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Sören Meschede
Spanien ist nicht besonders weit weg von Deutschland. Drei Flug-, zwölf Autostunden. Es war weiter weg, als ich 1999 im Rahmen eines Erasmus-Stipendiums zum ersten Mal ein Jahr in Spanien, in Córdoba, verbrachte. Der Euro war noch nicht eingeführt; Billigflieger, Mobiltelefonie und Internet noch nicht besonders verbreitet. Europa war den meisten Spaniern ein abstraktes Konstrukt, dem Spanien zumindest kulturell eigentlich nicht zugehörte. Ich war eher zufällig nach Córdoba gekommen, hatte keine Ahnung von der Sprache oder vorherige Erfahrung mit dem Land. Ich war naiv im besten Sinne des Wortes: meine Ahnungslosigkeit machte mich anspruchs- und erwartungslos. Ich bin heute davon überzeugt, dass dies für mich die beste Voraussetzung war, wirklich an diesem neuen Ort anzukommen, in Sprache und Kultur einzutauchen und mich heimisch zu fühlen.
2004 kam ich wieder: Gerade mit dem Studium fertig, erhielt ich die Möglichkeit, mich in Málaga bei der deutschsprachigen Lokalzeitung Costa del Sol Nachrichten als Redakteur zu betätigen. Ich hielt nicht allzu lange durch. Die Erfahrung, über und für die deutsche „Kolonie“ zu schreiben, die sich hier in den späten Siebzigerjahren ihren Traum vom Eigenheim am Sonnenstrand verwirklicht hatte, war zu frustrierend.
Spanien ist nicht besonders weit weg von Deutschland. Aber wie weit es dann doch entfernt ist, wird offensichtlich, wenn man mit den Ängsten, Bedürfnissen und Befindlichkeiten einer deutschen Leserschaft konfrontiert wird, die, obwohl seit Jahrzehnten in Spanien sesshaft, doch immer noch mit ihrer Wahlheimat fremdelt, vom guten Wetter und dem Strand einmal abgesehen.
Eigentlich war ich nach dieser Erfahrung dann auch schon wieder auf meinem Weg zurück in den Norden. Auf der Fahrt von Andalusien nach Deutschland legte ich dann noch einen kurzen Zwischenstopp bei Freunden in Madrid ein. Und diese Stippvisite dauert inzwischen acht Jahre an.
Madrid ist mein Lebensmittelpunkt geworden, und das, obwohl mir die Stadt (heiß, groß, trocken, staubig, teuer, hektisch, kein Wasser, wenig Grün …) eigentlich nicht besonders gut gefällt. Warum bin ich dann hier? Viel schwerer als eine gefällige Geografie wiegt das emotionale und soziale Gerüst, auf das sich so deutsche Worte (und so universelle Gefühle) wie „Geborgenheit“ und „Heimat“ stützen: Freunde, Liebe und eine sinnvolle und erfüllende Beschäftigung.
Meine Heimat ist Madrid. Aber ich könnte mich wohl auch in Stuttgart heimisch fühlen, oder in Córdoba, Málaga, oder in Nantes, Montevideo, Toronto, Bukarest, Peking, Gijón oder Setúbal … Entscheidend ist nicht der Ort, sondern die Emotion, die einen an den Ort bindet. Zufall und Glück spielen eine große Rolle, und auch der sesshafteste Mensch kann wohl heimatlos sein. Ich musste erst ein wenig reisen, um mir darüber klar zu werden.




