Politik und Zeitgeschichte

Deutsche Zeitungskarikaturen und -comics

Aus dem ersten Band der 'Eulenspiegel' Sonderausgabe (1980-89); Copyright: Eulenspiegel/Zeichner: Manfred BofingerSie sind das Salz in der Suppe. Sie sorgen für Würze und Geschmack und sind aus den Meinungsseiten fast aller deutschen Tages- und Wochenzeitungen nicht wegzudenken. Die politische und gesellschaftskritische Karikatur hat in Deutschland eine Jahrhunderte alte Tradition. Diese wurde in Zeitschriften wie Fliegende Blätter (1845-1944), Kladderadatsch (1848-1944) und später Simplicissimus (1896-1944) begründet, heute führen Satiremagazine wie Eulenspiegel (seit 1954) oder Titanic (seit 1979) sie fort.

Die politische Karikatur

Die Bildersprache und Formenvielfalt der Gattung ist gewaltig, doch Zeitungskarikaturen unterliegen strengen Vorgaben. Es sind meist schwarz-weiße Ein-Bild-Zeichnungen mit prägnanten Überschriften oder Untertiteln und wenigen oder gar keinen Dialogen. Zeitungskarikaturen müssen mit einem begrenzten und wiedererkennbaren, häufig Politiker karikierenden Personal auskommen und einen tagesaktuellen Bezug aufweisen.

Horst Haitzinger

Der meistgedruckte, unverkennbarste und wohl bekannteste deutschsprachige Zeitungskarikaturist ist Horst Haitzinger, der 1939 in Oberösterreich geboren wurde und seit vielen Jahrzehnten in München lebt. Seit 1958 kommentiert der vielfach Ausgezeichnete das politische Weltgeschehen. Sein satirisches Werk umfasst inzwischen mehr als 14.000 Zeichnungen und jährlich erscheinen neue Sammelbände mit seinen Karikaturen. Es sind in der Regel hintergrundarme, sehr auf den Mittelpunkt konzentrierte, das Bild nicht ausfüllende Federzeichnungen, die Haitzinger mit schweren, schwarzen Pinselstrichen und meist einer zusätzlichen Rasterfläche anreichert. Haitzingers Humor ist drastisch und derb – und sein kräftiger, zupackender Zeichenstil illustriert ihn in idealer Weise.

Luis Murschetz und Pepsch Gottscheber

Wie Haitzinger wuchsen auch die Karikaturisten Luis Murschetz (* 1936) und Pepsch Gottscheber (* 1946) in Österreich auf und leben seit vielen Jahren in München. Beide verbindet ein feingliedriger, gestrichelter und kontrastarmer, fast schon überfrachteter Zeichenstil. Besonders Gottscheber füllt seine Karikaturen bis zum Rand mit Details und Zierflächen auf, was seinen Zeichnungen eine unruhige und verstörende Aura verleiht. Horst Haitzinger sieht sich selbst als "zeichnenden Journalisten", dessen Karikaturen anspielungsreich und hintersinnig sind – im Gegensatz dazu sind Murschetzs und Gottschebers Arbeiten zwar ebenfalls tagesaktuellen Ereignissen gewidmet, tätigen aber eher allgemeingültige Aussagen. Pepsch Gottscheber wie auch Luis Murschetz veröffentlichen regelmäßig Bilderbücher, Luis Murschetz ist einem großen Publikum auch als Verfasser von populären Kinderbüchern bekannt.

Ivan Steiger

Die Mehrzahl der Zeitungskarikaturisten benutzt einen realistischen Stil und zeichnet Figuren mit ausgeprägter Physiognomie und vielen hervorstechenden Merkmalen – Ivan Steiger hingegen ist einer der wenigen Karikaturisten, deren Personal aus betont einfach gezeichneten knollennasigen Witzfiguren besteht. Die meisten von Steigers Zeichnungen kommen allerdings ohne Personen und viele sogar ohne Worte aus. Der 1939 in Prag geborene und ebenfalls in München wohnende Steiger meint dazu: "Den Sinn meines Lebens habe ich in dem Augenblick gefunden, als ich die Fähigkeit verlor, ihn durch Worte auszudrücken."

Comic-Strips

Der Comic hat viele Stilmittel der Karikatur übernommen, unter anderem die Verwendung von Sprechblasen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Comic-Strip als Zeitungsbeilage in Amerika erfunden – in Deutschland gibt es wenige regelmäßig in Zeitungen erscheinende Comicserien. Der "dienstälteste" täglich erscheinende Comicstrip ist die ohne Hauptfigur auskommende Cartoonreihe Touché von Tom (d.i. Thomas Körner, * 1960), die seit 1991 in der Tageszeitung taz abgedruckt wird. Touché bietet jeweils einen abgeschlossenen Witz in Comicform – und Toms als ziegelsteinschweres Buch gesammelte Cartoons finden viele begeisterte Leser. Noch außergewöhnlicher sind die gezeichneten Erlebnisse des Büroangestellten Strizz. Die gleichnamige Comicserie von Volker Reicher (* 1944) erscheint seit dem Frühjahr 2002 täglich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das Bemerkenswerte an den wortreichen Comicgeschichten ist, dass Reiche darin auch stets aktuelles Geschehen aus der Politik, der Wirtschaft und Kultur satirisch verarbeitet. So führt "Strizz" nicht nur formal, sondern auch inhaltlich die Jahrhunderte alte deutsche Karikaturtradition fort.

Zugespitzt. In der Werkstatt der Karikaturisten.Fotografien und Interviews von Britta Frenz mit Franziska Becker, F.W. Bernstein, Robert Gernhard, Horst Haitzinger, Ernst Maria Lang, Marie Marcks, Bernd Pfarr, F.K. Waechter u.v.m. Knesebeck Verlag, München, 2004. 223 Seiten, ISBN 3896602292, 39,90 €.
Marc Degens
ist Schriftsteller, Kritiker und Herausgeber des Internet-Kulturmagazins satt.org.
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Juli 2004

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