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Miriam Franchina
Laut Kalender haben wir Juni, aber hier in Halle verbreitet das Hochwasser Untergangsstimmung und nicht einmal die frischen Blätter wirken grün.
So mancher fragt sich vielleicht, wo die Stadt Halle überhaupt liegt, schließlich wusste auch ich bis vor ein paar Monaten nicht einmal von ihrer Existenz. Dabei half ich erst gestern, Dämme im Schatten der Kirche zu errichten, in der Luthers Totenmaske aufbewahrt wird. Hier ist man stolz darauf, offiziell heißt der Ort Lutherstadt Halle. Aber jenseits der Landesgrenzen muss ich überall erklären, warum ich ausgerechnet hier gelandet bin.
In Halle habe ich endlich ein Zuhause gefunden. Natürlich nichts im Vergleich zu Berlin. Ich bin im Oktober 2011 in Berlin angekommen, mit einem Studienabschluss, mit dem ich nicht viel anzufangen wusste, und ohne Rückfahrkarte. Über Freunde habe ich ein Zimmer gefunden, über das Internet ein paar Vorstellungsgespräche.
Zwei Wochen im Call-Center: Umfragen zu jeder Tageszeit in allen mir vertrauten Sprachen. Dann sorgten Glück oder Vorsehung für eine Ausbildung bei einer PR-Agentur. Zehn Stunden am Tag, mitunter auch am Wochenende, nur um sich dann in den Fangarmen der Fata Morgana Berlin zu verirren.
Berlin wird für mich immer gleichbedeutend mit Freiheit sein. Der erste Schritt in Richtung auf etwas, das noch immer im Entstehen ist, in welche Richtung auch immer. Mit dem ersten eigenen Haushalt und den ersten echten Gehaltszahlungen zurechtkommen, zum Aufrunden Italienischstunden geben, wie ein unbeschriebenes Blatt sein. Niemand kannte mich hier. Ich war berauscht von der Illusion, so zu sein, wie ich wollte. Für eine Hand voll Euro wartest Du morgens um fünf in Berlin verschlafen auf die U-Bahn, ein wässriger Kaffee, und auf geht’s ins Museum.
Dabei habe ich schrittweise begriffen, dass man nicht locker lassen darf, wenn man die Deutschen kennenlernen will.
Nach einem Jahr wollte ich mich aber verändern. Immer die Hoffnung auf ein Doktorat im Kopf, in Italien hatte ich es nicht versucht. Schließlich habe ich bei der PR-Agentur gekündigt und endlich wieder Bleistift und Papier zur Hand genommen, um ein Forschungsprojekt zu entwerfen. Damit habe ich alle historischen Fakultäten der deutschen Universitäten abgeklappert.
Im November 2012 hat mich die Uni Halle mit einer Mail einberufen. Nach anderthalb Zugstunden war ich in der Heimat von Würstchen und Händel, der ältesten deutschen Pralinen und der deutschen Aufklärung angekommen. Das Max-Planck-Institut bot mir ein Stipendium für eine Doktorarbeit an.
Für die Entscheidung habe ich mir eine Woche Zeit genommen. Im Januar 2013 dann auch dank der niedrigen Preise der Umzug in meine erste eigene Zweizimmerwohnung, der erste Kontakt mit der Stadt: kalt, nicht nur das Wetter.
Binnen weniger Monate habe ich mich aber von der menschlichen Vielfalt umgarnen lassen, die es wegen der Forschung hierher verschlagen hat. Darauf setzt Halle heute nach der Massenflucht des Mauerfalls, der viele Glückssucher in den Westen getrieben hat.
Ich versuche hingegen, meinen alten Traum im Osten zu verwirklichen.
Während ich das hier schreibe, sitze ich in meinem Büro hoch oben in einer der vielen Gassen mit Kopfsteinpflaster. Der Fluss beruhigt sich langsam. Die Lautsprecheransagen dringen gedämpft herüber, durch die Bücherberge und das wütende Tastengeklapper der Kollegen hindurch.




