Theater der Welt

Das Ruhrgebiet ist 2010 Kulturhauptstadt, und an entsprechenden Veranstaltungen herrscht zwischen Duisburg und Bochum wahrlich kein Mangel. Das dreiwöchige Festival Theater der Welt, das noch bis zum 17. Juli in Mülheim und Essen stattfindet, ragt in mindestens zwei Aspekten aus dem umfangreichen Kulturprogramm heraus.
Zunächst einmal ist da die Person Frie Leysen. Hinter der zierlichen Erscheinung verbirgt sich eine der großen Theatermacherinnen im gegenwärtigen Europa. Am zweiten Abend des Festivals steht sie mit ihrer weißen Mähne rauchend vor der Mülheimer Stadthalle – wie immer in lebhafte Gespräche mit Künstlern und Gästen verstrickt. In Brüssel hat sie über zehn Jahre hinweg das Kunstenfestivaldesarts zu einem mehrsprachigen und interdisziplinären Begegnungsort auf- und ausgebaut. Es ist das erste Mal, dass das nur alle drei Jahre ausgerichtete Theater der Welt eine nicht-deutsche Programmdirektorin berufen hat.
Zweitens ist da die bei deutschen Theaterfestivals vermutlich einzigartige Internationalität des Programms. Die Künstler hinter den 32 Produktionen der diesjährigen Ausgabe kommen aus Tokio, Johannesburg und Helsinki. Dabei gilt die Faustregel, dass das Geschehen auf der Bühne in der Originalsprache stattfindet und auf Deutsch übertitelt wird. Damit setzt das Festival seit vielen Jahren auf eine Organisationsform, die an einer Reihe deutscher Spielstätten auch im laufenden Betrieb zunehmend zum Einsatz kommt. In Brüssel gehört sie selbstverständlich zum Alltag der Kunstszene.
Gabriel Garrido / Claudio Valdés Kuri: Montezuma
Zur Eröffnung hat Leysen die Barockoper Montezuma ausgewählt. Das 1755 in Berlin uraufgeführte Werk ist eine Gemeinschaftsproduktion des preußischen Hofkapellmeisters Carl Heinrich Graun und des literarisch interessierten Königs Friedrich II., der das Libretto verfasste. Es geht um die Eroberung des Aztekenreichs durch den Spanier Cortes zu Beginn des 16. Jahrhunderts, wobei dieser mehrjährige Prozess für die Bühne auf einen Tag verdichtet wird. Das Libretto stellt in recht holzschnittartig die machtgierigen Spanier den „edlen Wilden“ gegenüber, die in rührender Ergebenheit an ihre Naturgötter leben und auch die Eindringlinge aufgrund ihrer Waffen und Pferde zunächst für Götter halten. Diese Darstellung sagt vermutlich mehr über Friedrichs Idealbild des aufgeklärten Herrschers als über die geschichtlichen Abläufe aus.
Wie könnte nun diese Geschichte aus einer lateinamerikanischen Perspektive aussehen? Um das zu erfahren, lud Leysen den mexikanischen Regisseur Claudio Valdés Kuri und den argentinischen Dirigenten Gabriel Garrido ein, die Oper in Mülheim auf die Bühne zu bringen.
Musikalisch bleibt die Antwort zunächst im Rahmen des europäischen Erwartungshorizonts. Zu Recht weist Garrido darauf hin, dass Oper nun einmal ein zutiefst europäisches (oder gar italienisches) Genre ist. Wie im Barock typisch, werden auch in Mülheim die männlichen Rollen in hohen Stimmlagen gesungen. Überraschender ist der Hinweis, dass es auch in Mexiko Barockkomponisten gab. Dieser Brückenschlag gelingt im letzten Akt durch die Integration der Albricias Mortales von Manuel de Sumaya, der zu Zeiten Händels und Bachs Kapellmeister an einer Kathedrale war – allerdings in Mexiko-Stadt.
In der Regie fallen vor allem die zeitgenössischen Bezüge auf. Als Montezuma bereits im Kerker sitzt und seine Braut Eupaforice zum Aufstand mobilisiert, erscheint das Volk mit „Tierra y libertad“-Plakaten, einem Slogan der mexikanischen Revolution 1910. An Stelle der deutschen Übertitel werden immer wieder Konzernlogos von Nestlé bis Monsanto eingeblendet – sie legen die Interpretation nahe, dass Mexiko auch heute noch von Europa oder den USA aus gelenkt wird und sich lediglich die Mittel seit Montezumas Zeiten gewandelt haben.
Berlin: Tagfish
Der „Außenseiter“-Blick ist auch der Produktion Tagfish eigen, welche die Debatte um die Konversion ehemaliger Industrieflächen aufgreift. Das aus Antwerpen stammende Videokunst-Duo „Berlin“ konstruiert eine Ruhrgebiets-Debatte, wie sie in der Realität nie stattgefunden hat. Statt Verwaltungsdirektoren und Stadtplanern aus Fleisch und Blut sitzen sechs Videoleinwände um einen Konferenztisch, auf die Aufnahmen dieser Personen projiziert werden. Die Ausgangssituation ist simpel: ein Ölscheich aus Dubai hat Interesse gezeigt, auf dem Gelände der stillgelegten Zeche Zollverein für viel Geld ein Luxushotel zu bauen. Was folgt, ist ein jahrelanger Irrlauf durch Verwaltungsgremien, der hier im Zeitraffer abläuft.
Am Ende verstreicht die Gelegenheit ungenutzt, der Scheich investiert anderenorts. Das liegt nicht an individuellem Zögern – jeweils alleine sind die Beteiligten durchaus guten Willens –, sondern an der kollektiven Starrheit der Flächenbebauungspläne und Denkmalschutzkriterien. Das Duo „Berlin“, das seine ungewöhnliche Produktion als „Dokufiktionspanel“ bezeichnet, widmet sich bereits seit rund fünf Jahren filmischen Porträts von Städten und Regionen. Bei der Premiere von Tagfish im Mülheimer Ringlokschuppen überzeugte „Berlin“ mit der perfekten Orchestrierung seines Videomaterials und der schonungslos-amüsanten Bloßlegung der Worthülsen der Stadtplaner. Eine herzhafte Dosis holpriges Englisch, wie es in Deutschland noch weit verbreitet ist, tut ihr Übriges.
Guy Cassiers: De man zonder eigenschappen I
Interessante Einblicke verspricht ferner die neueste Produktion von Guy Cassiers. Sie läuft erst zum Ende des Festivals in Essen, hatte aber bereits im Juni in Antwerpen Premiere. Cassiers, Intendant am dortigen Toneelhuis, wagt sich an Robert Musils zweitausendseitigen (und doch unvollendeten) Roman Der Mann ohne Eigenschaften. In Essen ist der erste von drei geplanten Teilen zu sehen. Was bewegt Theatermacher zu einer derartigen Kamikazeaktion? Was ist heute relevant an diesem außerhalb literarischer Seminare kaum gelesenen Roman?
Es gibt mehrere mögliche Antworten. Was die Form betrifft, bezeichnet sich Cassiers mit Vorliebe als Quereinsteiger. Vor der Hinwendung zur Bühne studierte er Grafikdesign. Ergo möchte er Theater von den Rändern her denken, und dazu gehört auch ein Faible für Adaptionen von (Jahrhundert-)Romanen (auch Prousts Suche nach der verlorenen Zeit war bereits an der Reihe). Was den Inhalt betrifft, spielt der Beginn der Romans am Ende eines Zeitalters. Es sind die letzten Jahre der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, der erste Weltkrieg steht greifbar vor der Tür. Dennoch machen die alten Eliten in der sogenannten „Parallelaktion“ Pläne für die Ewigkeit – das siebzigste Thronjubiläum von Franz Joseph I. im Jahr 1918. Diese Verblendung, dieses Festhalten am Althergebrachten lässt sich leicht in die Gegenwart übertragen, in der diverse Krisen radikales Umdenken erfordern würden.
Tom Dewispelaere spielt Musils Protagonisten Ulrich souverän als charismatische, aber auch sehr berechnende und prinzipienarme Person. Herausragend unter den Schauspielern sind ferner Johan van Assche in der Rolle des ungeliebten preußischen Unternehmers und Schöngeists Arnheim und Gilda de Bal als Diotima. Diese Wiener Adelige, vom täglichen Kampf gegen den ennui ermattet, merkt schließlich, „dass [sie] etwas verloren hat, von dem sie zuvor gar nicht wusste, dass [sie] es besaß: eine Seele“.
Visuell serviert Cassiers ein anspruchsvolles Menü. Dazu gehören nicht nur Video-close-ups von durchaus auf der Bühne stehenden Figuren, sondern auch der raffinierte Einsatz großformatiger Bilder. In einer Szene stehen die an der Parallelaktion beteiligten Honoratioren an einem langen Tisch. Später entpuppt sich der Tisch als Leinwand, auf die ein Ausschnitt aus da Vincis Letztem Abendmahl projiziert wird. Das ganze Gemälde erscheint erst später. An solchen Überraschungen ist Der Mann ohne Eigenschaften reich, und sie wirken nach, wenn man das Theater schon lange verlassen hat.
Praktische Informationen
Theater der Welt, Mülheim an der Ruhr & Essen, 30. Juni bis 17. Juli 2010
• Guy Cassiers, De Man zonder Eigenschappen I, Grillo Theater Essen, 15. bis 17. Juli
• Berlin, Moscow, Pact / Zollverein Essen, 13., 15. und 16. Juli
• Dmitry Krymov, Opus No. 7, Zollverein / Salzlager Essen, 15. bis 17. Juli
Karten von 9 bis 20 €
Kartenbestellung
• Telefonisch unter +49 201 812 22 00
• Online (s. Link unten)
Fahrzeiten (Pkw, laut Internet-Routenplaner)
• Brüssel-Essen: 2h18
• Lüttich-Essen: 1h44
• Hasselt-Essen: 1h41
Theater der Welt, Mülheim an der Ruhr & Essen, 30. Juni bis 17. Juli 2010
• Guy Cassiers, De Man zonder Eigenschappen I, Grillo Theater Essen, 15. bis 17. Juli
• Berlin, Moscow, Pact / Zollverein Essen, 13., 15. und 16. Juli
• Dmitry Krymov, Opus No. 7, Zollverein / Salzlager Essen, 15. bis 17. Juli
Karten von 9 bis 20 €
Kartenbestellung
• Telefonisch unter +49 201 812 22 00
• Online (s. Link unten)
Fahrzeiten (Pkw, laut Internet-Routenplaner)
• Brüssel-Essen: 2h18
• Lüttich-Essen: 1h44
• Hasselt-Essen: 1h41








