Europa

Moscheeneubauten in Deutschland - Zeichen fortschreitender Integration

Entwurf zum geplanten Neubau einer Moschee in Köln; Copyright: picture-alliance/ dpaEntwurf zum geplanten Neubau einer Moschee in Köln; Copyright: picture-alliance/ dpa„Der Moscheebau ist ein wichtiger Schritt zur Integration des Islam in Deutschland“, heißt es in einem im März 2008 veröffentlichten „Zwischen-Resümee der Arbeitsgruppen und des Gesprächskreises“ der Deutschen Islam-Konferenz.

Dokumentierten die Neubauten doch den Willen der muslimischen Gemeinden, „dauerhaft ein Teil der deutschen Gesellschaft zu sein.“ Zugleich verschweigt das Papier aber auch nicht, dass der erwünschte Neubau von Moscheen in den Städten und Gemeinden „nicht selten Gegenstand von Konflikten“ sei.

Auseinandersetzung um den Bau der Kölner Zentralmoschee

Copyright: ColourboxVerlauf und Linien solcher Konflikte zeigen sich geradezu mustergültig in der Auseinandersetzung um den Bau der Kölner Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld. Bauherr ist die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ (DITIB), ein der Aufsicht des staatlichen Präsidiums für religiöse Angelegenheiten der Türkei unterstehender Verein. Ein Preisgericht von muslimischen und nicht-muslimischen Vertretern hatte im März 2006 den Entwurf des Kölner Architekten Paul Böhm ausgewählt. Dieser sieht an Stelle der bislang als Gebetsraum genutzten Fabrikhalle eine repräsentative Moschee mit zwei 55 Metern hohen Minaretten, einer 34,5 Meter hohen Kuppel und einen Gebetsraum mit einem maximalen Fassungsvermögen von bis zu 2.000 Menschen vor. Im Verlaufe der bisweilen äußerst scharfen, sich nicht zuletzt an der Größe des Projektes entzündenden Auseinandersetzung um die Realisierung der dann größten Moschee Deutschlands überarbeitete das Büro Böhm den Entwurf. Der Gebetsraum wurde um ein Viertel verkleinert und die vorgesehenen Büro- und Gewerbeflächen um die Hälfte verringert. Die Höhe der Minarette jedoch reduzierten die Architekten nicht und begründeten diese Entscheidung mit dem Verweis auf die Proportionen des Baus. Am 28. August 2008 hat der Rat der Stadt mit den Stimmen von SPD, Grünen, FDP, Linkspartei und der des CDU-Oberbürgermeisters Fritz Schramma die notwendige Änderung des Bebauungsplans beschlossen und damit den Weg für den Neubau freigemacht.

Moscheen ohne Minarette?

Europas größte Moschee in Rom, Architekt Paolo Portoghesi; Copyright: picture-alliance/ dpaKritiker des Moscheebaus wie die türkischstämmige Publizistin Necla Kelek sehen in dem Entwurf ein „politisches Statement des Islam in Beton“, verweisen auf die mangelnde Gleichberechtigung von Mann und Frau in der islamischen Welt und erkennen insbesondere in den weithin sichtbaren Minaretten den Ausdruck eines religiösen wie politischen „Hegemonieanspruchs“. Sie befürchten, dass hinter dem architektonischen Traditionalismus – der von der DITIB beförderten Orientierung am Typus der klassischen osmanischen Moschee mit Kuppel und Minaretten – auch eine ideologische Rückwärtsgewandtheit stehen könnte; zumal der internationale Vergleich zeigt, dass prominente Moscheen ohne oder mit stark stilisierten Minaretten nicht nur denkbar, sondern bereits realisiert worden sind. So soll beispielsweise die noch in der Planung befindliche, von Mangera Yvars Architects entworfene Londoner Großmoschee ohne Minarette auskommen, während Paolo Portoghesi die islamische Bautradition mit seiner römischen Zentralmoschee auch durch die Stilisierung des Minaretts in eine moderne Architektursprache übersetzte. Zudem wird immer wieder auch auf die Gefahr aufmerksam gemacht, dass insbesondere die „Multifunktionshäuser“ Großmoscheen mit ihren Laden- und Büroflächen als soziale Orte zu mit westlichen Wertvorstellungen unvereinbaren Enklaven der Desintegration werden könnten.

Beachtliche Mehrheit für Neubauten

Auch wenn in der Auseinandersetzung um Moscheeneubauten viel über ganz alltagspraktische Probleme wie Verkehrsführung oder Lärmbelästigung diskutiert wird, tragen derartige Kontroversen nicht erst seit dem Anschlag auf das World Trade Center am 11.09.2001 häufig Züge eines „Kulturkampfes“. So appellierte der in Köln lebende Publizist Ralph Giordano im Mai 2007 an den Oberbürgermeister der Stadt, den Neubau zu stoppen, weil er in der Moschee ein mögliches „Zentrum integrationsfeindlicher Identitätsbewahrung“ und „das Symbol eines Angriffs auf unsere demokratische Lebensform“ ausmachte. Damit löste Giordano gleichermaßen Zustimmung wie Ablehnung aus, während eine repräsentative Umfrage einen Monat später ergab, dass fast zwei Drittel der Kölner den Bau der Moschee befürworten, wobei sich mehr als ein Viertel jedoch für eine Reduzierung der zu dieser Zeit vorgesehenen Größe aussprach. Das lässt vermuten, dass selbst vor dem Hintergrund einer so vehement und doch vergleichsweise sachlich geführten Auseinandersetzung eine beachtliche Mehrheit der Bevölkerung in der zunehmenden Moscheebautätigkeit in Deutschland seit den 1990er Jahren ein Zeichen fortschreitender Integration erkennen will.

Interreligiöse Begegnungsstätte

Rohbau der Merkez-Moschee im Duisburger Stadtteil Marxloh; Copyright: picture-alliance/ dpa206 Moscheen klassischen Typs zählte das Soester Islam-Archiv im Jahr 2007, weitere 120 Moscheen befanden sich zu diesem Zeitpunkt in der Planung oder im Bau. Nicht alle Großbauprojekte sind Gegenstand scharfer Auseinandersetzungen, wie etwa die Realisierung der Ditib-Merkez-Moschee im Duisburger Stadtteil Marxloh zeigt. Wenn die Moschee im Oktober eröffnet werden wird, wird sie bis zur Fertigstellung der Kölner Zentralmoschee die größte Deutschlands sein. Ihr angegliedert ist eine interreligiöse Begegnungsstätte – einer der Gründe, warum sich die Ablehnung des Bauvorhabens hier in Grenzen hielt. Wie und ob Moscheen sich nicht nur ins bauliche, sondern auch ins mentale Umfeld integrieren lassen, ist also nicht zuletzt auch eine Frage der Offenheit des baubegleitenden interkulturellen Dialogs.

Recht auf repräsentative Gebetsräume

Moschee des islamischen Kulturvereins Taqwa; Copyright: picture-alliance / dpa/dpawebIn der seit den 1990er-Jahren wachsenden Zahl von Moscheeneubauten drückt sich der Wunsch der in Deutschland beheimateten Muslime aus, gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben in Deutschland teilnehmen zu können. Provisorische Gebetsräume in Hinterhöfen und ehemaligen Fabrikgebäuden, von denen es nach islamischer Zählung zurzeit etwa 2.600 in Deutschland gibt, sind mit dem veränderten Selbstverständnis der Einwanderer der dritten und vierten Generation immer weniger zu vereinbaren.

Auch wenn so manche Diskussion über neue Moscheen den Schluss nahe legen könnte, dass es sich bei der Genehmigung derartiger Bauvorhaben um ein von der Mehrheit erteiltes Gnadenrecht handele, ist das Recht der Muslime auf repräsentative Gebetsräume grundsätzlich kein geringeres als das der Christen auf Kirchen.

Bekenntnisfreiheit kennt als Menschenrecht keine kulturellen Vorbehalte – doch dieses Freiheitsrecht ist nicht grenzenlos. Es endet dort, wo es mit der Rechtsordnung des säkularen Staates in Konflikt gerät. Wobei daran erinnert werden sollte, dass sich auch die katholischen Christen lange Zeit schwer damit taten, den säkularisierten Rechtsstaat zu akzeptieren.

Literatur zum Thema

Kraft, Sabine: Islamische Sakralarchitektur in Deutschland: Eine Untersuchung ausgewählter Moschee-Neubauten, Münster / Hamburg / London, Lit Verlag 2002

Sommerfeld, Franz (Hrsg.): Der Moschee-Streit, Köln, Verlag Kiepenheuer & Witsch 2008

Andrej Klahn
ist Redakteur des Kulturmagazins K.WEST – Das Feuilleton für NRW

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September 2008

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