Kristien Aertssen: „Was im Bild zu sehen ist, darf nicht im Text stehen“

Es gibt schon Arbeit, aber eben hauptsächlich für Zeitschriften und Bücher. Davon kann man nur sehr schwer leben. Jeder Illustrator muss sich seine Karriere langsam aufbauen. Ich habe immer gleichzeitig Unterricht gegeben.
In Ihren Bildern geht es meist recht „bunt“ zu. Dabei sind Sie teilweise farbenblind. Ist das ein Hindernis?
Überhaupt nicht! Ich habe sehe nur Grautöne nicht so gut, daher verwende ich in meinen Illustrationen gern grelle Farben. Sie sind fröhlich und passen zu humorvollen Geschichten.
Kommt das auch bei den Kindern gut an?
Bestimmt ist das so. Außerdem passen die Farben auch zu meiner Art zu zeichnen, oft stecken Details darin.
Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
Ich habe mich vor allem vom naiven Stil inspirieren lassen. Ich verwende praktisch keine Perspektive. Meine Illustrationen sind auch ausgesprochen grafisch, ich finde die Komposition eines Bildes sehr wichtig. Oft finden sich darin auch Gegensätze wie groβ – klein, mein Stil ist also auch humoristisch.
Illustrieren Sie auch Bücher für Erwachsene? Wählen Sie dann einen anderen Stil?
Ja, manchmal illustriere ich Gedichte, aber ich illustriere keine Texte; früher habe ich auch Buchcover gemacht. Ich wähle dann keinen anderen Stil, ich kann nur mehr experimentieren. Beispielsweise mische ich viele Techniken – Pastell, Schwarz-Weiβ, Farben, alles durcheinander.
„Fast jeder Illustrator ist von Wolf Erlbruch inspiriert“
Lassen Sie sich auch von anderen Illustratoren inspirieren?
Natürlich, von verschiedenen. Unter anderem auch von Wolf Erlbruch, wie fast jeder Illustrator, glaube ich. Manche sagen, dass mein Stil auch dem von Rotraut Susanne Berner gleicht, obwohl ich das eigentlich nicht finde (lacht).
Lassen Sie in Ihre Bücher landestypische Elemente einfließen?
Nicht wirklich. In Als Oma ein Vogel wurde (Vogeltje lief) geht es zum Beispiel um einen Kirschbaum. Dazu habe ich mir einen echten Kirschbaum angeschaut. Die Vögel entstammen meiner Fantasie. Vielleicht werde ich durch Landschaften der primitiven und naiven Kunst stärker beeinflusst, aber ich sehe mir auch indische Miniaturen an und lasse mich von dekorativen Landschaften inspirieren.
Werden so Ihre Bilder auch im Ausland leicht verstanden?
In Deutschland hat Ihr Buch „Die Schmusekönigin“ („De Knuffelkonigin“) viel Erfolg. Was macht das Buch so beliebt?
Es war eine Geschichte für meine Stieftochter, die ihre Mutter verloren hat. Darauf basierte die Geschichte. Es geht um ein Kind, dessen Mutter keine Zeit hat, und das sich deshalb auf die Suche nach der Schmusekönigin macht, mit der sie viele schöne Dinge tut, aber abends möchte sie doch wieder zurück nach Hause. Es ist ein Buch für alle Kinder. Mir wird auch oft gesagt, dass die Kinder darum bitten, es immer wieder aufs Neue zu lesen. Das ist hier so, in Deutschland, in Frankreich und in Italien …
„Kinderbücher haben es in Deutschland offenbar nicht so leicht“
Sie haben gesagt, dass in Bilderbüchern Geschichte und Fantasie enthalten sein sollten. Wie setzen Sie das um? Einige Texte schreibe ich selbst. Manchmal illustriere ich auch die Texte von jemand anderem, dabei geht es mir wie den meisten Illustratoren: Sobald ich den Text lese, muss ich Bilder sehen. Vor allem Gedichte illustriere ich gern, da sie sehr viel Fantasie enthalten. Gehen Ihre Bilder dann über den Text hinaus? Bild und Text ergänzen einander; was im Bild zu sehen ist, darf nicht im Text stehen und umgekehrt. Wenn ich die Zeichnungen für einen Text mache, sagt der Herausgeber oft: Dieser Satz kann weggelassen werden, weil die Information bereits in der Illustration steckt. Manchmal kann man auch Dinge, die im Text ziemlich „offen“ sind, in einer Zeichnung verdeutlichen. Das habe ich beispielsweise in einer Geschichte getan, in der eine Königin explodiert. Da sieht man eine Menge Farben, wie Konfetti.
Ihre Bücher erscheinen oft erst in Frankreich und dann in Belgien. Womit hängt das Ihrer Meinung nach zusammen? Wie erfolgreich sind Ihre Bücher in Wallonien?
Meine Bücher kamen schon seit langem in Belgien heraus, aber eigentlich war ich auf der Suche nach einem anderen Verleger. Eines Tages traf ich eine Dame vom französischen Verlag Pastel. Sie ist inzwischen pensioniert, aber sie hat mir immer gut geholfen.
Werden Sie dann auch eher zu Lesungen nach Frankreich als in die Wallonie eingeladen?
Ja. In Wallonien habe ich auch schon einige Lesungen veranstaltet. Aber in Frankreich gibt es sehr viele Buchmessen, die Illustratoren und Autoren des Verlages L’école des loisirs besuchen müssen. Ich fahre auch sehr, sehr gern nach Frankreich.
Gehen Sie auch manchmal in Deutschland auf Lesereise?
Kinderbücher haben es in Deutschland offenbar nicht so leicht, obwohl sich die Situation bereits ein wenig gebessert hat. Ich habe zwar schon ein paar Bücher veröffentlicht, aber zurzeit gibt es noch keine Lesungen. Als Oma ein Vogel wurde ist gerade erschienen und sie sagen, dass es eigentlich schon gut läuft, also vielleicht kommt es noch …führte das Gespräch. Sie arbeitet als Internetredakteurin am Goethe-Institut Brüssel.
Copyright: Goethe-Institut Brüssel
Mai 2011
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