Angekommen? – Mobile Europäer berichten

Piräus, Griechenland
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Berlin, Deutschland

Charalambos (Charis) Kailantzis

Nach sieben Jahren Studium und Arbeit in Großbritannien hatte ich mich zur Rückkehr nach Griechenland entschlossen. Ich musste mich erst wieder eingewöhnen und wechselte mehrmals den Job, bis ich endlich eine Stelle gefunden hatte, die mir Entwicklungschancen eröffnete. Bis dann diese berüchtigte KRISE begann, mit der alles anders wurde! Damals konnte keiner ahnen, wie weitgehend wirtschaftliche Probleme in einem Land der Eurozone das Leben und vor allem die Stimmung der Menschen beeinflussen können.

Es begann damit, dass mein Gehalt nicht ausgezahlt wurde, zuerst einen Monat, dann zwei, eine Zeitlang sogar drei Monate. Irgendwann kam es zu Gehaltskürzungen. Trotzdem wollte ich weiter in Griechenland bleiben. Es wurde aber immer schlimmer, und die Krise war schließlich das einzige Gesprächsthema in meinem familiären Umfeld und bei den Freunden, die immer stärker von den Folgen betroffen waren. Pessimismus und fehlendes Selbstbewusstsein waren überall präsent, und ich empfand die Lage als ausweglos. Auch wussten wir nicht, ob und wann dieser Zustand jemals ein Ende hat. Die politische Führung des Landes war nicht in der Lage, Vertrauen und Zuversicht zu vermitteln.

Mit 35 musste ich eine Entscheidung treffen. Dabei waren in meinem Fall die Bedingungen sogar günstig, denn ich hatte schon im Ausland gelebt und auch keine familiären Verpflichtungen. Nach einer Reihe von Bewerbungsgesprächen hauptsächlich in Nordeuropa zog ich im Juli 2012 schließlich nach Berlin.

Nun bin ich ein Jahr hier und habe Kollegen und Freunde kennengelernt, die aus anderen Städten Deutschlands kommen, sodass ich sagen kann: Die Hauptstadt ist ein Sonderfall und nicht typisch für die deutsche Lebensweise, wobei doch einige von deren positiven und negativen Merkmalen hier adaptiert worden sind.

Zu den positiven gehören sicher die unbürokratische öffentliche Verwaltung, ein gut organisierter öffentlicher Nahverkehr und ein modernes Straßennetz, zahlreiche Grünflächen und Radwege. Dadurch ist der Alltag für die Bewohner sehr viel leichter zu bewältigen als in Griechenland. Ein Auto wird hier für letztlich überflüssig gehalten; in Griechenland ist es – von minimalen Ausnahmen abgesehen – das wichtigste Verkehrsmittel.

Das Leben in Berlin kommt mir wie eine andauernde Party vor! Zu Recht ist die Stadt berühmt für ihr Nachtleben, aber auch für die künstlerische, internationale und alternative Szene. Die beiden letzten Elemente bilden vermutlich die wichtigsten Anziehungspole weltweit, auch für Südeuropäer. Mit Englisch kommt man hier leichter durch als in anderen Teilen Deutschlands; allerdings ist es für das Verständnis im Allgemeinen besser, wenn man Deutsch kann. Freiheit ist das Grundgefühl, sowohl beim Outfit als auch im Verhalten und der Art und Weise, wie man eine gute Zeit verbringt.

Die Leute sind recht freundlich und hilfsbereit. Natürlich gibt es Ausnahmen. Mit den Händen zu greifen sind für einen Südeuropäer allerdings die Unterschiede in der Mentalität und Denkweise. Die Berliner schenken einem nicht sofort ihr Vertrauen oder öffnen sich gar. Das braucht Zeit, aber dann ändert sich ihr Verhalten zum Besseren. Manchmal spüre ich Überheblichkeit, vor allem bei Leuten, die aus dem reichen deutschen Süden kommen.

Die Firma, für die ich arbeite, ist ebenfalls international. Die „Verfahren“ und die „Regeln“ gehören zum Alltag; wenn mal was schiefgeht oder schnell geändert werden muss, sieht man, dass die Mitarbeiter aus Südeuropa flexibler sind und mit Ausnahmezuständen leichter und effektiver umgehen können.

Im Allgemeinen bin ich zufrieden mit meinem Leben, und es gefällt mir, dass die Dinge funktionieren – was man für mein Land gewöhnlich nicht behaupten kann. Sicher ist Deutschland nicht das Land der Verheißung. Auch hier gibt es Probleme, etwa Arbeitslosigkeit und Armut. Beruflich hat man hier sicher bessere Aussichten und Karrierechancen, je nach Fach oder Spezialisierung. Man muss offen bleiben und innerlich bereit sein, viele Gewohnheiten abzulegen und Kompromisse zu schließen.

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