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Veerle Degrave
Ich bin in der flämischen Westhoek aufgewachsen. Als Jugendliche dachte ich, ich sei eher sesshaft. Aber wie John Lennon so schön gesagt hat: „Life is what happens to you, when you’re busy making other plans”.
Vorschau auf das Jahr 2013: Jetzt kann ich auf eine internationale Geschichte zurückblicken. Seit 2006 schreibe ich eifrig an dem Kapitel „Deutschland“. Wie die Handlung aussieht? Ich bin aus persönlichen Gründen (der Spur der Liebe folgend) in Deutschland gelandet, habe dann in Dresden studiert und arbeite seit 2009 in Wiesbaden.
Früher war Deutschland für mich ein weißer Fleck auf der Landkarte. Die wenigen Vorstellungen, die ich von diesem Land hatte, waren zugegebenermaßen eher kritisch und stereotyp. Deutschland und die deutsche Sprache waren für mich gleichbedeutend mit kühl und zurückhaltend, unnahbar und ungemütlich, emsig und ernst.
Wie ich damals so falsch liegen könnte!
Dass meine deutschen Kollegen in der Regel seriös und konsequent arbeiten, pünktlich und zuverlässig sind, stets die (in der Tat zahlreichen) bürokratischen Richtlinien beachten, die alle ihrer eigenen Logik folgen, steht außer Frage.
Und ich gebe zu, meine Anpassung verlief eher schleppend. Der Aufbau eines sozialen Netzwerks erforderte schon ein erhebliches Maß an Zeit und Geduld.
Was mich aber vor allem überraschte und was das sehr gängige – auf mich aber eher distanziert wirkende – „Sie“ und „Sehr geehrte Damen und Herren“ am wenigsten vermuten ließen, waren die Zugänglichkeit, Offenheit und Herzlichkeit der Menschen. Und nicht zu vergessen, der hier verbreitete forsche Sinn für Humor!
Wir sehen die Welt durch eine durch unsere eigene Kultur und Sprache gefärbte Brille. Wenn die kulturellen und sprachlichen Parameter sich ändern, werden wir uns mit einem Mal bewusst, dass wir diese Brille aufhaben. Man kann sich dann dafür entscheiden, sie abzusetzen: Der Blick schärft sich, der Horizont wird weiter und man sieht, dass man Teil eines großen Ganzen ist. Unterschiede jagen einem dann keine Angst mehr ein und können nebeneinander bestehen und gedeihen. Man wird offener und trägt selbst seinen Teil zur Integration bei.
In einer unbekannten Umgebung muss man sich „neu“ finden. Das bedeutet auch, bereit zu sein, die bekannten Handlungsweisen, alten Gewohnheiten und Perspektiven, die man sich angeeignet hat, loszulassen und so Platz dafür zu machen, die neue Umgebung mit unvoreingenommenem Blick wahrzunehmen.
Selbstverständlich ist das kein Prozess, der nach einem Tag beendet ist. Auffassungen und Ansichten sind oft tief verankert und ein fester Bestandteil des eigenen Selbstbildes – und auch des eigenen Weltbildes.
Das Leben in einem anderen Land erweckt einen – manchmal etwas abrupt – aus dem Winterschlaf und erfordert eine Reaktion. Man kann nicht in ein anderes Land übersiedeln und sich überhaupt nicht verändern.
Ich bin in jedem Fall sehr froh, dass ich diesen Schritt getan habe!




