Bildende Kunst

Eine Reise in die deutsche Vergangenheit: Fotografien von Stefan Koppelkamm

Stefan Koppelkamm, Cop: Stefan Koppelkamm.Stefan Koppelkamm hat zweimal die gleichen Häuser und Straßenzüge in Ostberlin und Ostdeutschland fotografiert: 1990/91 und 2002/03. Ein Gespräch über Sehnsucht, Ruinenromantik und den Umgang mit Geschichte.

Herr Koppelkamm, Sie haben sich gleich nach der Wende aufgemacht in das Gebiet der DDR. Was haben Sie gesucht?

Das Motiv war zunächst reine Neugier. Ich bin schon früher von West-Berlin aus häufig in die DDR gefahren, kannte Ostdeutschland ein bisschen, aber es gab noch so viele blinde Flecken auf meiner Karte und Namen, die nur Mythen waren. Als die Mauer gefallen war, bin ich begeistert losgefahren, nach Dresden, Leipzig, Görlitz, Zittau und Chemnitz, immer mit der Großbildkamera im Kofferraum.

Wann haben Sie entschieden, welche Motive Sie aufnehmen wollen?

Es war eine sehr subjektive Auswahl. Ich habe Situationen fotografiert, die mich fasziniert haben. Ich wollte keineswegs den Baubestand der DDR flächendeckend dokumentieren. Ich habe mich auch weniger für herausragende Baudenkmäler interessiert, sondern mehr für das Alltägliche. Ob da nun gerade ein Auto stand oder ein Mensch ins Bild lief, war mir ziemlich einerlei. Natürlich gab es auch persönliche Motive: Ich bin von der Ausbildung her Grafikdesigner, und man sieht viele Häuser, an denen noch die historischen Beschriftungen zu erkennen sind.

Berlin, Elisabethkirche, Invalidenstraße, 14.8.1990, Cop: Stefan Koppelkamm. Berlin, Elisabethkirche, Invalidenstraße, 14.9.2001. Cop: Stefan Koppelkamm.

Berlin, Elisabethkirche (Invalidenstraße)
14.8.1990 (links) & 14.9.2001 (rechts). © Stefan Koppelkamm

Sie sind in Saarbrücken aufgewachsen, haben in Kassel studiert und in West-Berlin gelebt. Wie war Ihr Blick auf die DDR?

Ich habe viele westdeutsche Städte kennengelernt, wo es historische Reste gab, man aber in der Wiederaufbauzeit der Bundesrepublik sehr viel zerstört hat. Die Sehnsucht nach Vergangenheit wurde für viele Westdeutsche nur bedient, wenn man nach Italien fuhr. Als ich in eine Stadt wie Görlitz kam, hat mich das umgehauen. So etwas hatte ich bislang in Deutschland nicht gesehen, eine Stadt, die zwar in schlechtem Zustand war, aber komplett den zweiten Weltkrieg überlebt hat.

Das Gefühl einer Zeitreise hat viele Westdeutsche beschlichen, als sie das erste Mal durch Ostdeutschland fuhren. Gab es dabei auch schon das Bewusstsein: Das hält nicht mehr lange?

In der Fotografiegeschichte ist der Antrieb oft, dass etwas vom Verschwinden bedroht ist. Als ich meine ersten Reisen unternahm, war mir klar, das wird hier nicht mehr lange so aussehen. Während ich mit der Kamera durch die Lande gefahren bin, saßen abends im Hotel neben mir westdeutsche Goldsucher, die nur an Geschäfte dachten.

Berlin, Hackesche Höfe, Rosenthaler Straße, 17.1.1992, Cop: Stefan Koppelkamm. Berlin, Hackesche Höfe, Rosenthaler Straße, 12.9.2004, Cop: Stefan Koppelkamm.

Berlin, Hackesche Höfe (Rosenthaler Straße)
17.1.1992 (links) & 12.9.2004 (rechts). © Stefan Koppelkamm

Wenn man die Fotos sieht, die Sie im Abstand von zehn Jahren gemacht haben, stellt sich die Frage nach der Wertung. Sehen Sie das, was in den letzten Jahren passiert ist, als Rettung oder als Zerstörung?

Mein Fazit ist eher ambivalent. Mein Buch soll keinesfalls ein Dokument der blühenden Landschaften sein. Als ich 2002 ein zweites Mal losgefahren bin, war ich ziemlich schockiert. In vielen Fällen war die Geschichte einfach getilgt. Natürlich gibt es gelungene Beispiele wie in Görlitz. Aber das Fingerspitzengefühl, das man in Italien antrifft, wo Häuser restauriert werden, und man sieht es ihnen hinterher gar nicht an, das kriegen wir nicht hin. Das Zeughaus in Zittau zum Beispiel ist ruiniert durch die Restaurierung.

Wie stehen Sie zu Rekonstruktionen? Sie zeigen auch Gebäude, die rekonstruiert wurden. In Berlin ist gerade die Architekten-Entscheidung zum Wiederaufbau des Schlosses gefallen.

Ich bin da nicht dogmatisch. Im Fall des Berliner Schlosses lässt das Projekt mich kalt. Es ist eben nicht das Alte, sondern ein 1:1-Modell des Schlosses, und ich sehe darin keinen Gewinn für die Stadt. Man hätte sich den Mut der Franzosen gewünscht, als sie in den Siebzigerjahren das Centre Pompidou gebaut haben. Damit haben sie ein Zeichen gesetzt: ein Meilenstein für die Architektur wie für die Institution Museum. So etwas wird das Berliner Schloss nicht.

Görlitz, Weberstraße, 23.6.1990, Cop: Stefan Koppelkamm. Görlitz, Weberstraße, 17.9.2001, Cop: Stefan Koppelkamm.

Görlitz, Weberstraße
23.6.1990 (links) & 17.9.2001 (rechts). © Stefan Koppelkamm

Hatten Sie immer vor, noch einmal zurückzukommen, um den Wandel zu dokumentieren?

Am liebsten hätte ich die Fotos gleich publiziert. Aber damals hat das niemanden interessiert, weil man nicht zeigen wollte, in was für einem schlechten Zustand die Städte sind. 2002 bin ich wieder losgefahren und habe präzise vom gleichen Standort fotografiert. Im Nachhinein bin ich froh darum. Die Fotos von 1990 sind reine Nostalgie, das Heute-Foto allein ist in der Regel trivial, erst durch die direkte Gegenüberstellung bekommt das Buch seine Spannung.

Damals war die DDR wahrscheinlich in all ihrer „Ruinenromantik“ ein fremdes Land. Heute kommen uns die Städte viel normaler vor.

Das stimmt, aber damit ist viel von der Faszination verschwunden. Bei der ersten Reise war es wie eine Reise in die deutsche Vergangenheit. Ich hatte das Gefühl: So wie das, was ich hier sehe, hat auch die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, früher ausgesehen. Als ich das erste Mal nach Görlitz kam, war die Stadt menschenleer, es war gespenstisch. Wie in den Dreißigerjahren, ich dachte die ganze Zeit, jetzt marschieren gleich Nazis um die Ecke.

GZittau, Marstall, Store-house, 24.6.1990, Cop: Stefan Koppelkamm. Zittau, Marstall, Store-house, 17.9.2001, Cop: Stefan Koppelkamm.

Zittau, Marstall (Store-house)
24.6.1990 (links) & 17.9.2001 (rechts). © Stefan Koppelkamm

Das Thema Exotismus hat Sie schon früher in den Arbeiten über Palmenhäuser oder orientalische Bauten beschäftigt. Haben Sie die Exotik im eigenen Land entdeckt?

Es ist ein Sehnsuchtsthema, das aus meiner Beschäftigung mit Landschaftsgärten kommt. Auch bei den Architekten, die Gewächshäuser angelegt haben, gab es die starke Sehnsucht nach dem Paradies. Diese Sehnsucht kann sich genauso auf fremde Länder wie auf vergangene Zeiten richten, das sind die Grundmotive in der Gartengeschichte: chinesische Teehäuser oder gotische Ruinen.

Die Moderne in der DDR, also Städtebau, Plattenbau, Verkehr, hat Sie nie interessiert?

Meine Sehnsucht bezog sich immer auf Historisches, darauf, wie unsere Städte einmal ausgesehen haben. Schon das Berlin der 1980er-Jahre lud dazu ein, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Die „süße Krankheit Gestern“: Das beschreibt auch Uwe Tellkamp in seinem Roman Der Turm für Dresden. Dieses Erlebnis hat sich nach der Wende noch einmal wiederholt. Es war aber auch der Abschluss meiner Beschäftigung mit historischen Themen: Meine neuen Arbeiten befassen sich mit der Stadt, in der wir heute leben.

Das Buch
Koppelkamm, Stefan: Ortszeit / Local Time, Edition Axel Menges GmbH, Stuttgart 2006

Die Ausstellung
Ortszeit / Local Time ist als Plakatausstellung weltweit bei vielen Goethe-Instituten oder Kooperationspartnern zu sehen.
Christina Tilmann
stellte die Fragen. Sie arbeitet als Kulturredakteurin beim „Tagesspiegel“ in Berlin, mit den Schwerpunkten Bildende Kunst, Fotografie und Film.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2009

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