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Claudio Curcio
Vor einigen Jahren bin ich nach Paris umgezogen und habe dabei das schöne Neapel für die französische Hauptstadt hinter mir gelassen. Paris hat mich immer fasziniert, und dank meiner Sprachkenntnisse war es seit den ersten Auslandsreisen immer eines meiner Lieblingsziele. Die Liebe tat ein Übriges, und so habe ich eine Pariserin geheiratet und ihre Stadt gleich mit!
Wie jedem Emigranten fehlen auch mir bestimmte Dinge – vom Essen über das Meer bis hin zur Sonne – aber eigentlich habe ich keine große Sehnsucht nach Neapel, nach seinem täglichen Chaos, der umfassenden Desorganisation und all den Dingen, über die Neapolitaner klagen, ohne sie zu ändern.
Paris erlebe ich hingegen als sehr bürgerfreundlich. Jedes Stadtviertel bildet eine eigene Gemeinschaft, die an die Eigenheiten des Ortes gebunden ist, vom Bäcker, dem boulanger, über die Geschäfte, den magasins, bis hin zum square, dem kleinen, manchmal winzigen Park. Obwohl Paris als eine der teuersten Städte der Welt gilt, lernt man hier schnell, kein Vermögen für die Lebenshaltungskosten auszugeben. Die Durchschnittspreise sind sogar mit denen in Neapel vergleichbar, wo es nicht die Dienstleistungen für die Bürger der ville lumière gibt, die Museen, Parks, Schwimmbäder, Kinos mit Filmen (in Originalfassung – was Italienern völlig fremd ist), Theater, Galerien, Ausstellungen und Kulturveranstaltungen. Nicht zu vergessen den praktischen Aspekt im Leben eines Bürgers, die Verkehrsmittel, die in Paris unglaublich sind. Nicht nur die Metro, die jeder kennt und schätzt, sondern auch das Busnetz und die Straßenbahnen, das RER-System, das bis in den hintersten Winkel der Peripherie reicht, und neue Systeme wie bike sharing und car sharing. Ein praktisch unfehlbares integriertes Verkehrsnetz, das gleichzeitig „user friendly“ ist und Millionen Parisern, Pendlern und Touristen gleichermaßen erlaubt, problemlos jeden Ort zu erreichen.
Was mir vor einigen Tagen geschah, demonstriert besonders gut die Besonderheiten des Pariser Verkehrssystems: Zur Hauptverkehrszeit hatte ich eine der besonders stark frequentierten Metro-Linien genommen. Nach einem Halt fuhr der Zug nicht wieder an, stattdessen stieg die Zugführerin aus und fragte, ob jemand eine Tüte mit Werkzeug gesehen habe. Ich hatte die Tüte beim Einstieg in einem Waggon bemerkt und dabei an den Arbeiter gedacht, der sie vergessen hatte und sie sicher nie wieder sehen würde. Die Tüte aber wurde gefunden und dem Eigentümer zurückgegeben, der dank der Freundlichkeit einer Reihe von Mitarbeitern der Pariser Verkehrsgesellschaft seine Werkzeuge und seine Arbeitskleidung nicht nachkaufen musste.
Das gefällt mir sehr an dieser Stadt, ihre Menschlichkeit trotz der Dimensionen der Metropole, dieses menschliche Maß für den Bürger, das gleichzeitig auf der Höhe einer Weltstadt ist.
Keine Ahnung, ob ich in anderen vergleichbar großen Städten den gleichen Eindruck gewinnen würde, aber ich glaube nicht, dass ich umziehen werde, um es herauszufinden!




