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Juliane von Crailsheim
Fremde
Als ich für eine Regieassistenz an das Theater in Gent ging, wusste ich nicht, dass ich kurz darauf nach Belgien ziehen würde. Ohne Wohnung und ohne Menschen zu kennen, zog ich von einem Tag auf den anderen nach Brüssel. Nun bin ich seit 2007 hier und versuche, mein hier gegründetes Tanz-Theater-Ensemble BodyTalker zu festigen und Stücke zu realisieren.
„In der Fremde wird man wirklicher“, schreibt Robert Musil. Ich ging ins Ausland, weil ich mich der Welt aussetzen wollte. Das schien mir in der Ferne leichter, wo ich die Umgangsformen nicht kenne, die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze. Hier muss ich meinem Bauchgefühl folgen, mit mir selbst diskutieren. Zudem wollte ich andere Mentalitäten und Aufführungsweisen erfahren.
Da Körpersprache der Fokus meiner Arbeit ist, ging ich in die internationale Stadt Brüssel. Mit unterschiedlichen Kulturen und Sprachen arbeiten zu dürfen heißt für mich, sich über fundamentale Dinge zu verständigen.
Mein Schritt nach Belgien war leicht, das Ankommen bleibt schwierig. Weniger im Privatleben als im Beruf. Es braucht Zeit und oft mehrere Projekte, um gleichgesinnte Künstler zu finden. Ebenso schwierig ist es, innerhalb der Strukturen arbeiten zu können. Da es hier einen Überschuss an Künstlern gibt, werden vor allem diejenigen eingeladen, die in Belgien studiert haben, die bereits in einem Kulturzentrum aufgetreten sind oder die mit renommierten Namen gearbeitet haben. Wie aber (neu) anfangen?
Ohne Referenzen dauerte es lange, Koproduzenten zu finden. Ich habe mehr Zeit im Büro verbracht als auf der Bühne; unbeantwortete Emails neu versenden, das Telefon klingeln hören, Anträge schreiben – Menschen schienen mir unerreichbar. Obgleich ich mit BodyTalker seit meiner Ankunft an alternativen Orten wie einer Baustelle, einer Kirche oder einem Hinterhof Performances organisiere, recherchiere und Kurzfilme mache, brauchte es Jahre, um Stücke auf öffentlichen Bühnen zeigen zu können. Und noch immer arbeiten wir in bescheidenen Umständen, oft unbezahlt.
Dank meines Berufes und der Offenheit für spontane Gespräche, die ich in diesem Land erlebe, lerne ich viele Menschen kennen und fühle mich hier wohl. Mein Wunsch, interkulturell arbeiten zu können, hat sich erfüllt. Dadurch fallen plötzlich „deutsche Eigenschaften“ an mir auf. Menschen sagen, ich sei „direkt“, was hier eine Kritik ist. Denn ich spreche Probleme an, die Menschen anderer Kulturen so nicht ansprechen würden. In welchen Punkten muss ich mich anpassen? Was ist mir wichtig zu verteidigen, auch wenn es Schwierigkeiten mit sich bringt?
Mittlerweile habe ich mich entschieden, weitere Jahre, vielleicht Jahrzehnte zu bleiben. Nicht unbedingt, weil ich hier viel Glück habe. Es braucht einfach Zeit, um als selbstständige Regisseurin in einem fremden Land Beziehungen aufzubauen. Eigentlich wäre ich gerne in weitere Fernen gegangen. Aber wichtiger ist, mich weiter in meine Welt hier zu vertiefen, zusammen mit Gleichgesinnten. Und: Fremd bin ich mir überall, sind wir einander immer.




