Angekommen? – Mobile Europäer berichten

Bilbao, Spanien
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Thessaloniki, Griechenland

Juanjo Corrales

Ich bin in Bilbao als Baske geboren und dort in einer Zeit aufgewachsen, in der das Land und seine Kultur nach langen Jahren des Schweigens ein bisher eingebunkertes Selbstverständnis zu äußern versuchte. Das waren für mich schwierige Jahre der Ungewissheit. Schon als sehr junger Mensch suchte ich nach einem Ausweg aus Angst und Verunsicherung, weg von Gewalt und blindem Zorn – alles Empfindungen, die typisch für Jugendliche sind. Die Suche nach etwas, das meinen Horizont erweitern würde, trieb mich an.

Mit dreizehn Jahren machte ich meine erste große Reise – von Bilbao nach Barcelona; dort arbeitete ich während des Sommers bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr. Anschließend war ich als Schauspieler eines unabhängigen baskischen Theaters auf Tour. Kaum hatte ich mein Pädagogik-Diplom in der Tasche, verließ ich die Truppe und widmete mich der Vision, eine verlassene Schule in einem kleinen, halb entvölkerten Dorf wiederzubeleben, wo den Leuten etwas an Kultur und Umwelt gelegen war.

Später suchte ich nach neuen Herausforderungen und ging 1986 mit einem Zweijahresstipendium des autonomen Baskenlands zuerst nach Frankreich, dann nach Belgien und schließlich nach Italien, um in diesen Ländern über integrierte jugendpolitische Programme kommunaler Träger zu forschen. An meiner letzten Station in Turin lernte ich zum ersten Mal griechische Studenten kennen (fantastische Typen). Sie motivierten mich, im Sommer 1988 nach Griechenland zu fahren. Das Land selbst kannte ich so gut wie gar nicht.

Seitdem lebe und arbeite ich hier. Damals konnte ich mir allerdings nicht vorstellen, dass ich für immer in Griechenland bleiben würde. Jeden Tag lerne ich über dieses Land etwas dazu, jeder Tag ist ein Neubeginn in der Beziehung zu ihm. Es geht mir gut in Griechenland, es gefällt mir hier und ich bekenne mich dazu.

Als ich ankam, gab man mir freie Hand. Obwohl ich kaum Griechisch verstand, fühlte ich, dass man auf mich hörte und nichts dagegen hatte, dass ich mit der Anwendung meiner Ideen experimentierte. Was ich bisher gelernt hatte, konnte ich hier in die Praxis umsetzen.

Ich habe mein Bestes gegeben und bin akzeptiert worden. Allerdings verlief dieser Prozess keineswegs ohne Schwierigkeiten und Hürden. Aber er hat mir geholfen, meinen Charakter zu formen und meine Mentalität auszubauen und zu differenzieren. Ich bin in Spanien geboren, aber erwachsen wurde ich in Griechenland. Ich bin nicht der Arbeit wegen hierhergekommen. Im Gegenteil ... In gewisser Weise habe ich die Option einer Karriere dadurch ausgeschlagen, dass ich nicht zurück nach Spanien gegangen bin, wo eine feste Anstellung auf mich wartete. Damals hat mich keiner verstanden. Ich habe alles stehen und liegen lassen und bin hierhergekommen, wo ich nur meine Neugier hatte. Hier heiratete ich und hier wurde meine lebhafte Tochter Matilde geboren, hier habe ich meine Arbeit aufgebaut. Seit 25 Jahren bin ich Freiberufler im Kulturbereich. Seit 1999 leite ich das internationale Puppentheater- und Pantomimenfestivals in Kilkis. Es ist eine Arbeit, bei der ich fantastische Persönlichkeiten aus Griechenland kennengelernt habe. In Anlehnung an die Geschichte von Odysseus, der nach Ithaka zurückkehrte und dort seinen Erfahrungsschatz als Erbe hinterließ, könnte man sagen, dass ich mein Ithaka gefunden und an Griechenland vererbt habe.

Ich kann mich leicht anpassen und nörgle nie über die griechische Mentalität, sogar dann nicht, wenn ich nicht verstehen kann, weshalb die Dinge so und nicht anders laufen. Respekt war immer die Hauptsache im Umgang mit der Kultur dieses Landes. Es war nicht leicht, den Individualismus der Griechen nachzuvollziehen. Und es dauerte auch lange, bis ich begriff, dass ich in Gesprächen nicht angeschnauzt wurde. Ansonsten bewundere ich den dynamischen Schwung der Menschen hier, ihren Instinkt, ihre Spontaneität und auch ihre Sprache mit diesem besonderen Tiefgang.

Migrant bin ich zufällig. Eigentlich habe ich mich nie als Migrant gesehen. Irgendwann vielleicht als jemanden, der lange zu Besuch ist. Heute jedoch ist es meine bewusste Wahl, in Griechenland zu leben. Auf Grundlage meiner eigenen Erfahrung würde ich jungen Landsleuten auf jeden Fall dazu raten, die Chance einer Reise und der Erfahrung mit anderen Kulturen zu nutzen. Auch Griechenland ist da eine Möglichkeit.

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