ЛИСТА ЕВРОПА: В търсене на европейска култура

Radka Denemarkováde

Radka Denemarková © Milan Malíček

Radka Denemarková © Milan Malíček



EUROPA (10 Überraschungen. Anmerkungen zur „Europa-Liste“)

Erste Überraschung. 55% der Tschechen fühlen sich als Europäer. Manchmal gibt es die Ernüchterung, dass sich die Jugend nicht für die Europäische Union interessiert, sie halten sie für eine Gemeinschaft auf Basis von wirtschaftlichen Bedürfnissen. Sie denken darüber nicht nach, sie sind Europäer. Sie studieren und reisen und haben quer über die Länder und Kontinente verteilt Freunde. Es geht hier eben nicht um Einheit, sondern um gemeinsame Interessen. So bleibt ein einziger Weg, uralt und schwer: Respekt und den Willen haben den Anderen zu begreifen und wahrzunehmen. Zuletzt existiert nur eine einzige Grenze: die zwischen Mensch und Mensch.

Zweite Überraschung. Was die Zukunft Europas betrifft, sind die Tschechen weder optimistisch noch skeptisch. Und als besten europäischen Film wählen sie den Film Kolja des Regisseurs Jan Svěrák. Über das Leben in einem tragischen Land, in dem die Menschen vergessen wollen und denen die zeitgenössische kommerzielle Kunst dabei hilft. Der Ursprung dieser Stimmung ist immer noch das Gefühl, dass wir nur eine Art Puffer zwischen dem Westen und dem Osten sind.

Aber um was geht es uns eigentlich heutzutage? In der Politik? In der Kunst? Um was? Wir sind ein Land, das die Gleichgültigkeit zu allem und jedem vervollkommnet. Und sobald sie Perfektion erlangt hat, können wir sie exportieren. Unabhängig davon scheinen in der Politik Angst und Testosteron zu regieren. Es ist unerlässlich, rücksichtslos zu sein. Es werden politische Machtspiele gespielt, häufiger unter Männern, die ihre privilegierte Stellung schützen und zweifellos sind.

Politik und Film unterscheiden sich in Tschechien nicht. Man fährt keine schweren Geschütze auf. Man schweigt. Tschechische Politiker haben ihre eigene Strategie: an die Macht kommt man nicht, indem man das Establishment zum Duell herausfordert. Erst schafft man sich in ihm einen Platz und dann betrügt man es. Und man verbündet sich mit allen. Keine brutalen Chefs, unauffällige Mäuse. Das sind Dutzende Tragödien und Verirrungen. Denn im Prinzip verbindet diese Männer quer über die Erdteile und Jahrzehnte verteilt nur eins: sie träumen (ohne Ausnahme) von Villen mit Pools, die voll sind von (achtzehnjährigen) Schönheiten. Sie nennen es Séance des erweiterten Bewusstseins. Und noch etwas haben sie gemeinsam: ihre Ambitionen hat der Markt bekehrt. Ja, Angst und Testosteron regieren die tschechische Politik. Und die schönen, geschwätzigen Geschichten des tschechischen Films.

Dritte Überraschung. Preisgekrönte literarische Figuren der europäischen Literatur sind ängstliche und zynische Freaks, wie Don Quijote oder Josef Švejk. Und wir in Tschechien kämpfen gegen Windmühlen mit längst gefallener Švejkscher Strategie. Als ob, wer in einem sozialistischen Land gelebt hat, in einem Besatzungsregime als Vasall Russlands, nicht in einer anderen Welt leben könnte. Die „Parteijugend“ Tschechiens versucht sich heute um einen Kapitalismus „mit sozialistischem Antlitz“: Sieg der Auserwählten, ohne Konkurrenz und freiem Wettbewerb. Sie übernahmen die Mentalität: Unterstütze nicht den talentierten und fähigen Menschen, sondern die Schwächeren nur deswegen, weil sie loyal und skrupellos sind. Alles was die Parteien über die Unterstützung von Kunst predigen, ist eine Lüge. Es gibt schon wieder Geld. Nur haben sie mehr Interesse daran, die kommerzielle sprich die meist konforme Kunst zu fördern.

Unbequem ist es heutzutage für die Roma. Das Verlangen nach Parteivorteilen hat überlebt, die Stellung des Präsidenten gleicht der Stellung eines Monarchen, Zaren. Das ist jener Bazillus des Ostens, der in uns geblieben ist, die Angst vor der Zivilgesellschaft, die Bestrebungen andere auszunutzen, zu umgehen und so zu tun, als wären wir kein Teil Europas, als ob Europa weit weg von uns wäre und sehr lächerlich, wie das Fiasko der tschechischen Politiker in der EU im Jahre 2009 zeigt. Das Gefährliche ist die tschechische Abkapselung, die sich nicht damit beschäftigt, was hinter der Haustür passiert, die Menschen hier haben das Gefühl, dass sie alles am besten verstehen und halten sich für den Nabel der Welt. Es geht immer wieder um Besitz, Herrschaft, Gewalt und Arroganz. Es mangelt an Demut, Menschlichkeit und Neugier und dem Wissen, dass das Leben kein Wettbewerb sein muss.

Vierte Überraschung. Der wichtigste europäische Beitrag zur Weltkultur ist die Demokratie. Griechenland entblößte die Probleme der Europäischen Union und Europas bis auf die Knochen. Es wird weniger gelogen. Die Wirtschaft hat die Politik dazu gezwungen. Die Wirtschaft und der Markt herrschen, ihnen sind Opfer zu bringen und nicht nach den Fragen der Menschenrechte zum Beispiel. Wir wissen doch, wer die globalisierte Gesellschaft regiert, versteckt und totalitär. Ich kann eine Reihe Wörter aufzählen, die sich selbst betrügen: Demokratie, Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz und gleiche Rechte für alle, Solidarität und Souveränität. Die Demokratie steht an erster Stelle. Was passiert hier eigentlich? Wird auch Europa zu einem Ort, wo kein Platz ist für den Geist? Ja, die Europäer fahren für das Geistige nach Indien, aber handeln mit China.

Was die konkrete Mentalität der tschechischen Gesellschaft angeht, ist die Respektlosigkeit vor dem Gesetz und jeglichen Normen grenzwertig. Die Politiker beteuern einem nur immer wieder eine Sache: die Regeln sind, dass es keine gibt. Die Gesellschaft braucht allerdings Normen und Regeln. Es gibt aber auch einen anderen Weg: sich seine eigene Parallelwelt zu schaffen. Mit toleranten Freunden. Eine Welt, in der man dem einen ein Geschenk zu Chanukka geben kann und den anderen eines vom Christkind bringt. Hauptsache das Wort betrügt sich nicht selbst. Die Gefahr ist die Reduzierung des Lebens auf das Business im Namen der Demokratie.

Fünfte Überraschung. Die größte europäische Erfindung war der Buchdruck. Die Tschechen sind stolz auf die Kontaktlinsen. Dabei musste der Erfinder Otto Wichterle dafür einiges erdulden, sogar um das Patent brachte ihn die Kommunistische Partei. Er war ein nobler, intelligenter und anständiger Demokrat. Aber bei uns herrschte und herrscht die Stimmung der Bewunderung für den Stärkeren. Die tschechische Variante des Kapitalismus kehrt zurück zu den Gesetzen des Dschungels: der Stärkere beherrscht den Schwächeren.

Sechste Überraschung. Die Tschechen gaben als Land in dem sie leben möchten Deutschland an. Ja? Wir sind immer noch ein verzauberter Wald. Weder im Balkan noch im Westen. Immer noch verfehlt man Worte und Taten. Die tschechischen Politiker zücken die anti-deutsche Karte immer dann, wenn sie von den eigentlichen lokalen Problemen ablenken wollen. Die erste Massenhysterie dauert an: die Vertreibung der Deutschen im Jahr 1945. Ich habe in der Schule nie erfahren, dass hier über Jahrhunderte Deutsche und Tschechen lebten (nach der schulischen Interpretation kamen sie erst mit Hitler und wurden somit gerechtfertigt vertrieben).

Die Stimmung um die Vertriebenenprozesse dient populistischen Politikern bis heute als Schreckgespenst, die Präsidenten Klaus und Zeman mit eingeschlossen. Zu der organisierten Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus Böhmen und Mähren, als verteidigter und nationalstaatlicher Gedanke, kam es in Übereinstimmung mit den Siegermächten. Aber schon im Sommer 1945 kam es zu der sogenannten wilden Vertreibung, die durch Organe der Staatsmacht vor Ort durchgeführt und vom Terror und Massenmord an Deutschen, Kollaborateuren und unschuldig denunzierten Mitbürgern begleitet wurde.

Diese revolutionären Ausrutscher waren Vorboten für die politischen Säuberungen in der tschechischen Bevölkerung vor dem Februarumsturz 1948. Der Journalist Ferdinand Peroutka schrieb 1956: „Mit der Vertreibung der Deutschen entstand eine Atmosphäre, in der man ohne große Aufmerksamkeit politische Gegner beseitigen lassen konnte und sich an ein Leben ohne Rechte und Gesetz gewöhnte. Palacký hat einmal gesagt, dass er eine Nation nicht schätzen könnte, wenn nicht auch der letzte Zigeuner gleichberechtigt ist. Jetzt aber, nach dem Jahr 1945 verschwand für Hunderttausende das Eigenrecht, nur um es später für weitere hunderttausend Nichtsahnende ebenso verschwinden zu lassen. (…) Das sind die moralischen Folgen der Massenvertreibung, die man schon jetzt erkennen kann: Wenn es möglich ist einen Menschen für seine Herkunft zu bestrafen, dann ist es später auch möglich ihn dafür zu bestrafen, dass er einer bestimmten sozialen Klasse angehört oder einer bestimmten Partei.“

Siebte Überraschung. Die Tschechen gaben als Stadt, in die sie gerne ziehen würden, Berlin an. Im Jahre 2010 hatte ich die Möglichkeit in Berlin zu arbeiten, unweit vom Savignyplatz. Schreiben. Übersetzen. Ich wollte in Berlin bleiben. „In Berlin passiert nichts, ziehen sie da nicht hin,“ sagte mir Peter Demetz vor meiner Abreise. Berlin ist eine offene Stadt. In Berlin Kreuzberg hatten sie gerade eine neue Moschee eröffnet, unter der Bedingung, dass Frauen und Männer hier gleichberechtigt beten können. Und die Literaturwelt feierte den neunzigsten Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki. Dieser hat sich entscheidend über meine drei Lieblingsromanfiguren des 19. Jahrhunderts geäußert: Anna Karenina, Madame Bovary und Effi Briest. Die drei bekanntesten Rebellinnen der heiligen Institution der Ehe. Aber es ging hier um alles: um Unabhängigkeit, um die Fähigkeit das eigene Leben zu leben und sich von der Sklavenmentalität zu befreien. Man kann sich nur selbst erlösen. Alle drei scheiterten. Die Ein-Mann-Partei ist die einzige Option. Anderenfalls bringen wir uns nur wieder gegenseitig in die Sklaverei. Und ein übereilter Umzug nach Berlin ist auch keine Lösung.

Achte Überraschung. Der wichtigste europäische Politiker ist für die Tschechen Winston Churchill (insgesamt Angela Merkel). Ja, wir mögen Tote und in der hiesigen Politik kommen Frauen nicht vor. Mich interessierten die Antworten der Länder, wo man das volle Potenzial der Frauen noch nicht nutzt, sprich der Hälfte ihrer Bewohner. Ägypten, Algerien, Jordanien, Libanon, Marokko, Serbien, Tunesien und die Türkei. Und wenn ja, erfordert Wirtschaftswachstum männliche Verhaltensmuster, Konkurrenz- und Machtkämpfe. Nur, dass das Leben kein Wettbewerb ist. Es muss es nicht sein. Ein Hoch auf die Veränderungen. Und wenn der Weg in die Freiheit nicht gelingt, schlagen sie ihre Frauen. In der arabischen Welt zum Beispiel... Das ist für mich das Problem von heute: religiöse Ideologien jeglicher Art und die Tatsache, dass wir in die Schuhe eines Mannes oder einer Frau rein geboren werden, denn so wird die Welt von Geburt an auf uns herabblicken. Ich denke an zuhause, an das demokratische Europa. Demokratie ist wirklich kein Exportgut. Es ist schwer Demokratie in einem Land zu etablieren, in dem es keine Demokraten gibt.

Gaddafis Sohn hat vor Jahren mal seine Frau in einem Londoner Hotelzimmer verprügelt. Bevor er sie schlug, beschwerte er sich bei einer Pressekonferenz, wie schwer es ist, Gerechtigkeit in der Welt zu erkämpfen. Ich lamentiere, dass ihre Leben von Nazis, Kommunisten, Kriegen und Diktaturen zerstört wurden. Ich kenne keine Frau Stalin, Frau Hitler oder Frau Mengele. Männer scheinen beladen mit der Aufgabe, die ihnen im Blut zirkuliert, wie ein Code in den Genen. Und wenn sie woanders keine Diktatoren sein können, dann wenigstens in der eigenen Familie, wo sie einen Körper besitzen, den weiblichen Körper. Vielleicht denken sie sich, dass ohne Hölle auch keine Illusionen möglich sind.

Ich habe ein Interview mit einer führenden tschechischen Schauspielerin gelesen, die kokett betonte, dass sie keine Feministin sei, weil sie es mag, wenn Männer ihr die Tür aufhalten und ihr den Vortritt lassen und außerdem möge sie Männer. Ich bin auch keine Feministin und ich mag Männer. Darum geht es hier nicht. Es geht um etwas Entscheidenderes. Es geht darum für eine Gruppe Menschen einzutreten, denen gleiche Rechte aberkannt werden. Demnach müsste dann jede anständige Person Feministin sein. Für mich gibt es aber keine männlichen und weiblichen Themen, für jeden ist die Welt doch gleich kompliziert und schwierig.

Neunte Überraschung. Diese Untersuchung ist selbstbewusst und ehrlich. Woher nimmt man in Europa dann den Hass? Wir sind in der Vergangenheit, beim Terminus des "Bürgers zweiter Klasse". In Deutschland fühlen sich heutzutage mehr als 80 Prozent als Bürger zweiter Klasse. Aber in welchem Sinne? Haben sie keine gleichen Chancen? Dies ist ein konkreter Beweis für die Entartungen der kommunistischen Ideen: das gesamte Experiment, bei dem Familien getrennt wurden, der eine Teil entwickelte sich in Freiheit, der andere in einem Gefängnis von kontrolliertem und sozialistischem Gedankengut hinter Stacheldrahtzaun. Das veranschaulicht, wie die gesellschaftliche Stimmung den Menschen an sich, nicht nur die engsten Familienangehörigen prägt. Das Leben unter der Haube mit der Bedrohung durch Staatssicherheit degradiert den Menschen, es frisst sich unter die Haut. Alle die hinter dem Eisernen Vorhang aufwuchsen, sind bis heute mental anders. Komplexbeladen, neidisch, kleinlich und anfällig für extremistische Ideen. Postkommunistische Stimmen rechtfertigen die Zusammenarbeit mit der Polizei als Teil der politischen Arbeit der Partei.

Ja, die Massen bestätigen die Übermacht der Psychologie über Politik und Wirtschaft. Eine Massenhysterie schafft es die Demokratie in ihren Grundsätzen zu erschüttern, Massen streben nach Macht und diese Verbindung ist für die Tragödien unserer Zeit verantwortlich, denn Massen brauchen einen Führer.

Wir wählen unsere Lebenspläne selbst, auch wenn es das Zusammenspiel von Plänen und Zufällen ist, das ihre Umsetzung beeinflusst. Und wir fügen uns auch der Gesellschaft – heute der modernen, individualisierten Gesellschaft von Konsumenten – die auch die Art beeinflusst (aber nicht definiert), wie wir unsere Lebenswege planen und kommentieren. Als Ergebnis ist die Freiheit grenzenlos. Die Freiheit, sein eigenes Leben zu leben. Es ist wichtig, keine Signale eines Bürgers zweiter Klasse auszustrahlen.

Zehnte Überraschung. Das 20. Jahrhundert ist noch nicht vorbei. Ich glaube daran. Schreibe davon. Denke darüber nach. Warum? Der nationale Aspekt macht mir Angst. Was sich mir auch durch diese Untersuchung wieder bewiesen hat. Die Menschen bevorzugen nationale Filme, nationale Entdeckungen, menschliche und objektive Standpunkte. Europa ist ein besonderer Ort. Spannend. In Australien fährt man Tausend Kilometer und nichts verändert sich. In Europa fährt man ein paar Hundert, in manchen Regionen ein paar dutzend Kilometer und alles ist anders. Die Sprache, die Architektur, das Essen und natürlich die Mentalität. Und Mentalität ist verbunden mit einem Gefäß voller Begriffe aus dem 19. Jahrhundert, so wie Nation und Patriotismus. Über diese gefährlichen Begriffe stolpern wir. Konflikte der Lebenskonzepte werden sowohl auf gesellschaftlicher als auch privater Ebene stets weiter existieren. Politiker wollen manchmal aus einer natürlichen Ordnung - vielfältig wie das Leben selbst – ein (totalitäres) System schaffen (was in der Kunst immer als Weg in die Hölle gilt). Warum ist heute für viele von uns sich selbst zu definieren ein fertiges Leiden? Alles wurde schon mal aufgeschrieben, nichts wurde verstanden. Wie die Reden über die europäische Identität. Wer ich bin, ist eine grundlegende Frage für jedermann. Der Einzelne darf sich nicht unter der Nationalflagge auflösen. Das "Ich" darf sich nicht in einen Nationalstall auflösen. Auch wenn es zu uns passt.

Die Europäische Union ist für mich ein notwendiges Menschenversuchslabor. Sie zwingt einen an andere zu denken. Die Erfahrung lehrt, sie hat aber keine Schüler. Die EU wendet sich von dem Denken einer unbelasteten Zukunft ab. Es zeigt sich, dass der Gewinn der Freiheit und des freien, kritischen Denkens schwer ist, schon immer war und nie, nie aufhören wird. Wir sind Europäer. Wir sind Menschen. Vielleicht ändern sich die Zeiten auch dank der jahrelangen mühsamen Arbeit der EU: So bleibt ein einziger Weg, uralt und schwer: Respekt und den Willen haben den Anderen zu begreifen und wahrzunehmen. Zuletzt existiert nur eine einzige Grenze: die zwischen Mensch und Mensch.