Czech Republic

    Was gefällt Radka Denemarková an Deutschland?de

    © Regine Mosimann / Diogenes Verlag
    Radka Denemarková

    Radka Denemarková
    Schriftstellerin und Journalistin
    Tschechien
    Wer ist für Sie der oder die bedeutendste Deutsche?
    Johann Wolfgang Goethe und Albert Einstein. Beide aus demselben Grund: für die Breite ihrer Interessen und für ihren lebenslangen Wissensdurst.

    Welches ist für Sie das beste Buch in deutscher Sprache?
    „Der Tod in Venedig“ und „Der Zauberberg“ von Thomas Mann. Franz Kafka und seine „Tagebücher“. Thomas Mann und Franz Kafka sind ein Phänomen, die europäische Kultur ist eine der Quellen der Weltkultur ... Von diesem Gesichtspunkt aus haben die amerikanischen Intellektuellen Amerika im letzten Jahrhundert für eine europäische Kolonie gehalten. Und dann ist es immer das Buch, das ich gerade lese: im Jahr 2010 also „Atemschaukel“ von Herta Müller.

    Welcher ist für Sie der beste deutsche Film?

    Eine Stadt sucht einen Mörder (1931, Fritz Lang). Fontane Effi Briest (1974, Regisseur Rainer Werner Fassbinder). Das weiße Band (2009, Regisseur Michael Haneke). Beim letzteren bin ich mir nicht sicher, ob es ein rein deutscher Film ist, denn viele erheben Anspruch darauf.

    Welches ist für Sie das schönste deutsche Musikstück (egal welche Musikrichtung)?
    Johann Sebastian Bach: Piano Concerto N. 5 in F minor (BWV 1056 – Largo).

    Welches ist für Sie das bedeutendste deutsche Bauwerk?
    Die Hamburgische Staatsoper und die Villa am Ufer des Berliner Wannsees, wo heute das Literarische Colloquium Berlin seinen Sitz hat. In beiden Fällen geht es um eine innige Beziehung.

    Welche ist für Sie die wichtigste Erfindung aus Deutschland?
    Werner Heisenberg und das von ihm 1927 formulierte Prinzip der Unbestimmtheitsrelation, das theoretische Grenzen unserer Fähigkeit spezifiziert, wissenschaftliche Messvorgänge auszuführen. Nach dem Prinzip der Unschärferelation hilft uns eine noch so gute Verbesserung des Messgeräts nicht, die Ergebnisse sind nicht beliebig genau. Das ist für mich auch eine schöne Metapher für das menschliche Bemühen überhaupt.

    Was ist das bedeutendste historische Ereignis, das Sie mit Deutschland verbinden?
    Für mich ist Johannes Gutenberg und seine Erfindung des Buchdrucks in der Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts „historisch“.

    Wer ist für Sie der/die bedeutendste deutsche Sportler/Sportlerin?
    Ich kann nicht anders: wenn man Sport in Deutschland sagt, habe ich die kontroverse Filmemacherin Leni Riefenstahl vor Augen. Sie ist heil durch das ganze zwanzigste Jahrhundert gekommen: auf Skiern, unter Wasser. Und sie hat auch die Körper der Sportler bei den Olympischen Spielen im Jahr 1936 mit der Kamera aufgenommen. Seitdem nehme ich den Leistungsport als verkehrte Ästhetik und unmenschliche Sucht nach Sieg wahr.

    Was gefällt Ihnen überhaupt nicht an Deutschland?
    Manchmal vermisse ich mehr Sinn für Ironie, Boheme und grotesken Humor. Wie sollen wir uns so verstehen?

    Was gefällt Ihnen am besten an Deutschland?

    Die Fähigkeit, sich kritisch zu sehen und aus der Vergangenheit eine Lehre zu ziehen, weiter Gründlichkeit und Zuverlässigkeit und eine gewisse innere Ehrlichkeit. Und auch die Art und Weise, wie hier heute das Prinzip der Bürgergesellschaft funktioniert.

    Ihr Kommentar zum Projekt „Die Deutschland-Liste“:
    Es ist wichtig, sich manchmal mit den Augen der Anderen zu sehen. Um nicht zu vergessen, dass wir nicht der Nabel der Welt sind, sondern Teil einer Absicht, deren Sinn uns verborgen bleibt. Ich freue mich darauf, dass uns im Gegenzug die Deutschen genauso unter die Lupe nehmen …