieser frühen Stunde war noch kein Mensch außer Haus. Es gab keinen Unterschied zwischen Asphalt, Wiese und Acker. In der Windschutzscheibe lief ein Bildschirmschoner, Starfield Simulation, mit zweihundert Sternen, der Höchstanzahl, die man einstellen konnte. Sie rasten aus dem Dunkel des Alls auf mich zu. Ich musste genau schauen, um noch anderes wahrzunehmen, zum Beispiel die Stangen, die für den Schneepflug aufgestellt worden waren. Sie trugen Rückstrahler, rote auf der rechten, weiße auf der linken Straßenseite. Das sind keine Flugobjekte, sagte ich mir. Ich brauchte etwas Bodennahes. Und so stellte ich mir vor, die weißen Lichter wären entgegenkommende Panzer mit kampfbereiten Geschützen, die, einer nach dem anderen, plötzlich aus der Dunkelheit auftauchten, um alles zu durchsieben, was ihnen in die Quere kam. Manchmal blitzte im Scheinwerferlicht etwas auf, die Ecke eines Gefahrenzeichens, der noch nicht vom Schnee verklebte Rest eines Wegweisers, die windpolierte Wölbung einer Leitplanke. Die vielen Kurven machten es schwer, das Auto in der Straßenmitte zu halten. Die Panzer hatten gute Chancen, mich zu kriegen. Ich hätte langsamer fahren sollen, aber ich tat es nicht. Ich hatte einen Auftrag, und ich wollte ihm gewachsen sein.
Über Jahre war meine Haupttätigkeit für die anderen nicht sichtbar gewesen. Ich will mich ja nicht in dein Leben einmischen, hatte mein Vater ein ums andere Mal gesagt und sich dabei in mein Leben eingemischt. Er warf mir vor, ich würde den ganzen Tag nur mit dem Computer spielen. Er hatte nicht ganz Unrecht. Es gab tatsächlich kaum ein Computerspiel, das ich nicht kannte. Ich beobachtete die grafischen Effekte. Wenn sie mir gefielen, versuchte ich die Files zu knacken und ihr digitales Innenleben bloßzulegen. Das war nicht leicht, denn sie suchten ihre Eingeweide genauso zu schützen, wie Lebewesen es tun. Zur Entspannung schlachtete ich meinen Vater.
Drei Millionen, oder ich bring dich um, sagte ich.
Schau, sagte mein Vater. Wenn er unangenehm wurde, sagte er immer: Schau. Er hatte auch zu meiner Mutter dauernd Schau gesagt in der Zeit, als er nur noch unangenehm war. Schau, sagte er, ich habe dir das schon oft erklärt. Ich würde dir nichts Gutes tun damit.
Schade, antwortete ich, kann man nichts machen. Und dann rammte ich ihm das Messer in den Bauch. Er bekam große Augen.
Weißt du, sagte ich, ich würde dir nichts Gutes tun, wenn ich dich länger am Leben ließe. Korrupte Schweine wie du müssen früher oder später geschlachtet werden.
Für meinen Vater hatte ich mir schon Hunderte Todesarten ausgedacht. Die mit dem Messer war eine vergleichsweise harmlose, ein beruhigender Gedanke zwischendurch.
Ein schnelles Gegenübertreten von Mann zu Mann. In zwanzig Minuten wäre das Blut auf dem Boden geronnen. Natürlich würde ich Handschuhe tragen. Aber ich würde sie nicht im Garten wegwerfen, sondern in meinem eisernen Öfchen verbrennen. Mit der zufriedenen Miene eines Mannes, der getan hat, was getan werden musste.
So waren die Jahre dahingegangen. Aber dann hatte Mimi angerufen und ich war losgefahren. Zwar hatte ich um ein paar Stunden Bedenkzeit gebeten. Aber es gab nichts zu bedenken. Es sollte nur nicht so aussehen, als hätte ich sonst nichts zu tun. Ich ging ein paar Mal im Kreis, dann rief ich zurück. Viel zu schnell. Mir fehlte jede Reserve.
Zum Glück bin ich jetzt selbstständig, sagte ich. Da kann ich es mir einteilen. Bloß die Katze. Irgendwo muss ich die Katze unterbringen.
Lenin lebt noch?
Nein, Lenin ist tot. Sein Nachfolger heißt Alexandr, benannt nach dem Bruder von Lenin.
Lenin hatte einen Bruder?
Alexandr wurde hingerichtet, als Lenin siebzehn war.
Wusste ich gar nicht.
Dieser knappe Satz, dann schwieg sie. Vielleicht dachte sie über Lenin und seinen Bruder nach. Vielleicht versuchte sie sich vorzustellen, was man als Siebzehnjähriger empfinden muss, wenn die Machthaber deinen Bruder hinrichten. Das teure Fern-gespräch war plötzlich zu einem Fernschweigen geworden.
Meine Mutter könnte ich fragen, sagte ich, damit etwas weiterging.
Das ist gut. Frag deine Mutter.
Dann schwieg sie wieder. War sie unsicher geworden, ob sie sich an den Richtigen wandte? Wir hatten einander eine Ewigkeit nicht gesehen.
Wie viel Geld werde ich brauchen?
Gar keines.
Ich frage nur, weil bei uns gleich die Banken zusperren. Du weißt ja, wie das hier ist. In der Früh, wenn die Leute zur Arbeit fahren, sind die Banken geschlossen. Wenn sie von der Arbeit heimkommen, sind sie auch geschlossen. Ernsthaft arbeitende Menschen stellen sich unter einem Bankangestellten einen Automaten vor, weil sie einem menschlichen Exemplar noch nie begegnet sind.
Das ist hier nicht viel anders, antwortete sie. Nach einer kurzen Pause sagte sie: Das Geld lass meine Sorge sein. Du brauchst nichts mitzubringen. Ein paar Klamotten, sonst nichts.
Das war gut. Denn ich hätte meinen Vater sicher nicht noch einmal um Geld gebeten. Weg von hier. Das traf sich gut. Nichts wie weg von hier.
In die Einreiseformulare, sagte Mimi, musst du eintragen, wo du wohnen wirst. Lass mich aus dem Spiel. Gib irgendein Hotel an.
Welches?
Nicht das Chelsea-Hotel. Alle, die kein Hotel wissen, geben das Chelsea-Hotel an, das erregt Verdacht.
Genau so war es mir fünf Jahre zuvor ergangen. Ich hatte nicht einmal die Adresse des Chelsea-Hotels gewusst und war dann vier Stunden am Flughafen festgehalten worden. Davon sagte ich nichts. Ich wollte Mimi nicht als erstes Lebenszeichen nach langen Jahren meine Niederlagen auf die Nase binden.
Kannst du mir ein Hotel sagen, das geeignet ist?
Hast du eine E-Mail-Adresse?
R wie Rupert, dann Kramer, aber ohne Punkt dazwischen, dann der Klammeraffe, dann Vienna, Punkt, at.
Moment. Wieso Rupert, du heißt doch Helmut.
Schreib ja nicht Helmut. Das kriegt sonst mein Vater.
Ich verstehe, sagte sie. Dann schwieg sie wieder. Hatte sie doch Zweifel?
Wie geht es dir?, fragte ich. Aber anstatt darauf zu antworten, sagte sie: Ich kann dir doch vertrauen?
Du kannst mir vertrauen.
Ich hatte die Frau seit vierzehn Jahren nicht gesehen, nur hin und wieder ihre Stimme im Radio gehört. Und dann sagte ich einfach zu ihr: Du kannst mir vertrauen. Immerhin brachte mich das auf den Gedanken, endlich nachzufragen, worum es eigentlich geht.
Du hast doch damals bei uns ausgemalt, sagte sie.
In der Wohnung von Brigitte? Das ist lange her.
Ja, das ist lange her. Kannst du auch Mauern aufstellen?
Mauern aufstellen?
Ich meine, Räume unterteilen, eine Wärmedämmung anbringen, gegen Schall isolieren und solche Sachen.
Ich stellte mir eine Wohnung in einem roten Backsteinhaus vor, mit Feuerleitern vor den Fenstern.
Bei euch in New York?
In einem Haus auf Long Island.
Ah. Ist das ein Holzhaus?
Ja.
Dann kann ich es. Ich habe es nie gemacht, aber ich denke, dass ich es kann.
Gut. Dann komm so schnell wie möglich hierher.
Was heißt so schnell wie möglich?
Morgen.
Morgen?
Ja, geht es morgen schon?
Sie war im Internet die Flüge durchgegangen. Sie wusste, dass die Direktflüge von Wien nach New York für die nächsten elf Tage ausgebucht waren. Sie wusste, dass innerhalb der nächsten Woche auch von München kein New York-Flug zu bekommen war. Und sie wusste ebenso, dass es am nächsten Tag noch Plätze von Frankfurt aus gab, in einer Maschine der Pakistan Airlines. Für diesen Flug hatte sie sogar schon einen Platz reserviert. Sie nannte die Buchungsnummer. Das Ticket liege in Frankfurt am Schalter der Pakistan Airlines bereit. Es gebe nur ein Problem. Die Flüge von Wien nach Frankfurt seien leider auch alle ausgebucht. Ich müsse mit dem Zug nach Frankfurt fahren.
Zehn Minuten später blinkte das Briefsymbol am unteren Rand meines Bildschirms. Das kurze Schreiben enthielt die Adresse des Paramount-Hotels in der 46. Straße. Ein kleiner Absatz war noch angehängt:
Mein Verhalten muss dir merkwürdig vorkommen. Aber ich kann dir das nicht in Kürze erklären. Du wirst nichts tun müssen, was du nicht tun willst. Herzlichst Mimi. Und lösch das File bitte.
Dann ging ich wieder im Kreis. Gerade hatte ich noch gedacht, ich sollte Mimi behilflich sein beim Aufstellen einer Mauer, beim Abteilen eines Zimmers, beim Isolieren gegen Schall und ähnlichen Dingen. Und nun der Satz wirst nichts tun müssen, was du nicht tun willst. Was erwartete sie von mir, von dem sie annahm, dass ich es möglicherweise nicht tun wollte? Wozu die Heimlichkeiten? Wer darf nicht wissen, dass sie ein Zimmer abteilt?
Vielleicht, so überlegte ich, hat Mimi mit dem Hausbesitzer schon derart viele unangenehme Gerichtstermine hinter sich gebracht, dass sie ihm nun sogar zutraute, er würde Computer im anderen Kontinent beschlagnahmen lassen, nur um beweisen zu können, dass der Maurer der Geheimhaltung halber aus Europa bestellt worden war.
Vertrauen in mich bedeutete auch, die Gründe für meine Reise vor meiner Mutter geheim zu halten. Ich wollte meine Mutter nicht belügen. Sie war in ihrem Leben genug belogen worden. Meine Mutter zu belügen hätte bedeutet, mich mit meinem Vater, diesem unnötigen Restexemplar von einem Menschen, auf eine Stufe zu stellen. Ich musste meine Mutter über den Zweck der Reise im Unklaren lassen. Was nicht so schwer sein konnte, da mir dieser Zweck selbst nicht ganz klar war.
Im Kreis zu gehen war sinnlos. Ich setzte mich an den Computer und schlachtete zur Beruhigung meinen Vater. Ich zog ihm den Hals in die Länge, schnürte ihm die Taille ab, kickte ihm den Schädel vom Rumpf. Das ging alles viel zu schnell. Ich brauchte etwas Ausführlicheres. Im Wohnzimmer hatte mein Vater eine gut zwei Meter hohe Skulptur stehen. Es war eine überdimensionale Ausführung der Zitruspresse von Philippe Starck. Ich setzte meinen Vater darauf und presste ihn genüsslich aus. Das Gemisch seiner Säfte fing ich auf und verteilte es in die verschiedenen Einweck- und Gewürzgläser im Küchenregal, die ich sorgsam mit Hausherrentrunk beschriftete. Den übrig gebliebene Hautlappen meines Vaters putzte ich mit einem Scheuermittel. Dann fettete ich ihn mit seiner teuren Hautcreme, die ihm den Verfall verschleiern sollte, von oben bis unten ein und besprühte ihn mit Herrenparfum. Ich frisierte ihm die Haare und legte ihn vor das widerliche französische Bett mit integrierter Hi-Fi-Anlage, das er seit kurzem mit seiner Schnepfe teilte. Da lag er nun als Bettvorleger mit hochstehendem Kopf, wie die Trophäe einer Großwildjagd. Ich schrieb Freundschaft Genosse unter das Bild und betrachtete in Ruhe mein Werk. Dann klickte ich zurück zum Mail-Programm.
Ich markierte die Adresse und druckte sie aus. Ich löschte das File und löschte es dann noch einmal im Ordner der gelöschten Files. Alexandr streifte zwischen meinen Beinen herum und schmiegte sein grau-weiß gesprenkeltes Fell an meine Füße. Er wollte Abschied nehmen. Vielleicht wollte er auch nur darum bitten, ihm den Transportkorb zu ersparen. Er wusste immer im Voraus, wann ich verreiste. Vielleicht verstand er meine Telefongespräche. Oder ich ging jedes Mal, bevor ich ihn abschob, im Kreis. So genau wollte ich es gar nicht wissen.
Als ich am nächsten Morgen das Haus meiner Mutter verließ, war alles verschneit. Irgendwo unten im Dorf fuhr eine Schneeschaufel über den Asphalt. Ihr blechernes Kratzen war der einzige Laut, der zu hören war. Der Schneefall war so dicht, dass ich nicht einmal den angrenzenden Friedhof sehen konnte. Um diese Jahreszeit, es war der Tag nach Allerseelen, brannten gewöhnlich alle Grablichter. Sie waren in schmiedeeiserne Laternen eingeschlossen, der Schnee konnte sie nicht ausgedrückt haben. Am Abend war da noch ein Lichtermeer gewesen. Aber jetzt war nicht ein einziges Kerzlein zu sehen. Es war nicht kalt, knapp unter null. An den Tagen davor war es kälter gewesen. Mein Auto war eine abgeflachte weiße Halbkugel. Hätte ich mich nicht erinnert, aus welcher Richtung kommend ich es abgestellt hatte, ich hätte nicht gewusst, wo vorne und hinten ist. Mit einem Handbesen machte ich mich an die Arbeit. Um mir nicht selbst die Ausfahrt zu blockieren, versuchte ich, den Schnee in weitem Bogen vom Dach zu schleudern. Aber ich musste meinen Eifer zügeln, der Kopf schmerzte. Windböen drückten mir die Augen zu. Die Flocken blieben an den Wimpern hängen und ließen mich blinzeln. Als ich schließlich auch die Heckscheibe gereinigt hatte, war die Windschutzscheibe schon wieder undurchsichtig geworden.
In der Nacht hatte ich zu viel Wein getrunken. Das war nicht schlimm. Aber ich hatte den Fehler begangen, den ich in letzter Zeit häufig beging, wenn ich zu viel Wein trank. Ich hatte zum Abschluss noch ein paar Schnäpse nachgespült. Wenn ich am nächsten Tag ausschlafen konnte, spielte das keine Rolle. Diesmal musste ich dafür büßen. Ich warf den Besen vor die Haustür. Er blieb mit den Borsten nach oben liegen. In ein paar Minuten würde er unsichtbar sein. Der dichte Schneefall gefiel mir. Ich startete den Wagen und stellte den Drehknopf des Heizungsgebläses auf das Symbol für die Windschutzscheibe. Dann ging ich noch einmal ins Haus zurück und nahm zwei Aspirin. Bevor ich losfuhr, warf ich einen Blick auf das Schlafzimmerfenster meiner Mutter. Die Vorhänge waren nicht zugezogen, Licht brannte, aber von meiner Mutter war nichts zu sehen. Wahrscheinlich schlief sie noch. Ich überlegte, ob ich zurückgehen und das Licht ausknipsen sollte. Aber da hatte ich schon den zweiten Gang eingelegt und bewegte den Wagen mit schleifender Kupplung durch den tiefen Schnee, hinüber zum Weg, der am Friedhof vorbei zur Straße hinunterführt. Anfangs fuhr ich vorsichtig. Dann wurde mir bewusst, wie spät ich dran war, und ich drückte aufs Gas.
Ich hatte keine Scheu vor der unberührten Landschaft, ich kannte mich aus. Mir war klar, jetzt kommt eine Rechtskurve, jetzt ein Ort, gleich wird es bergauf gehen, dann ein Wald. Doch mit einem Mal verlor ich den Überblick. Ich konnte das wenige, das ich sah, keinem Bild mehr zuordnen. Ob ich bergauf oder bergab fuhr, merkte ich nur noch am Geräusch des Motors. Ein Baum, ein Wald, eine scharfe Linkskurve. Dann Straßenlichter und Hausmauern, ein Ort. Aber welcher? Mir war kein Ortsschild aufgefallen und ich sah auch keines, als die Lampen wieder verschwunden waren. Als wäre ich in eine unbekannte Gegend geraten. Finnland, dachte ich. Ich bin durch ein Loch gerutscht und im finnischen Winter angekommen. Ich wartete auf finnisch beschriebene Straßenschilder. Huoltoasema. Ich hatte einmal im Fernsehen gesehen, wie ein verdutzter Literaturkritiker in ein finnisches Kulissendorf entführt wurde. Er starrte auf ein Schild mit der Aufschrift Huoltoasema. Der Tankwart konnte keine Auskunft geben, er sprach nur finnisch.
Okay, sagte ich, ihr könnt das Licht wieder andrehen, die Schneekanonen abschalten und die Kulissen wegräumen. Ihr habt es geschafft.
Es hörte mir offensichtlich niemand zu.
Abräumen, schrie ich. Eins zu null für euch. Ihr habt es geschafft.
Es nützte nichts. Der Schneefall war nun so dicht, dass die Straßenränder nicht mehr als Lichterfolge von Rückstrahlern erkennbar waren. Ich hatte Mühe, von einer Begrenzungsstange zur nächsten zu sehen. Und da verlor ich plötzlich das Bild der Straße. Sie war kein Band mehr, das sich irgendwohin schlängelte. Ich sah eine weiße Fläche, von den Autoscheinwerfern aus tiefer Dunkelheit herausgeschnitten, und ich sah ein paar Lichtpunkte inmitten von dichtem Flockengesirr. Diese weißen Lichter, sagte ich mir, müssen links von mir sein, es sind die kleinen Kampfpanzer, die mir entgegen-kommen, und diese roten Lichter müssen immer rechts sein, es sind Rücklichter einer freundlichen Panzerkolonne, die ich überhole. Da ist der nächste weiße und da der nächste rote Strahl. So tastete ich mich voran. Als ich das Fernlicht einschaltete, war es, als wäre ich in die Bildstörung eines Fernsehapparats geraten, in einen gegenstandslosen, flirrenden Raum. Ich schaltete wieder auf das Abblendlicht zurück und suchte meine Orientierungspunkte. Hier ein rotes Licht, dort ein weißes. Ein freundlicher Panzer und ein feindlicher.
Karlstift stand auf einem Wegweiser. Fast wäre ich daran vorbeigefahren. Ich riss den Wagen im letzten Augenblick nach links hinüber. Für eine Weile war ich hellwach. Der unbekannte finnische Ort, so überlegte ich, muss Langschlag gewesen sein. Da erst merkte ich, dass sich das Geräusch geändert hatte. Auch die Fahrbahn war nun wieder deutlich zu erkennen. Sie wurde auf der rechten Seite von einer Schneewechte begrenzt und auf der linken von einer gut zehn Zentimeter hohen Stufe. Je schneller ich fahre, dachte ich, desto mehr bin ich gezwungen, mich zu konzentrieren. Ich hörte das Klicken von Rollsplitt auf dem Boden der Karosserie. Die Panzerkolonne war abgerissen. Aber es ging wieder voran.
Das Prasseln der Steinchen gegen den Autoboden, die alte, vertraute Winter-musik von den Fahrten mit meinen Eltern nach Scheibbs. Dort gab es Glühwein und Weihnachtsgebäck. Lilienporzellan.
Deck doch heute das Lilienporzellan, sagte meine Großmutter, als meine Mutter ins Speisezimmer ging. Das waren abgeschnittene Kegel mit Dreieckshenkeln. Es gab sie in verschiedenen Pastellfarben. Ich bekam immer die hellblaue Tasse, die meiner Schwester war rosa. Aber sie enthielt keinen Glühwein, nur Kindertee. Innen waren die Tassen weiß. Vergeblich suchte ich die Lilien.
Du musst sie umdrehen.
Ich drehte sie um.
Nein, schau dir an, was du angerichtet hast.
Mein Vater war längst nach Wien zurückgefahren, meine Mutter erzählte von der Schule, und der Großvater sagte Erziehung. Lilienporzellan und Erziehung, das waren zwei Scheibbser Weihnachtswörter.
Du musst durchgreifen, die tanzen dir sonst auf dem Kopf herum.
Ich saß daneben und stellte mir die Schüler meiner Mutter vor, kleine, freche Läuse, die ihr auf dem Kopf herumtanzen.
Wie Meteoriten rasten die Schneeflocken auf das Auto zu, oder wie kleine Zerstörer. Die Panzer hatten fliegen gelernt. Das All hatte es darauf angelegt, ein einsam durch die Nacht schwebendes Raumschiff zu durchsieben, es mit Abertausenden von Flugobjekten zu bombardieren. Die fetten, weißen Geschosse stießen in dichten Formationen herab und nahmen Kurs auf mein Cockpit. Im letzten Moment, knapp vor dem Aufschlag, drehten sie ab. Einige reagierten zu langsam. Sie zerplatzten auf dem Glasschild. Der Aufräumdienst drückte den wässerigen Überrest an den unteren Scheibenrand.
Plötzlich gab es Licht im Weltall. Zuerst war es nur ein leichter gelblicher Schein, wie das Flackern eines entfernten Sterns. Doch dieser Funke wurde schnell größer. Was gerade noch ein kleiner Punkt war, wuchs im nächsten Augenblick zur Ausleuchtung des gesamten Horizonts. So als hätte jemand in der kosmischen Tiefe einen Dimmer auf Hell gestellt. Hinter dem Geflirr der hereinstürzenden Flugobjekte begann der Himmel zu blinken. War es das Mutterschiff der kleinen Zerstörer? Es war groß, sehr groß. Und es kam in Windeseile näher. Es strahlte ein flackerndes, orangefarbenes Licht aus. Als Erstes war ein umgedrehter Kegel zu sehen, wie eine große Tasse Lilienporzellan oder eine Raketendüse. Aus der nach unten ragenden Spitze sprühten Funken heraus.
Auszug aus
Haslinger, Josef: Das Vaterspiel. - Frankfurt : Fischer, 2002. - 573 S. ISBN 3-596-15257-7
mit freundlicher Genehmigung des Verlags








