ЛИСТА ЕВРОПА: В търсене на европейска култура

Mirek Srnkade

Mirek Srnka | © Klára Bergmannová

Mirek Srnka | © Klára Bergmannová

Warum nur wünschen sich laut Umfrage "Europa-Liste" momentan ganze 32 % der Griechen, wenigstens für eine Weile in Deutschland leben zu können? Ironie des Schicksals? Oder eine Art Verdummung verursacht durch die Medien? Liegt es an der nicht repräsentativen Auswahl? Oder ist es das Geld, das jeden Widerspruch zwischen einem griechischen Demonstranten und einem griechischen Freund des Goethe-Instituts im Keim erstickt? Ich habe keine Ahnung. Deshalb also werde ich hier optimistisch frei assoziieren über ein paar ganz entzückende Ergebnisse dieser Umfrage. Und ich gehe einfach mal davon aus, dass diese Ergebnisse wirklich die vorherrschende Meinung in Europa widerspiegeln.

Als Komponist habe ich mit großen Augen gelesen, dass einer der bedeutendsten Beiträge Europas zur Weltkultur die Musik bzw. die E-Musik sei. Darüber hinaus befinden sich unter den zehn wichtigsten Künstlern aller Zeiten die Namen gleich dreier Komponisten: Mozart, Beethoven und Bach... Reden wir hier von derselben Musik, die heute angeblich keine Zuhörer mehr hat? Der keinerlei mediale Aufmerksamkeit mehr zuteil wird? Die man seitens der Politik nicht hinreichend fördert? Danke, liebe "Europa-Liste", auf dich werde ich verweisen, wenn ich mal wieder mit irgendeiner Technokraten-Clique im Clinch liege wegen unzureichender Mittel für die Musik.

An dieses leidige Gerede über Geld und an die neue Teilung Europas in Nord und Süd habe ich unwillkürlich denken müssen, als ich die Antwort auf die Frage nach dem wichtigsten europäischen Bauwerk las. Während die "nördlichen" Franzosen am häufigsten das Brandenburger Tor nannten und die "nördlichen" Deutschen (wie die meisten anderen Nationen auch) den französischen Eiffelturm, haben sich die "südlichen" Griechen für ihre Akropolis entschieden und die "südlichen" Italiener für ihr römisches Kolosseum. Zumindest erfährt man hier einiges über die Verteilung des Selbstbewusstseins innerhalb Europas.

Noch mehr erfährt man aber darüber, woran dieses selbstbewusste Europa beim Antworten garantiert nicht gedacht hat: an die Kirche und an die Religion. Der Freigeist in mir wendet ein, dass wir doch ein zutiefst säkularer Kontinent sind und dass der Glaube Privatsache ist und für unseren Teil der Welt keinerlei Aushängeschild. Aber reicht das wirklich aus? Reicht der Glaube daran, dass jeder glauben kann, was er will? Oder haben wir noch etwas anderes, was uns Europäer zusammenhält?
Haben wir, und zwar den schönsten aller europäischen Filme: "Das Leben ist schön" von Roberto Benigni. Wenn wir über den lachen können, sind wir in der Lage, die allerschrecklichsten Zeiten, die Europa selbst zu verantworten hat, mit Abstand und Humor zu betrachten. Im Unterschied zu anderen Kontinenten brauchen wir nämlich keinerlei schmieriges Pathos oder kitschigen Nationalismus. Die fatalen Fehler, die unserer Identität anhaften, haben wir wohl akzeptiert, denn Menschen können nur lachen, wenn sie auch schuldbewusst sind. Oder um mit Benigni zu sprechen: Im Konzentrationslager-Spiel "verliert jeder, der heult, der zu seiner Mutter will oder der Hunger hat und Appetit auf ein Pausenbrot...". Da läuft es mir kalt den Rücken runter, ich habe einen Kloß im Hals und lache Tränen. Exakt dieses Gefühl ist es, was uns Europäer zusammenhält.

Schließlich kann Deutschland mal wieder einen fast alles vernichtenden Sieg verzeichnen. Fast einstimmig behaupten die Befragten, Deutschland sei beispielhaft für die Zukunft Europas. Und nicht nur die Griechen, sondern die meisten Europäer würden gern einen Teil ihres Lebens in Deutschland verbringen. Der größte Politiker aller Zeiten ist Angela Merkel, die attraktivste europäische Stadt Berlin... Es wäre durchaus interessant, eine europaweite Vergleichsumfrage zu starten und Antworten beispielsweise durch das Institut Français, das Instituto Cervantes oder den British Council einzuholen. Wie dem auch sei, zum Abschluss möchte ich mir hier eine persönliche Bemerkung erlauben: Fast ganz Europa begeht den 8. Mai als Staatsfeiertag, nur die Deutschen arbeiten. Und jedes Jahr erhalte ich vor allem am 8. Mai besonders viele Mails von meinen deutschen Freunden - ganz so, als ob sie an diesem Tag ganz besonders fleißig wären. Ich finde, auch in Deutschland sollte man den 8. Mai als Staatsfeiertag einführen. Die Deutschen haben sich nämlich ordentlich dran abgearbeitet. Und gehen wieder mit gutem Beispiel voran.