Angekommen? – Mobile Europäer berichten

Euskirchen, Deutschland
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Athen, Griechenland

Tanja Nettersheim

1990 fuhr ich im Rahmen eines Jugendaustauschs erstmals nach Griechenland. Diese Reise prägte mein weiteres Leben. Niemals zuvor hatte ich den Süden besucht und war von der Gastfreundschaft und Unbeschwertheit überwältigt. 1996 lernte ich meinen heutigen Ehemann kennen. 2000 entschloss ich mich, nach Griechenland auszuwandern. Im Nachhinein denke ich, dass ich mich nur aufgrund jugendlicher Blauäugigkeit zu diesem Schritt habe hinreißen lassen.

Mein späterer Mann hatte bereits eine Wohnung gegenüber seiner Familie gemietet und mich damit vor vollendete Tatsachen gestellt. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit und einigen vergeblichen Bewerbungen begriff ich, dass in Griechenland niemand auf mich gewartet hatte. Ende November 2000 entdeckte ich eine Anzeige, in der ein deutsches Kindermädchen gesucht wurde und beschloss, lieber berufsfremd als überhaupt nicht zu arbeiten. Anfänglich verdiente ich, ähnlich wie mein Mann, sehr viel weniger als in Deutschland, so dass wir in den ersten zwei Jahren hauptsächlich mit dem Überleben beschäftigt waren. Damals war ich häufig kurz davor aufzugeben, jedoch gönnte ich keinem den Triumph meines Scheiterns und biss mich durch.

So schnell wie möglich wollte ich Griechisch lernen, vor allem, um an Gesprächen innerhalb der Familie teilzuhaben. Damals begriff ich, dass Sprache der Schlüssel zur Integration ist.

2006 heirateten wir. Unsere Situation hatte sich jährlich verbessert und wir waren nun imstande, ein solches Fest zu finanzieren. Traditionell heiratet man hier nach griechisch-orthodoxem Ritus, eine vorhergehende standesamtliche Trauung ist nicht notwendig. Bezahlt wird das Ganze normalerweise von den Eltern der Brautleute und in deren Sinne ausgerichtet. Wir machten alles anders, planten und zahlten selbst und sorgten damit für viel Unverständnis. Am allerschlimmsten war die Tatsache, dass wir römisch-katholisch heirateten. In dieser Zeit stand mein offen atheistisch lebender Mann fest an meiner Seite. Fast vier Jahre später wurde unser Sohn geboren und wieder ging für meine Schwiegereltern eine Welt unter: Um den Besucherströmen in der Klinik zu entgehen, flog ich zur Geburt nach Deutschland. Gleich am ersten Tag wurde der Name des Kindes bekannt gegeben, nicht wie sonst üblich erst bei der Taufe. Fürchterlich war für die Familie auch, dass der Junge nicht nach dem Schwiegervater, sondern nach einem trojanischen Kriegshelden benannt und gar katholisch getauft wurde. Meine Schwiegereltern sind zwar noch oft irritiert, mischen sich aber nur noch selten in unsere Angelegenheiten ein. Inzwischen kann ich mich auch besser gegen Vereinnahmung abgrenzen und versuche dies umgekehrt durch Hilfsbereitschaft und verbindliche Zusagen wieder gut zu machen.

Beruflich hatte ich das Glück, seit 2007 in meinem erlernten Beruf in einem deutschen Pflegeheim in Athen arbeiten zu dürfen. Die Krise geht auch an uns nicht spurlos vorüber. Auch bei uns sind Familienmitglieder von Arbeitslosigkeit, Rentenkürzungen, Steuererhöhungen oder Auswanderung betroffen. Seit drei Jahren meide ich Familienfeste, weil sich stets alles um das Thema Krise dreht.

Oft lebe ich wie in einem Schwebezustand und fühle mich weder hier noch in Deutschland zu Hause. Einmal im Monat habe ich einen Traum: Über eine Serpentinenstraße im Niemandsland bin ich auf dem Weg in meinen Heimatort. Kurz vor der Ankunft muss ich, um anzukommen, ein Gartentor aufschließen. Die Tür lässt sich nie aufschließen. Bin ich hier, sehne ich mich nach Deutschland. Gehe ich dorthin, bin ich enttäuscht, dass die Menschen nicht so sind wie in meinen Vorstellungen.

In den vergangenen zwölf Jahren konnte ich menschlich reifen, denn ich hatte ausreichend Zeit für mich selbst und dachte über meine Vergangenheit in Deutschland nach. Wer aus dem Heimatland vor persönlichen Problemen flüchtet, wird sie mitnehmen, und diesen Migranten räume ich geringe Chancen ein.

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