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Ignacio Fernandez
Ein Jahr neigt sich seinem Ende zu – 2013 – ein Jahr, das Beunruhigung hervorruft, ein Übergangsjahr, in dem alles so verkrampft, so hektisch und in Wartestellung zu sein scheint. Ich schreibe diese Zeilen, um über meine Erfahrungen als Spanier, der sich aus freien Stücken in Brüssel niedergelassen hat, zu berichten. Jedoch ist es mir nicht möglich, alles das, was mir diese Stadt gegeben hat, in rund 500 Wörtern zu Papier zu bringen. Als ich das erste Mal die Frittenbude Maison Antoine auf dem Place Jourdan sah – das war an einem sonnigen Tag im Mai 2009 – dachte ich: Wie kann es sein, dass Woody Allen hier noch keinen Film gedreht hat?
Während ich diesen Text schreibe, befinde ich mich in einem wunderschönen Haus in Woluwe, mit einem Garten, der dem Haus Leben einhaucht. Ich wohne nun schon seit 2009 in Brüssel. Ich wollte von Madrid weg, um etwas Neues, ein Abenteuer, zu erleben. Um die Nachbarn im Norden besser kennenzulernen. Denn ich bin ein „Südstaatler“ aus den sogenannten „PIGS“, ein Spanier aus Toledo. Das Schicksal wollte es so, dass ich erst mit 50 Jahren eine Art ERASMUS-Erfahrung machte. Frauen und Männer einer Generation – der 1960er Jahre Generation – denen auch ein Teil ihrer Jugend geraubt wurde. Isoliert in unseren nostalgiebehafteten kakifarbenen Wänden wie ein Mönch – über eine so lange Zeit hinweg – mit der Zustimmung und Immobilität Europas. Da wir diese Wände niemals verließen, bekamen wir niemals die Gelegenheit, den Rhythmus anderer Gesellschaften zu spüren. Die Erweiterung des Horizonts ist eine Erfahrung, die Türen zu neuen Möglichkeiten öffnet. Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Mobilität sein. Die Menschen werden lernen müssen, ihr Glück an einem anderen Ort als ihrem Geburtsort zu suchen. Und die Länder müssen sich über die neuen Migrationen aus sozialen Gründen Gedanken machen, sich an die neuen Zeiten anpassen und dabei eine Sichtweise an den Tag legen, die diese Ströme berücksichtigt. Diese Ströme werden nicht mehr auf der Achse Nord-Süd verlaufen, sondern auf der Achse Ost-West. Wobei sich regional die globalen Wohlstandszyklen abwechseln.
Keiner zwingt uns dazu, an dem Ort zu bleiben, an dem wir zufälligerweise geboren wurden. Wir haben das Recht, unser Glück an jedem anderen Ort zu suchen. Woanders hinzugehen, bedeutet, sein Leben in die Hand zu nehmen und das Bestreben zu haben, seinen Weg weiterzugehen. Mobilität bedeutet, den Klischees, die wir bezüglich anderer Länder haben, den Rücken zu kehren. Raum für konstruktiven Konsens – das ist eine neue Sichtweise deines Landes. Andernorts sprechen wir problemlos miteinander. Andernorts spricht man sehr gut über uns.
Brüssel scheint eine ruhige und beschauliche Stadt zu sein, mit langweiligen Beamten, verregnet und so aufgeräumt. Hinter dieser Auffassung, die denen von anderswo vermittelt wird, gibt es eine andere, eine innere Magmablase – die eines authentischeren Brüssel. Der Tag wird durch die Gebäude, Politiker, Touristen, die Leute, die um 12 Uhr zu Mittag und um 18 Uhr zu Abend essen, geprägt. Ein schönes Leben im Regen. Die Stadt atmet eine dekadente gothische Luft, die sie finster macht, wenn man über die Pflastersteine ihrer Straßen dahingleitet und an den Schaufenstern der Luxusboutiquen vorbeifliegt. Ein urbaner zeitgenössischer Modernismus mit einer durchdringenden Vorsicht, um die Skyline der Stadt nicht zu stören. Gläserne Fahrstühle in den Gebäuden der Institutionen. Privatbüros, in denen Entscheidungen getroffen werden und Macht ausgeübt wird, geben sich im Washington Europas ein Stelldichein.
Die Großstadt verändert sich am Wochenende, wenn Brüssel zwischen den Markisen der Cafés auf den abseits gelegenen Plätzen mit ihren Flohmärkten glänzt, von der Sonne verwöhnt, ein wertvoller Schatz, den man sich nicht entgehen lassen darf. Ein grüner Mantel bedeckt die Prachtstraßen und Parks. Ein tropisches Blau schlängelt sich durch die Gassen. Die Stadt des Comics, dieser belgischen Schule, erneuert sich mit Graffitis in den verborgenen Tunneln der Nahverkehrszüge sowie in den verlassenen Werkhallen der Industriegebiete, die keine Zukunft haben. Der Barde von Saint-Josse drückt es in seinem Lied Ich lebe gerne in Brüssel folgendermaßen aus: „Die Stadt ist das, was sie ist, ein Ort, wo alles Mögliche geschieht, du es aber nie bemerkst.”




