Deutschland im Bild
Heutzutage dreht sich eine verrückte Roulette vor unseren Augen . Bei diesem Spiel hat Deutschland, mit all den bekannten Implikationen, die schwierige Rolle des wichtigsten Croupiers zu spielen. Aber die Ergebnisse einer Umfrage, die vor ein paar Monaten geführt wurde, als diese Athmosphäre eines Spielcasinos noch nicht eingetreten war, erwecken bei den europäischen Partnern das Bild eines starken Landes, das von Kanzlerin Angela Merkel geleitet wird.
Es geht um eine Gruppe von zehn Fragen, die an 13 000 Menschen in achtzehn verschiedenen Ländern gestellt wurden. Gemessen an der Form wie die Antworten organisiert sind, kommt der Wirksamkeit des Berichts ausserdem noch der gute Sinn für Humor hinzu. Selbstverständlich ist es nicht möglich, einer Aufzählung von Gefühlen die Wichtigkeit einer wissenschaftlichen Studie beizumessen. Umfragen dieser Art erinnern an frühere Gesellschaftsspiele, wie beispielsweise das Spiel, bei dem man den Wachs einer brennenden Kerze in einen Wasserbehälter tropfen liess und dann, als die entstehende Figur erschien, der heiratsfähigen jungen Frau den Beruf des zukünftigen Gatten bekanntgab. Dabei stellte sich die Frage, ob die Form eines Bootes einen Fischer, einen Fischerboot oder einen Marinekommandanten ankündigte. Belassen wir es jetzt bei der Form eines Bootes.
Was zeigt diese interessante Umfrage?
Sie zeigt, daβ die europäischen Bürger Deutschland für ihre Kultur bewundern, ihre Vergangenheit fürchten, aber an ihre Gegenwart glauben. Es stimmt, dass bei dieser Art von Wertung der Wertende auch sich selbst charakterisiert. Es ist trotzdem beeindruckend, wieviele Namen die Befragten erwähnen, die zu der Liste der bedeutensten deutschen Persönlichkeiten im Lande Goethes gehören. Goethe natürlich, aber auch Einstein, Karl Marx, Nietzsche, Beethoven, Bach und Luther befinden sich nicht nur an den obersten Stellen, sie beherrschen ausserdem den allergröβten Teil der Umfrage. Wenn man diese erste Frage mit der letzten – Was gefällt Ihnen bei den Deutschen am meisten?- verbindet, vervollständigt sich die Antwort, da die deutsche Kultur, Sprache, Musik, Kunst, gemeinsam mit anderen Aspekten wie die Organisation, die Zuverlässigkeit, das Pflichtgefühl und die Ökologie als wichtigste Merkmale angegeben werden. Bei einigen Ländern, wie Griechenland oder Italien, werden Persönlichkeiten aus der Politik nur an letzter Stelle erwähnt. Kultur ist das Merkmal, das sich bei dieser Umfrage als erstes Kennzeichen eines Landes herausstellt, welches sich einer Bewertung durch Andere aussetzt.
Die vorletzte Frage wird allerdings in einem gegensätzlichen Sinn formuliert - Was gefällt Ihnen nicht an Deutschland? Wenn man nun diese Frage mit der siebten verknüpft – Welches historisches Moment verbinden Sie mit Deutschland? – erkennen wir bei der Verbindung der verschidenen Aspekte einige Merkmale, die einen noch nicht ganz überbrückten Zorn anzeigen. Mit einer gewissen Beständigkeit erscheinen Arroganz und Fremdenfeindlichkeit als Antwort auf die erste, sowie Zweiter Weltkrieg und Holocaust als Antwort auf die zweite Frage. Genau dasselbe zeichnet die 324 Befragten aus, die für Portugal geantwortet haben. Trotzdem ist es nicht das Spiel Freud/Furcht, das bei den Ergebnissen dieser Umfrage erstaunlich ist. Es ist dessen Gegenteil.
Der erste Grund hängt mit der Tatsache zusammen, daβ sich die groβe Mehrheit der Antworten auf das wichtigste historische Ereignis, zweifellos der Fall der Berliner Mauer, im November 1989, bezieht. Wenn man diese Tausende Antworten sieht, versteht man, daβ Europa das moderne Deutschland im Zusammenhang mit dem Zeitpunkt verbindet, als eine Wand auseinandergenommen wurde. Am zweiten Tag hat Rostropovitch seinen Violoncello genommen und die erste Cello-Suite von Bach, als Lob an die Zurückgewinnung der Geschichte, gespielt. Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung ist der höchste Punkt der Emphase durch alle Antwortenden. Im Bild dieses Festes, welche die Europäer als Allerhöchstes ansehen, zeigt die Umfrage, daβ sie ebenfalls wissen, inwieweit die Deutschen stark aber plötzlich auch zerbrechlich sein können und ebenfalls so pragmatisch, daβ sie plötzlich zu Idealisten und zu beispielhaften Wiederhersteller werden.
Aber es kommt noch eine andere Besonderheit hinzu. Dabei hoffe ich, daβ ich am Bild des Bootes keinen Kommodorensohn als versprochenen Bräutigam hineinlese. Zum Staunen derjeinigen, die sich die Resultate dieser Umfrage ansehen, steht ganz oben als angesehendste Persönlichkeit nicht etwa Willy Brandt, Adenauer oder Helmut Kohl als eifrige Förderer der europäischen Idee, sondern die Person der Angela Merkel. Man kann sagen, daβ die Wirkung des Zeitgenössischen ihren Weg geht. Obwohl man bei den Befragten aus Griechenland und Italien auch das Gegenteil hätte erwarten können, ist es bei beiden Ländern so, daβ sie aus genau demselben Grund Merkels Namen praktisch verschwinden lassen.
Die Portugiesen andererseits, sowie die Spanier, Franzosen und Engländer richten sich nach der Mehrheit und schreiben der Kanzlerin eine entscheidende Rolle zu. Eine Entschlüsselung abwartend, liegt die wachsernde Figur in der Tiefe des Wasserbehälters. Wahrscheinlich sind die Augen der Portugiesen, wie die vieler anderer Europäer, auf Deutschland geheftet. Sie erwarten, daβ Deutschland die Rolle des entscheidenden Motors eines neuen Europas einnimmt. Das heiβt, daβ im bitteren Moment die Portugiesen sich darauf vorbereiten, realistisch zu werden. Um einmal von einer anderen Art von Gefühlen zu sprechen, sollten die Worte eines Griechen erwähnt werden, der zugegeben hat, daβ das einzige Problem von Deutschland die zu groβe geographische Entfernung zu seinem eigenen Land sei.
Deshalb weiβ ich nicht, ob die Deutschen einen Grund haben, mit dem Ergebnis der Umfrage glücklich zu sein. Sie wissen nun, daβ sie angesehen, gemocht und nicht gefürchtet werden. Als Gegenleistung wird jedoch von ihnen gefordert, daβ sie eine in der Umfrage nicht erwähnten Rolle annehmen, für die sie nicht vorbereitet sind.
Artikel der Schriftstellerin über “Die Deutschland-Liste” - eine Umfrage des Goethe –Instituts.
(in: PÚBLICO – Montag, den 3.Oktober 2011, S.31 )
Übersetzung: Guilherme Dutschke






