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Corinna Lawrenz
Nachdem ich lange mit dem Gedanken gespielt habe, einige Zeit auf der iberischen Halbinsel zu leben, hat es mich jetzt tatsächlich nach Lissabon verschlagen. Nach dem Bachelor war die Entscheidung ziemlich schnell gefallen. Mein Freund Nik und ich hatten Lissabon einmal besucht und waren sofort begeistert. An der Begeisterung hat sich seitdem wenig geändert. Klar, man sieht einige Dinge realistischer, aber alles in allem fühle ich mich hier pudelwohl: das Klima, das Essen, die Menschen, all das finde ich bis heute großartig!
Die ersten Wochen und Monate waren ein großes Abenteuer. Jede Straße, jeder Geruch, jedes Geräusch war neu und spannend. Der September begrüßte uns mit über 30 Grad, und wir verbrachten die meiste Zeit draußen, voller Tatendrang alles zu erkunden. Wir konnten beide kaum Portugiesisch und haben die ersten Uni-Sitzungen mit einem grausigen „Portuñol“ bestritten, aber wir haben uns durchgekämpft und fleißig gelernt. Nach zwei Monaten ging es von der kleinen Ferienwohnung in ein eigenes Heim in einem der für mich schönsten Viertel der Stadt, Graça – ein altes Arbeiterviertel mit der richtigen Mischung aus traditionellem Leben, ein bisschen Tourismus, ein paar Bars und einigen wunderschönen Aussichtspunkten direkt vor der Haustür. Mit dem Umzug kehrte auch der alte Arbeits- und Lernrhythmus wieder ein, vieles hat sich verfestigt, wir haben unseren liebsten Obstladen, unseren Bäcker, ein Stammcafé, die Fadobar um die Ecke – kurz: Wir sind angekommen!
Hart war vor allem der erste Winter. Wir wollten wenig Geld für das Heizen mit Strom ausgeben, die Wohnung war kalt, klamm und der schönste Ort war das warme Bett am Morgen. Freunde aus Deutschland haben das nie verstanden, wer aber zu Besuch kam, merkte schnell, wie unangenehm 15 Grad Innentemperatur sein können. Inzwischen sind wir ein bisschen besser ausgerüstet und vorbereitet – dennoch, auf den Winter in Portugal würde ich liebend gerne verzichten.
An der Uni lief es von Anfang an recht gut. Ich habe mich gezwungen, alles auf Portugiesisch zu machen, und so recht schnell gelernt. Ein bisschen fehlt mir hier in meinem Abendstudium dennoch das deutsche Uni-Leben. Kein Kaffee in der Mensa, keine gemeinsamen Nachmittage auf der Uni-Wiese – dementsprechend langsam haben sich Kontakte ergeben. Auch das sehr freie und kreative Arbeiten, das in unserem Bachelor gang und gäbe war, ist weniger verbreitet. Aber man lernt, strukturierter und schneller zu arbeiten – auch das hat sein Gutes.
Häufig werde ich gefragt, wann ich denn zurückkomme. Für mich ist Lissabon aber keine Stippvisite, sondern der Ort, an dem ich lebe. Ich bin umgezogen, vielleicht ziehe ich irgendwann wieder um – aber es ist kein „zurück“. Langsam fange ich auch an, auf die Frage, woher ich komme, mit „Graça“ zu antworten. Mir gefällt es hier – und wenn ich kann, dann bleibe ich noch ein bisschen. Und dann noch ein bisschen. Aber das alles ist von so vielen Faktoren abhängig – und die stehen noch in den Sternen.




