Europäische Träume

Auf ihrer anderthalbjährigen Reise durch Europa wird „United States of Europe“ im Herbst 2012 in der Dresdner Motorenhalle gezeigt. Das Projekt widmet sich einer alten Utopie und eröffnet verschiedene Perspektiven auf die europäische Einigung.
Sehnsucht und Ironie
Beim Eintritt in die Motorenhalle wird man von einem Lied empfangen. Eine junge Männerstimme singt, begleitet von einfachen Schlagzeugrhythmen und Gitarrenmelodien. Auf die Wand neben der Eingangstür wird das Video „Ausgeträumt“ von Deimantas Narkevičius projiziert. Eine Gruppe Jugendlicher, darunter der Sohn des Künstlers, spielt minimalistische Indie-Rockmusik in einer Kantine aus Sowjetzeiten.Dazwischen bewegt sich die Kamera durch das verschneite Vilnius, über schneegesäumten Fernstraßen in tadellosem Zustand. Bildsprache und Musik des Videos vermitteln das Gefühl der Sehnsucht nach Zugehörigkeit, gleichzeitig schaffen die Schneelandschaft und der unverständliche Liedtext Distanz. Wessen Traum wurde hier ausgeträumt und wo ist man erwacht?
Ein paar Schritte weiter hängt eine Reihe großformatiger Fotoporträts, die junge Männer in schwarzen Oberteilen zeigt, kahl rasiert, mit heller Haut und hellen Augen. Tanja Muravskaja wirft mit ihrer Serie „Estonian Race“ einen ironischen und auch beängstigenden Blick auf die europäischen Konstrukte von Rasse und nationaler Identität, die sich auch im Europa des 21. Jahrhunderts hartnäckig halten.
Narkevičius‘ und Muravskajas Arbeiten sind zwei Beispiele für den breiten Interpretationsradius, mit dem die Ausstellung „United States of Europe“ eine Jahrhunderte alte Utopie und ihre heutige Verkörperung unter die künstlerische Lupe nimmt. Die Projektidee, derzeit aktueller denn je, entstand noch vor der EU-Wirtschaftskrise. Nach der niedrigen Beteiligung an der letzten Europawahl wollte Johanna Suo, Initiatorin und Managerin des Projekts sowie selbsterklärte Europäerin, herausfinden, inwieweit sich die Menschen in Europa mit dieser Gemeinschaft überhaupt identifizieren, und dazu eine Diskussionsplattform schaffen.
Kuratiert wurde die Ausstellung von Anna Bitkina, Sinziana Ravini und Richard Kluszczynski. Sie wählten Videoinstallationen und Fotoarbeiten von zwölf Einzelkünstlern und zwei Künstlerduos aus verschiedenen Ländern der Europäischen Union aus. Präsentiert wird dieses kurzweilige Konglomerat zusammen mit 50 von Soziologen geführten Videointerviews, in denen Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen ihre persönliche Sicht auf Europa erzählen.
Interaktion im Laboratorium
Die Verbindung zwischen den künstlerischen und soziologischen Aspekten des Ausstellungsthemas stellt das interaktive „Laboratorium“ des lettischen Multimediakünstlers Jānis Garančs her. In dieser zeitweiligen diplomatischen Vertretung der Vereinigten Staaten von Europa sehen die Besucherinnen und Besucher die Videointerviews oder tauchen in die 3-D-Projektionen des Künstlers ein.
Über Touchscreens können sie ein Quiz über Europa lösen und ihre persönliche Sicht zum Thema der Ausstellung hinterlassen. Zu dieser Beteiligung sind auch alle Internetnutzer über die Webseite des Projekts www.go-use.eu aufgerufen. Hier erfährt man, wie die Menschen über Europa denken. Am Ende der Ausstellung sollen die Ergebnisse aus der Interaktion mit dem Publikum in öffentliche Diskussionen mit Vertretern aus Kultur und Politik einfließen, die in Paris und Brüssel stattfinden.
Europatour: Wo ist mein Zuhause?
Die Ausstellung wurde von zehn europäischen Partnerorganisationen unter der Leitung des Goethe-Instituts Paris organisiert. Nach Łódź, Helsinki, Vilnius, Guimarães und Nicosia ist sie nun an der sechsten Station ihrer Reise, in der Motorenhalle in Dresden, zu sehen. 8.600 Besucher hatte sie vorher in Guimarães angelockt. Mit „U.S.E.“ wurde in der europäischen Kulturhauptstadt 2012 im Norden Portugals ein neues Museum auf der Plataforma das Artes eröffnet.
Leider fehlt in Dresden die finnische Künstlerin Karina Kaikkonen. In Łódź beispielsweise wurde ihre mehrere Quadratmeter bedeckende Installation „A connection“ aus zusammengeknoteten Kleidungsstücken gezeigt und in Helsinki und Vilnius konnte man am Bahnhof und im Flughafengebäude „Where is my home“ sehen, das aus Koffern gebaute Haus. Mit Kaikkonens Arbeiten stellt die Ausstellung im öffentlichen Raum einen Kanal zwischen zeitgenössischer Kunst und einem breiten, nicht kunstinteressierten Publikum her.
Knapper Raum für zeitgenössische Kunst
Für die großangelegte Exposition, in der allein die Videoinstallation „Risikogesellschaft“ des Künstlerduos Reinigungsgesellschaft eine vier Meter breite Projektionsfläche einnimmt, ist die Motorenhalle eigentlich zu klein. Vom Konzept her passt „U.S.E.“ aber sehr gut in dieses Projektzentrum für zeitgenössische Kunst in der Dresdner Friedrichstadt, dessen Ausstellungen und Projekte international organisiert sind und sich aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen widmen. Und wegen des knappen Raums für zeitgenössische Kunst in der sächsischen Hauptstadt bietet dieser Ort möglicherweise gar die einzige Möglichkeit für die Präsentation der Ausstellung in Dresden. Das Zentrum gehört zum Kunst- und Kulturverein riesa efau, der unter anderem mit europäischen Geldern gefördert wird.
Die eingängige Melodie aus dem litauischen Video begleitet einen während des ganzen Ausstellungsbesuchs. Und als man die Motorenhalle längst verlassen hat, klingt sie weiter im Kopf nach. Bis Mai 2013 wird die Ausstellung noch in Sofia, Paris, Cork und Brüssel zu sehen sein und dafür sorgen, dass der Traum vom vereinten Europa nicht mehr ausgeträumt werden kann.
studierte Russistik und Neuere deutsche Literatur in Berlin und Moskau und lebt als freie Autorin und Übersetzerin in Dresden.
Copyright: Goethe-Institut Paris
November 2012
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veronique.zablot@paris.goethe.org
Links zum Thema
- „Meine einzige feste Adresse ist meine E-Mail-Adresse“. Interview über die Ausstellung


- Lied „Ausgeträumt“

- Motorenhalle. Projektzentrum für zeitgenössische Kunst (Ausstellungsort in Dresden)

- Videoinstallation „Risikogesellschaft“ des Künstlerduos Reinigungsgesellschaft auf vimeo.com

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