Kultur grenzenlos

Tanz im Dreiländereck: Pays de Danses 2012

© Uiko Watanabe Eine berührende Choreografie von Constanza Macras bildet den Auftakt des diesjährigen Festivals im Dreiländereck Belgien-Deutschland-Niederlande. Pays de Danses nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise in die Mythologie, neue Kunstwelten – und in die Nachbarländer.

Der Saal ist bis zum letzten Platz gefüllt und doch ist es mucksmäuschenstill, als eine Tänzerin ihre engen Pirouetten dreht, um sich dann auf den Boden fallen zu lassen. In lateinischen Gesängen wird die antike Tragödie von König Oedipus erzählt, dessen grausames Schicksal es ist, seinen Vater umzubringen und seine Mutter zur Frau zu nehmen. Die Musik klingt dabei teils theatralisch, teils fröhlich – und bleibt trotz der großartigen Leistung des Orchestre Philharmonique Royal de Liège und des Eupener Marienchors bei dieser Inszenierung doch im Hintergrund. Die volle Aufmerksamkeit gilt den Tänzern, die in beklemmenden Bewegungen die ganze Dramatik der Geschichte zum Ausdruck bringen und dabei so oft in die Knie gezwungen werden, dass sie Gelenkschoner tragen müssen. Denn von nicht weniger als einem „Monumentalbild der Geschichte“ handelt das Stück Oedipus Rex, das die Choreografin Constanza Macras in der Fassung von Igor Strawinsky und Jean Cocteau Anfang Februar 2012 in Lüttich auf die Bühne gebracht hat.

Sehnsucht nach Chaos

© Constanza Macras - Oedipus RexConstanza Macras ist auf Einladung des Goethe-Instituts nach Lüttich gekommen, um dem Publikum persönlich Frage und Antwort zu stehen. Für ihre choreografische Interpretation hat sie sich von Fotografien des kanadischen Künstlers Jeff Walls inspirieren lassen und Jean Cocteaus „tableaux mouvants“ neues Leben einflößen wollen. Die Wahl für Sophokles Stück hat Macras ganz bewusst getroffen: „Das Faszinierende an der Tragödie ist der absolute Kontrollverlust, nach dem wir uns auch heute immer sehnen“, erläutert die Wahl-Berlinerin mit argentinischen Wurzeln. Chaos vermittelt auch das ungewöhnliche Bühnenbild der japanischen Künstlerin Chiharu Shiota. Von der Decke herabhängende Möbel und Gegenstände werden immer wieder heruntergelassen und in die Aufführung integriert – etwa, als ein Tänzer am Ende des Stücks durch ein Kinderbett ohne Boden hindurchkriecht und damit auf die Freud’sche Interpretation der Oedipus-Geschichte anspielt.

Die Inszenierung, eine länderübergreifende Koproduktion des Theaters Hebbel am Ufer in Berlin und des Théâtre de la Place in Lüttich, sei eine sehr komplexe Angelegenheit gewesen, gesteht Serge Rangoni, Intendant des Théâtre de la Place. Die Bedingungen in Lüttich seien nicht mit denen an deutschen Theatern zu vergleichen, wo man mit einem festen Orchester und Chor arbeiten könne. Davon ist allerdings bei Oedipus Rex nichts zu merken, was sicherlich auch darauf zurückzuführen ist, dass Macras den Orchesterleiter Max Renne eng in die Produktion eingebunden hat. Auch in der Vergangenheit hat Rangoni schon mit Macras erfolgreich zusammengearbeitet und sich besonders gefreut, sie für die Auftaktveranstaltung des diesjährigen Pays de Danses gewinnen zu können.

Austausch und Grenzenlosigkeit

© Fernando Martin Vom 1. Februar bis 3. März 2012 findet Pays de Danses statt, das einzige Festival für modernen Tanz in der Euregio Belgien-Deutschland-Niederlande. Das Thema der diesjährigen Ausgabe ist die Mythologie, da „gerade in Zeiten von Krisen eine Rückbesinnung auf das Alte und Vergangene eine sehr gängige Reaktion ist“, wie Serge Rangoni erklärt. Mit dem Festival möchte der Theaterdirektor den in der Region seit jeher bestehenden engen Austausch der drei Länder erweitern und die Zuschauer auf eine Reise mitnehmen. „Die sich bewegenden Körper sind ein Ausdruck der Grenzenlosigkeit und können den Zuschauer mitreißen“, meint Rangoni.

Fünf Wochen lang zeigt das Festival in Maastricht, Lüttich, Seraing, Ans, Eupen, Huy, Chênée, Verviers, Engis, Hasselt und Aachen hochkarätige Stücke von Künstlern aus allen Teilnehmerländern. Ein Höhepunkt ist sicherlich die Choreografie von Claudia Castellucci, die sich wie Macras für eine Strawinsky-Interpretation entschieden hat und sein Werk Le Sacre du Printemps unter dem Titel La sconda Neanderthal inszeniert hat. Mythologie ist Motto, aber nicht Pflichtprogramm. Der belgische Künstler Fernando Martin beispielsweise nimmt das Publikum in So call me I.K. & Friends auf eine surreale Reise in verschiedene Kunstwelten mit, und die für Belgien auftretende Japanerin Uiko Watanabe setzt mit Foodstory das Thema Nahrungsmittel in Szene. Parallel zu den Bühnenstücken wird in Huy die Tanz-Ausstellung Corps et âmes gezeigt. © Uiko Watanabe Und wer noch nicht genug vom zeitgenössischen Tanz hat, kann bis 3. April 2012 das schrit_tmacher Festival in Aachen und Heerlen besuchen.

Bis zum nächsten Pays de Danses ist es nämlich noch eine Weile hin. Wohin die Reise 2014 gehen wird? Serge Rangoni will sich noch nicht festlegen. Nur so viel ist sicher: In Lüttich wird auf neuen Brettern getanzt werden, da die Renovierungsarbeiten am Gebäude der Société libre d’Emulation bis dahin abgeschlossen sein sollten.

Praktische Informationen

Pays de Danses – biennale euregio festival:
01.02.–03.03.2012, Belgien, Deutschland und Niederlande

schrit_tmacher – just dance! :
25.02.–03.04.2012, Aachen und Heerlen
Cordula Singer
ist Internet-Redakteurin am Goethe-Institut Brüssel.

Copyright: Goethe-Institut Brüssel
Februar 2012

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