Juli Zeh – „Mit der Unbehaustheit des Zeitalters zurechtkommen“

Am 2. Mai 2013 stellt die deutsche Autorin in Antwerpen ihren neuen Roman „Nullzeit“ vor – eine Dreiecksgeschichte im Format eines Psychothrillers, in der es auch um die Überforderung im Alltag geht. Mit eigenen Ideen über Mitbestimmung mischt sich die engagierte Autorin und Juristin in die gesellschaftspolitische Debatte ein. Sie versteht sich auf ihren Reisen ein bisschen als „Botschafterin Deutschlands“ – und bedauert die einseitige Sicht ihrer Landsleute auf Belgien.
Frau Zeh, Ihr neuer Roman hat den Plot einer Seifenoper, wie Sie es nennen. Doch wie alle Ihre Bücher ist auch „Nullzeit“ nicht ganz unpolitisch …
Vielleicht ist Nullzeit nicht unbedingt politisch, aber der Roman hat gewiss ein gesellschaftlich relevantes Thema. Mir geht es um ein Syndrom, das unsere Epoche prägt: das Gefühl der Überforderung. Während wir uns in Europa auf einem Gipfel von Wohlstand von Wohlstand, Frieden und Sicherheit befinden, fühlen sich viele Menschen bedroht. Burn-out und Depressionen sind die neuen Volkskrankheiten. Offensichtlich haben wir noch nicht gelernt, mit der Unbehaustheit unseres Zeitalters zurechtzukommen. Dafür steht mein Protagonist Sven, der eine radikale Konsequenz zieht und auf eine Insel flüchtet. An einer Stelle im Roman heißt es: „Krieg ist kein geografisches Phänomen.“ Sind die Menschen dazu verurteilt, sich zu bekriegen? Scheint so. Selbst im privaten Umfeld kann man überall jene Keimzellen beobachten, aus denen im größeren Rahmen Kriege entstehen: Üble Nachrede, Eigensucht, Selbstgerechtigkeit. Diese Eigenschaften scheinen den Menschen leider anzuhaften. Sie haben dieses Mal einen ungewohnt nüchternen Stil gewählt. Sie selbst sagten einmal, Sie würden verstehen, dass so mancher von Ihrem Stil genervt sei. Warum war der Stilwechsel bei diesem Roman so wichtig? Mein Protagonist Sven, der die Geschichte erzählt, ist Tauchlehrer. Zu ihm hätte ein allzu poetischer Stil nicht gepasst.Mitbestimmen
„Immer raushalten“, lautet das Motto Ihres Romanhelden, der jedoch eine bittere Lehre ziehen muss. Sie leben zurückgezogen mit Ihrer Familie auf dem Land. Brauchen Sie trotz Ihres großen Interesses an der Tagespolitik den physischen Abstand? Physischer Abstand spielt heutzutage kaum noch eine Rolle. Teilnehmen an Politik oder Gesellschaft findet nicht unbedingt durch die Anwesenheit an bestimmten Orten statt. Es ist mehr eine persönliche Entscheidung, ob man sich zurückziehen oder mitmachen will, nicht so sehr eine Frage der Geografie. Sie mischen sich regelmäßig in die politische Debatte ein und setzen sich für eine direktere Demokratie ein. Wie sollte diese aussehen? Mir geht es nicht so sehr um direkte Demokratie im klassischen Sinn, wohl aber um neue Partizipationsmöglichkeiten, die das Interesse der Bürger an Politik vielleicht wieder verbessern könnten. Zum einen hält das Internet spannende neue Optionen bereit. Zum anderen fände ich es eine gute Idee, wenn Bürger, zumindest teilweise, über die Verwendung ihres Steueraufkommens mitbestimmten dürften. Wenn ich entscheide, welchem Ressort meine Steuermittel zugutekommen, hat das mehr politischen Effekt als manche Wahl oder Abstimmung. Auch Europa ist eines Ihrer großen Themen. Die Freunde Europas von Robert Menasse bis Ulrich Beck sind auffallend oft männlich und deutlich über 60 Jahre alt. Ist das Zufall? Könnte das nicht Teil des europäischen Problems bedeuten? Mein Freund Robert Menasse ist erst 59. Trotzdem haben Sie recht: „Männlich und über 60“ sind nicht nur die Merkmale von Europa-Verteidigern, sondern überhaupt von Teilnehmern am intellektuellen Diskurs. Gewiss ist das mindestens schade, vielleicht sogar ein Problem. Ein Diskurs sollte so vielseitig wie möglich geführt werden. Er ist nicht repräsentativ, wenn nur bestimmte Ausschnitte der Bevölkerung daran teilnehmen.
Identitätsfindung
„Im Ausland ist jeder Deutscher Angela Merkels Pressesprecher“, heißt es in „Nullzeit“. Passiert es Ihnen auf Auslandsreisen, dass Sie sich auch in diese Rolle gedrängt sehen?
Das ist ganz normal. Im Ausland ist jeder Mensch immer ein bisschen Botschafter des Landes, aus dem er kommt. Er wird gefragt, wie es bei ihm zu Hause zugeht, er muss Dinge erklären, vielleicht auch verteidigen. Oft lernt man dabei viel über sich selbst. So etwas wie die viel beschworene Identität findet ja nur statt, wenn man sich außerhalb der vertrauten Räume bewegt.
Es ist nicht Ihr erster Belgien-Besuch, 2011 waren Sie beim Passa Porta Festival in Brüssel. Belgien ist ein in Deutschland auffällig wenig bestimmtes Land. Was ist Ihr Eindruck?
Der Eindruck, den wir von Belgien haben, wird sehr stark von Brüssel überlagert, und „Brüssel“ ist ein Symbol für die europäische Politik. Dahinter verschwindet Belgien als Land aus Sicht der Deutschen.
Der Journalist und Autor Roderik Six (Knack) findet, Sie sollten 2023 den Literaturnobelpreis gewinnen. Wie sehen Sie Ihre Chancen?
Chancen? Keine Ahnung. Aber freuen würde ich mich natürlich. Biografie
Juli Zeh (*1974 in Bonn) hat in Leipzig Jura und Literatur studiert. Ihr erster Roman Adler und Engel (2001) war sofort ein Welterfolg und wurde mittlerweile in 24 Sprachen übersetzt. Es folgten die Romane Spieltrieb (2004), Schilf (2007) und Corpus Delicti (2009) sowie ein Kinderbuch und ein Reisebuch über Bosnien. Außerdem verfasst sie regelmäßig Artikel, Essays und Bücher zu Themen wie Sicherheitspolitik, Bürgerrechte, Kapitalismus und Europa, so u.a. mit ihrem Buch Angriff auf die Freiheit (2009, zusammen mit Ilija Trojanow) und Die Diktatur der Demokraten (2012). Juli Zeh wurde für ihr Werk schon früh und vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Deutschen Bücherpreis (2002). Sie lebt und arbeitet auf dem Land in Brandenburg.
Juli Zeh (*1974 in Bonn) hat in Leipzig Jura und Literatur studiert. Ihr erster Roman Adler und Engel (2001) war sofort ein Welterfolg und wurde mittlerweile in 24 Sprachen übersetzt. Es folgten die Romane Spieltrieb (2004), Schilf (2007) und Corpus Delicti (2009) sowie ein Kinderbuch und ein Reisebuch über Bosnien. Außerdem verfasst sie regelmäßig Artikel, Essays und Bücher zu Themen wie Sicherheitspolitik, Bürgerrechte, Kapitalismus und Europa, so u.a. mit ihrem Buch Angriff auf die Freiheit (2009, zusammen mit Ilija Trojanow) und Die Diktatur der Demokraten (2012). Juli Zeh wurde für ihr Werk schon früh und vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Deutschen Bücherpreis (2002). Sie lebt und arbeitet auf dem Land in Brandenburg.
Cordula Singer
führte das Gespräch. Sie ist Redakteurin für Goethe.de/bruessel/kultur am Goethe-Institut Brüssel.
Copyright: Goethe-Institut Belgien
April 2013
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@bruessel.goethe.org
führte das Gespräch. Sie ist Redakteurin für Goethe.de/bruessel/kultur am Goethe-Institut Brüssel.
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April 2013
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